Luka, wann hast du Geburtstag?", fragt der Vater seinen Sohn."Surfbrett", antwortet Luka.Der Vater wirft die Arme in die Luft, klatscht, ruft: "Jaaaaa, Luka hat sich erinnert", und weil ein Außenstehender nicht verstehen kann, warum ihn die Antwort so begeistert, erklärt er: "Ich habe ihm gesagt, wenn ich Geburtstag habe, dann wünsche ich mir ein Surfbrett!" Deniz Döhler steht nun im Kinderzimmer und bewegt rhythmisch die Hüften, so, als surfe er auf einer Welle. Es ist seine Art, mit seinem Sohn zu kommunizieren.Luka ist vier. Er war ein dreiviertel Jahr alt, als er begann, sich in seine eigene Welt zurückzuziehen. Er lachte und schmuste nicht mehr mit den Eltern, er schrie, wenn sie ihn berührten oder zerkratzte ihnen das Gesicht. Wenn sie ihn hochhoben, hing er wie leblos in ihren Armen.Luka lehnte es ab, mit einem Löffel gefüttert zu werden, akzeptierte nur die Brust der Mutter. "Ich musste ihn weiter stillen, alle drei Stunden", erzählt Christiane Döhler. Nachdem das nicht mehr ging, wog Luka mit knapp einem Jahr weniger als sieben Kilogramm.In der Krabbelgruppe spielte er nicht wie andere Kinder. Stundenlang saß er auf dem Fußboden und wiegte den Kopf hin und her. Oder er ließ Gegenstände, zum Beispiel eine Schüssel, kreiseln. Er fing an, andere Kinder ins Gesicht zu kneifen. Oder er weinte, wenn sie ihm zu nahe kamen. Nur wenn er allein war, war er ruhig.Mit 19 Monaten hatte er keinen Zugang zu Sprache, er verstand nichts und konnte nichts sagen. Er konnte keinen Blickkontakt halten. Und er hatte kein Gefühl für Gefahr. Als Luka 22 Monate alt war, bekam er die Diagnose "dringender Verdacht auf frühkindlichen Autismus".Autisten verarbeiten Eindrücke anders als andere Menschen. Ihre Welt besteht aus vielen Details und es fällt ihnen schwer, diese Puzzlesteine zu einem Bild zusammenzusetzen. Sie mögen es nicht, wenn sich Dinge verändern. In Lukas Kinderzimmer stehen nur wenige Gegenstände. Die Eltern sperren alles aus, was Luka überfordern könnte.Im November 2006 hörten die Döhlers von "Son Rise", einem Programm, das es in Amerika gibt. Es wurde in den 70er-Jahren von einem Ehepaar entwickelt, bei dessen Sohn Autismus diagnostiziert und ein IQ von unter 30 festgestellt worden war. Später zeigte er keine autistischen Züge mehr, er studierte und leitet heute eine Non-Profit-Organisation sowie ein Autismus-Zentrum.Deniz Döhler und seine Frau Christiane gab das Hoffnung, ihren Sohn heilen zu können; auch wenn sie in Fachbüchern gelesen hatten, dass Autismus nicht heilbar ist. Sie bestellten Informationsmaterial, und als sie eine DVD über das Programm sahen, mussten sie weinen, so berührt waren sie von den Erfolgen, die damit offensichtlich erreicht werden konnten.Die Eltern selbst seien die besten Lehrer, nicht Ärzte oder Therapeuten, sagt das Programm. Sein Spielzimmer, in dem er sich sicher fühle, sei der beste Platz zum Lernen, nicht eine Praxis. Also arbeiten Lukas Eltern zu Hause mit ihm. Sie haben ihr Leben darauf eingerichtet. Früher standen die beiden als Improvisationsschauspieler auf der Bühne. Heute arbeitet Christiane Döhler kaum noch, ihr Mann nur noch 30 Stunden pro Woche, er gibt Schauspielkurse. Vom Jugendamt bekommen sie 690 Euro monatlich. Sie haben ehrenamtliche Helfer, die sie über Zeitungsanzeigen suchen.Von klassischen Therapien unterscheidet sich das Programm außerdem darin, wie auf das Kind eingegangen wird. Wenn Luka stundenlang eine Schüssel oder eine CD drehen will, dann werden ihm diese Dinge nicht weggenommen und durch Bauklötze ersetzt, wie bei vielen Therapeuten üblich. Im Gegenteil. Christiane und Deniz Döhler setzen sich neben ihn und kreiseln mit ihm zusammen. So versuchen sie, Kontakt zu ihrem Kind aufzunehmen, das Fenster in seine verschlossene Welt zu öffnen. "Irgendwann, nach Stunden, bemerkte ich, dass Luka begann, meine Hände zu beobachten", erzählt Christiane Döhler. "Unsere Blicke trafen sich. Später zeigte ich ihm, wie man mit dem Löffel isst, immer wieder. Luka machte das langsam nach, begann zu essen und nahm endlich