Am ersten Schultag hatten sie ihnen die Säule in der Mitte der Eingangshalle gezeigt, dort könne man eigene Texte anbringen, zensiert werde nicht. Um die Säule war Stoff gespannt und der Name gepinnt: "Speakers Corner". So wie die Ecke im Hyde Park in London, an der jeder eine öffentliche Rede halten darf.Es war ein großer Name für eine Wandzeitung in der Eingangshalle einer Erweiterten Oberschule in Berlin, Hauptstadt der DDR, Bezirk Pankow. Die Schule selbst hatte auch einen großen Namen: Carl von Ossietzky, Schriftsteller, Pazifist, Friedensnobelpreisträger.Philipp Lengsfeld und Kai Feller waren neu in der 11. Klasse. Zwei Wochen später brachten sie ihre ersten Beiträge an der Wandzeitungssäule an. Vier Wochen später flogen sie deswegen von der Schule. Sie würden auch nirgendwo anders mehr Abitur machen können, wurde ihnen gesagt. Das war am 30. September 1988.Zwanzig Jahre später steht Philipp Lengsfeld in einem dunklen Anzug in der Friedrichstraße, einen Blackberry in der Hand. Er hat viele Termine zu koordinieren, er arbeitet für ein großes Pharmaunternehmen und macht ehrenamtlich Politik. Er ist 36 Jahre alt, ein rotblonder Mann mit Brille, der berlinert und oft in lautes Lachen ausbricht, und der von sich sagt: "Ich bin ganz schön konservativ geworden." Er vertritt die CDU in der Bezirksverordnetenversammlung in Pankow.Schicksalhaft, ein anderes Wort habe er nicht für das, was damals passiert ist, sagt Philipp Lengsfeld. Eine Riesenbewährungsprobe, die er und seine Freunde bestanden haben. Und die sie geprägt hat.Insgesamt vier Schüler wurden am 30. September 1988 von der Ossietzky-Schule und aus dem DDR-Schulsystem geworfen. Vier weitere Jugendliche wurden an andere Schulen versetzt oder mit Verweisen bestraft. Die acht hatten sich geweigert, ihre Unterschriften unter einem Aushang gegen Militärparaden zurückzuziehen. Sie waren damit zu Feinden des Sozialismus geworden, zu Rädelsführern, zu Konterrevolutionären. Schulbehörde, SED, FDJ und Staatssicherheit drängten auf die Bestrafung der Schüler - bis hin zu Margot Honecker, Ministerin für Volksbildung.Nach dem Rausschmiss sind sie zu Helden geworden - für die Protestbewegung, die sich überall im Land formierte. Die Kirchen legten Flugblätter zu dem Fall aus, die West-Medien berichteten, bis zur Wende im Herbst 1989 gab es unzählige Aktionstage und Solidaritätsaufrufe für die Schüler.Kai Feller ist gerade ein paar Tage in Berlin, zu Besuch bei seiner Mutter. Er lebt seit ein paar Jahren in Bad Doberan an der Ostsee, er arbeitet in Steffenshagen und Retschow, zwei kleinen Gemeinden in einer dünn besiedelten Gegend. Kai Feller, ein 36-Jähriger mit einem fröhlichen, jungenhaften Gesicht, der in Jeans und Lederjacke zum Gespräch kommt, ist evangelischer Pfarrer.Als er von der Schule flog, war er nicht mal in der Kirche, sondern Atheist, wie seine Eltern.Den Aufruf gegen die Militärparade zum DDR-Geburtstag hatte er verfasst. Ein Verzicht darauf, "riesige Geschosse" aufzufahren, würde "dem internationalen Ansehen der DDR sowie dem gesamten Friedensprozess gut tun", schrieb er. Die Panzer, die nachts am Güterbahnhof Pankow verladen wurden, das Unglück auf dem westdeutschen Militärflughafen Ramstein, Kriegsbilder im Fernsehen, das machte ihm Angst.Das DDR-System fürchtete er nicht. An dem Morgen, an dem sie in der Aula