MOSKAU, im März. Sie geben sich alle sehr cool: die Sekretärin, die Übersetzerin, der Toningenieur und wer sich sonst noch herumtreibt im Büro des Managers der russischen Mädchenband t.A.T.u. Ihr Chef ist noch nicht da. "Iwan kommt in einer Stunde, vielleicht", sagt die Sekretärin. Davon, dass er zu einem Interview verabredet ist, ist ihr nichts bekannt. Mit ihren sorgfältig zerzausten Löckchen sieht sie aus wie eine Kopie von Lena Katina, eines der beiden Mädchen von t.A.T.u.: Wie sie entschuldigend die Schultern zuckt, die Augenlider senkt: die reine Unschuld.Das t.A.T.u.-Hauptquartier, am Moskauer Malyj Kosichinskij Pereulok 12, liegt nahe den Patriarchenteichen, im angesagtesten Viertel der russischen Hauptstadt. In den eleganten, frisch renovierten Gründerzeithäusern gibt es alles, was man in fernen, finsteren Zeiten entbehren musste: Cafés, Edel-Boutiquen, Einrichtungsgeschäfte, Restaurants. Und an jeder Straßenecke dröhnt ein Presslufthammer, werkelt ein Trupp Bauarbeiter an neuen Büros, Cafés und Restaurants. Wer etwas auf sich hält und es sich leisten kann, lebt und arbeitet hier.Und ist jung. Im t.A.T.u.-Büro ist niemand älter als 30 Jahre. Schapowalows Mitarbeiterinnen sind hübsch und schlank, tragen den winterlichen Temperaturen zum Trotz bauchfreie Tops, sie sehen aus, als würden sie hier nach der Schule ein bisschen Telefondienst machen. Tatsächlich arbeiten sie für das Girlie-Duo t.A.T.u.: Russlands erfolgreichste Popgruppe.Iwan Schapowalows Mitarbeiterinnen telefonieren mit den wichtigen Leuten der internationalen Musik-Branche, beantworten Fanpost aus aller Welt und Interviewanfragen selbst von US-Talkmaster Jay Leno. Vor allem aber sind sie bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie aufregend das alles ist.Auch Iwan Schapowalow, der schließlich doch noch erscheint, gibt sich Mühe, vom eigenen Erfolg nicht allzu beeindruckt zu wirken. "Ich mache das, woran ich glaube und hoffe, es gelingt", sagt er. Das ist schön auswendig gelernt und erweckt nicht im Mindesten den Eindruck von Bescheidenheit. Der Entdecker und Produzent der Mädchenband t.A.T.u. ist erfolgreich und aufstrebend wie das Viertel, in dem er logiert. Zierlich wirkt er, in seinem figurbetonten Strickjäckchen, das Handy am Ohr, den Laptop vor sich auf dem Schreibtisch, muss er noch eben ein paar unaufschiebbare Dinge erledigen. Gerade startet t.A.T.u. zu einer US-Tournee. Da ist Iwan Schapowalow ein gefragter Mann. Das tut gut und lässt ihn in seinem Bürosessel ein wenig größer wirken. "Nichts am Erfolg der Gruppe sei kalkuliert gewesen, behauptet der studierte Psychologe. Und erklärt dann doch das Schema des Erfolgs: Das Thema Liebe sei doch so abgegriffen. "Man musste es in einen neuen Kontext stellen, aus einem anderen Blickwinkel zeigen." "Reframing" nenne man das in der Psychologie, erklärt Schapowalow. Und das habe den Erfolg ausgemacht. Mit all dem hat er sich schon beschäftigt, als er noch in der Werbebranche gearbeitet hat.Das Psychologiestudium hat er abgeschlossen, dann einen Regiekurs in den USA absolviert und schließlich Werbeclips entworfen. Der Erfolg von t.A.T.u. verdankt sich seinem Können, daran lässt Schapowalow keinen Zweifel. "Glück gibt es nicht", sagt er, "nur die Lust, glücklich zu sein." Ihm ist bei allem, was er tut, natürlich an der tiefen Wahrheit seiner Botschaft gelegen. Das Projekt t.A.T.u. habe viele Facetten, sagt er, aber tatsächlich gehe es nur um eines: um Reinheit.Dass die britische Popbranche das offenbar nicht so sieht und das t.A.T.u.-Erfolgsvideo "All the things she said" für Kinderpornografie hält, entlockt Schapowalow nur ein Lächeln. "Ach, die Briten", sagt er, "die haben es auch nicht leicht. Erst verlieren sie ein Weltreich und nun auch noch den Einfluss auf die Weltkultur." Die Briten seien ein Volk, das permanent bemüht sei, seine Gefühle zu unterdrücken, sagt Schapowalow. "Erst diese Geschichte mit Diana und nun treten sie zum zweiten Mal auf dieselbe Harke, wie man im Russischen sagt."Eklat um ein T-ShirtIhn langweilt diese Geschichte. Er möchte von neuen Projekten sprechen, vom jungen Rocksänger Iwan Demjan, den er entdeckt hat und dessen Video so skandalös sein soll wie das von t.A.T.u. Deren neue CD wird im April oder Mai erscheinen und mit etwas Glück werden sie mit ihren unschuldigen Küssen noch eine Weile erfolgreich sein. Ihr jüngster Auftritt in den USA jedenfalls am vergangenen Freitag war schon viel versprechend. Beim Interview mit Talkmaster Jay Leno sorgte das Duo für einen Eklat: Zwar hatten die beiden angeblich lesbischen Sängerinnen versprochen, sich nicht vor der Kamera zu küssen. Auch über den drohenden Irak-Krieg sollten sie nicht sprechen. Doch von den T-Shirts war nicht die Rede. Darauf stand "Zum Teufel mit dem Krieg". Da half es auch nicht, dass der Protest in kyrillischen Buchstaben verfasst war. Leno war brüskiert.Und Iwan Schapowalow ist zufrieden. Bestimmt plant er schon neue Skandale.Kyrillische Buchstaben brüskieren Jay Leno // Das Duo t. A. T. u. ist Russlands erfolgreichste Pop-Band. Die Sängerinnen Lena Katina (19) und Julia Wolkowa (17) sind mit ihrem Lied "All The Things She Said" weltweit in den Charts vertreten.Provokation gehört zum Erfolgskonzept der Band, die der Psychologe und PR-Experte Iwan Schapowalow entdeckte.In Großbritannien sorgte t. A. T. u. für einen Protest, weil sich die beiden Sängerinnen in ihrem Musik-Video küssen. Britische Kritiker sprachen deshalb von Pädophilen-Pop.In den USA verärgerte das Duo nun Talkmaster Jay Leno. Vor ihrem Auftritt musste die Band versprechen, sie nicht auf der Bühne zu küssen. Auch zum Irak-Krieg sollten sie schweigen. Der provokante Ausweg: Die Sängerinnen trugen T-Shirts, die kyrillische Buchstaben mit der Aufschrift "Chuj wojne" zierten. Das bedeutet sehr frei übersetzt: "Zum Teufel mit dem Krieg. ".UNIVERSAL Von wegen harmlos: Julia Wolkowa (l. ) und Lena Katina sind t. A. T. u.BLZ/TICHOMIROWA Iwan Schapowalow inszeniert Skandale.