zu."Das Son-Rise-Programm ist nicht unumstritten. "Es wird in Deutschland nach meinem Wissen nur von wenigen Familien angewendet", sagt der Diplom-Psychologe und Autismus-Experte Tobias Leppert. Vielleicht auch, weil es sehr aufwändig ist. Die meisten Betroffenen vertrauen den Therapeuten und ihren klassischen Methoden. Es gebe viele verschiedene Ansätze und Therapieformen, sagt Leppert, das sei auch sinnvoll, wichtig sei, dass sich die betroffene Familie mit dem Programm wohlfühle.Die Döhlers arbeiten ständig mit zehn ehrenamtlichen Helfern zusammen, die sich nach ihren Vorgaben abwechselnd mit Luka beschäftigen. Eine angehende Krankenschwester ist darunter, Schauspieler und eine Ergotherapeutin, Anja. Anja spielt heute zum ersten Mal mit Luka. "Go, Anja, go!", ruft Deniz Döhler und reißt die Arme in die Luft, bevor Anja ins Spielzimmer geht. "Wer Lukas Welt betritt", sagt Deniz Döhler, "der sollte voller Energie sein, glücklich und zufrieden." Nur eine optimistische Grundhaltung helfe und motiviere ihn.Luka dreht eine CD, dabei saugt er schlürfend Luft ein. Anja kreiselt mit, Luka will von ihr eine neue CD, seine ist kaputt. Sie suchen nach neuen Gegenständen, die sie kreiseln können. Irgendwann drehen sie CDs, Schüsseln, Frisbees, Würfel. "Super", murmelt Deniz Döhler vor der Tür. Früher hat Luka stundenlang wie in Trance geschüsselt, heute redet er oft dabei.Am nächsten Abend treffen sich die Helfer zur Auswertung im Spielzimmer. Alle zwei Wochen kommen sie zusammen und tauschen sich aus. Sie sitzen im Schneidersitz auf dem Teppichboden und Deniz Döhler will, dass sie die Augen schließen. "Wir fangen an mit dem schönsten Moment, den ihr in den vergangenen 14 Tagen mit Luka hattet", sagt er. Eine Helferin erzählt, wie sie abends auf Luka aufgepasst und ihn ins Bett gebracht hat. "Er hat mich 30 Minuten geschlagen, immer wieder ins Gesicht", sagt sie. Sie habe sich dann neben das Bett gesetzt, weil sie dachte, sie sei ihm zu nah. "Dann hat er geschrien: ,Maxi, Bett!' Ich habe mich wieder zu ihm gelegt. Da ist er aufgesprungen, hat sich hinfallen lassen und wir sind in Löffelchenstellung eingeschlafen. Das war total schön!"Plötzlich öffnet sich langsam die Tür und Luka guckt durch den Spalt. Er sitzt im Schlafanzug auf dem Boden und starrt mit offenem Mund auf den Sitzkreis. "Ganz schön viele da", murmelt er. Früher hätte er wahrscheinlich angefangen zu weinen.Im November 2008 hat Luka sich zum ersten Mal an seine Mutter herangekuschelt. Sie kam gerade aus den USA von einer Son-Rise-Fortbildung zurück. "Es war, als hätte ich ein wildes Tier auf dem Schoss: Ich wusste nicht, läuft es weg, wenn ich es über den Kopf streichle. Ich wollte diesen Zaubermoment nicht zerstören", erinnert sie sich. Inzwischen hat Luka guten Blickkontakt, er hat das Kauen gelernt, er isst und trinkt selbstständig alles, was auch die Eltern zu sich nehmen. Er putzt sich die Zähne und beginnt, aufs Töpfchen zu gehen. Seine Körpergröße und sein Gewicht sind seit mehreren Monaten wieder altersgerecht. Die Kinderärztin hat seine Sprachentwicklung als altersgemäß eingestuft, er sucht den Kontakt zu Menschen und seit Kurzem auch zu Kindern von sich aus.Die Eltern haben einen Integrationskindergarten für Luka gefunden. Ein Erzieher und ein Heilpädagoge werden dort nach dem Son-Rise-Programm mit ihnen zusammenarbeiten. Sie sind sich inzwischen sicher, den richtigen Weg gefunden zu haben. "Einige unserer Bekannten finden, wir überfrachten unseren Sohn mit Liebe", sagt Christiane Döhler. "Vielleicht habe ich ja irgendwann ein total verzogenes Kind. Aber eines, mit dem ich kommunizieren kann."------------------------------Foto: Deniz und Christiane Döhler mit ihrem Sohn Luka. Fröhlichkeit gehört zum Programm.Autismusprogramm Son-Rise-Familie mit einem 4-jährigen Autisten sucht ehrenamtliche HelferInnen mit Energie, Enthusiasmus, Begeisterungsfähigkeit und sehr guten Deutschkenntnissen für mind. 3-4 Monate. 4h/Woche unentgeltlich incl. Feedback/Fortbildung/Supervision im Team. Jede weitere Stunde 7 Euro.