einzeln vortreten mussten, um öffentlich der Schule verwiesen zu werden, war er der einzige, der noch etwas sagte, obwohl sie doch schweigen sollten. Ungerecht sei das alles, weiter kam er nicht, er wurde herausgeführt.Einsamkeit. Das war es, was er in den Wochen nach dem Schulverweis spürte, sagt er. Seine Mutter hatte im Sommer eine Tante im Westen besucht und war dageblieben. Es war abgesprochen, er war einverstanden, wollte aber selbst nicht weg aus der DDR. Er lebte in der Wohnung, die seine Mutter verlassen hatte, von der Halbwaisenrente, die er bekam, seit sein Vater sich zwei Jahre zuvor das Leben genommen hatte.Weil er nicht mehr zur Schule ging, wurde ihm die Rente gestrichen. Er ging ins Rathaus Pankow und sagte, dass er seine Mutter besuchen will. Stellen Sie einen Ausreiseantrag, antworteten sie ihm. Das wollte er nicht, er hatte eine Freundin und viele Freunde in Ost-Berlin, die er nicht verlieren wollte. Die Behörden versuchten auch, seiner Oma, die sich um ihn kümmerte, das Sorgerecht zu entziehen.Er bekam Ausbildungsplätze angeboten, "Tiefbau und solche Sachen". Kai Feller wollte arbeiten, aber nicht für den Staat. Er fing bei der Stephanus-Stiftung der evangelischen Kirche an, in einem Heim für behinderte Kinder.Sein Freund Philipp Lengsfeld - seit der 4. Klasse kennen sich die beiden - verließ die DDR. Seine Mutter, die Oppositionelle Vera Wollenberger, die heute wieder Lengsfeld heißt, war im Januar 1988 festgenommen und nach einem Monat Haft nach Großbritannien abgeschoben worden. Auch Philipp Lengsfeld wollte eigentlich nicht weg von zu Hause.Er und zwei andere Schüler hatten neben Kais Unterschriftenliste ein Gedicht aus der Zeitung "Volksarmee" gehängt. Die Ode eines Oberfeldwebels an seine Kalaschnikow. Die Schüler schrieben daneben: "Ein Gedicht, dass uns tief bewegt und zum Nachdenken angeregt hat." Dieser Aushang wurde sofort entfernt. Auch Ironie konnte konterrevolutionär sein.Nach dem Schulrauswurf erhöhen die Behörden den Druck auf Philipp Lengsfeld, die DDR zu verlassen. Der stellt Bedingungen: Er will seinen Pass behalten, ein Visum für ein Jahr bekommen und in diesem Jahr mehrmals in die DDR einreisen können. Am 9. November 1988 verlässt er Ost-Berlin am Bahnhof Friedrichstraße. Bald geht er in England zur Schule.Im September 1989 geht auch Kai Feller wieder zur Schule. Er besucht das kirchliche Oberseminar in Potsdam-Hermannswerder, dort kann man ein Abitur machen, das nur für kirchliche Studienfächer gilt. Es gibt in der Schule Morgenandachten, Religionsunterricht und ein Internat. Kai Feller zieht dort ein, aber er sagt den Leuten von der Schule, sie sollen sich keine Hoffnungen machen. Er sei hier, um etwas zu lernen, nicht um Christ zu werden.Zurück nach dem MauerfallPhilipp Lengsfeld hat sich im Sommer 1989 entschieden, in England zu bleiben, im Herbst entscheidet er sich wieder um. Er will dabei sein, wenn die DDR zusammenbricht. Am 9. November 1989 reist er ab. Am Hafen von Harwich verpasst er die letzte Fähre. Er macht sich Sorgen, sein Einjahresvisum läuft an diesem Tag ab, aber er muss über Nacht bleiben. Als er am Abend im Hotel den Fernseher einschaltet, sieht er die Bilder vom Mauerfall.Kai Feller fährt am Abend des 9. November gleich zu seiner Mutter nach Wilmersdorf. Am nächsten Morgen kauft er sich auf dem Weg nach Potsdam eine Zeitung. Als er in der Bahn sitzt, entdeckt er eine Meldung: Da steht, dass er wieder in die Ossietzky-Schule darf. Er hat auch Geburtstag an diesem Tag, er wird 18, und sein Leben beginnt von Neuem.Am Sonntagabend darauf werden die vier rausgeworfenen Schüler offiziell begrüßt. Aber nur Philipp Lengsfeld geht schon am Montag in die Schule. Er fängt wieder in der 11. Klasse an. In seinen alten Jahrgang will er nicht zurück. Er spricht sich gegen drei Lehrer aus, die damals besonders gegen ihn und die anderen vorgegangen sind. Der Direktor und die Lehrer verlassen die Schule.Eine Art Star sei er an der Schule gewesen, sagt Philipp Lengsfeld, ob er wollte oder nicht. Er will sich engagieren und nutzt seine Popularität, im zweiten Jahr wird er Schulsprecher. Nach dem Abitur studiert er Physik an der Technischen Universität Berlin, an einem Forschungsinstitut in Adlershof schreibt er seine Diplom- und dann seine Doktorarbeit. In der Studienzeit fängt er an, nebenbei Politik zu machen, erst wird er Mitglied bei den Grünen, dann wechselt er zur CDU.Wenn man ihn heute fragt, was konservativ sein für ihn bedeutet, sagt er: anti-kommunistisch. Dann redet er über Bildungspolitik. Strikt gegen die Einheitsschule ist er, gegen "Zwangs-Ethikunterricht", für freie Schulträger. Er hat früh Kinder bekommen, was er nicht für einen Zufall hält, er hat die evangelische Grundschule in Pankow, die seine Kinder besuchen, mitgegründet.Kai Feller ist 1989 an der Schule in Potsdam geblieben, deren Abitur nun überall anerkannt wird. Er liest mit immer größerem Interesse die Bibel, er spürt, dass er zum Christen wird, aber taufen lässt er sich erst nach dem Abitur, aus Prinzip. Danach studiert er Theologie an der Humboldt-Universität, wird Vikar in Rostock, schließlich Pfarrer. Auch er gründet früh eine Familie. Fünf Kinder hat er, inzwischen ist sein ältester Sohn schon 18, seine jüngste Tochter ist fünf.In seinen Gemeinden bietet der Pfarrer Religions-Schnupperkurse an, "für Leute, die so wie ich aufgewachsen sind", ohne Glauben also. Er sagt ihnen, dass ihm egal ist, ob sie in die Kirche eintreten.Heute Abend werden sich Philipp Lengsfeld und Kai Feller in der Ossietzky-Schule treffen, zu einer Podiumsdiskussion. Sie sind jetzt Zeitzeugen. An dem Gymnasium findet eine Projektwoche zum "Schulkonflikt im Jahr 1988" statt. Zum ersten Mal beschäftigen sich die Schüler aller Klassen mehrere Tage lang mit dem Fall, lesen Akten der Staatssicherheit, reden über das DDR-Schulsystem. Philipp Lengsfeld hat sich immer wieder dafür eingesetzt, dass die Schule ihre Geschichte aufarbeitet, seine Geschichte. Er will im nächsten Jahr seine Tochter hier anmelden.In der Eingangshalle der Schule steht jetzt eine richtige Wandzeitung, an der jeder Texte anbringen kann, unzensiert. Besonders gut genutzt werde sie nicht, sagt der Direktor.Die Birthler-Behörde hat eine umfangreiche Dokumentation zusammengestellt: www.bstu.deÖffentliche Podiumsdiskussion im Carl-von-Ossietzky-Gymnasium: heute, 19 Uhr, Görschstraße 42-44.------------------------------"Sie setzten sich zur Wehr, als hätten wir einen Putsch angezettelt." Kai Feller------------------------------Foto: Kai Feller (l.) und Philipp Lengsfeld vor der Carl-von-Ossietzky-Schule in Berlin-Pankow, aus der sie 1988 aus politischen Gründen entfernt wurden.