An der Tür des Café Mierscheid weist ein Zettel auf schwere Zeiten hin: "Sehr geehrte Damen und Herren, die Sie jetzt vor dieser verschlossenen Tür stehen. Der Alltag in Berlin zurzeit ist schwer." Wie überall sei auch hier das Geld knapp, zu viele Vorschriften erschwerten das Geschäft und dann gebe es noch diese hässliche Baustelle vor der Tür. Kurzum, das Lokal hat geschlossen, vielleicht dauerhaft, mindestens aber bis nach der Sommerpause. "Mit freundlichen Grüßen Jakob M. Mierscheid, Mitglied des Deutschen Bundestags."Das Café Mierscheid ist ein Lokal an der Reinhardtstraße. Das Bundespressehaus befindet sich gleich nebenan, in Laufweite liegen die Büros der Bundestagsabgeordneten, aber auch Reichstag und Kanzleramt. Jakob Mierscheid ist ein fiktiver Bundestagsabgeordneter. Ein SPD-Politiker hat ihn vor Jahrzehnten erfunden. Er ist so etwas wie die Visitenkarte des Lokals, denn mit dem in die Fensterscheiben eingravierten Bundesadler richtet es sich an Abgeordnete und ihre Gesprächspartner sowie an Leute, die sich in diesem politisch-geschäftlichen Milieu gern bewegen möchten.Das Ausgehpublikum fehltEine ganze Reihe von Lokalen zwischen Unter den Linden und Charité richten sich an ähnliche Klientel. Das prominenteste ist die "Ständige Vertretung", kurz Stäv genannt, direkt am Spreeufer. Eigentlich müsste es den Gaststätten in direkter Nähe zum Regierungsviertel gut gehen. Vor zwei Jahren herrschte hier regelrechte Goldgräberstimmung unter Gastronomen. Man sah ein Presseviertel entstehen - viel Platz für Politiker und Journalisten für informelle Gespräche. Seit einem halben Jahr haben so viele dieser Lokale wieder geschlossen, dass man fast von einer Pleitewelle sprechen kann. Die "Brasserie Sion" ist dicht. Das Lokal an der Luisenstraße hatte auf Kölsch und Abgeordnete gesetzt. Der Hamburger Gastronom Josef Viehhauser war mit seinem Lokal ins Pressehaus gezogen und hat ebenfalls vor einem halben Jahr wieder zugemacht. Geschlossen hat seit April auch der "Zollernhof" im ZDF-Haus Unter den Linden. Insolvenz ist beantragt.Das Mierscheid soll angeblich im September wieder öffnen. Das sagt zumindest sein Betreiber Aris Papageorgiou. "Wenn im Bundestag Plenarsitzungen sind, kommen Leute", sagt er. Aber jetzt sind Ferien und da fällt auf, was dem Lokal auch zu anderen Zeiten fehlt: Ausgehpublikum am Abend. Obwohl die Reinhardtstraße direkt am Friedrichstadtpalast beginnt und am Deutschen Theater vorbeiführt, verirren sich abends selten Gäste hierher. Papageorgiou ist ein erfahrener Gastronom. Er ist auch an der "Möwe" am Festungsgraben und an den "Kaiserstuben" am Kupfergraben beteiligt. Aber am Regierungsviertel hat er sich das Wirtschaften einfacher vorgestellt. "Es ist eine schwierige Gegend. Wir haben uns alle mehr versprochen", sagt er. Es fehle ein Zugpferd oder wenigstens Geschäfte für Schaufensterbummel. In den Häusern wohnen kaum Menschen. Dort gibt es vor allem Büros. "Diese Ecke lebt nicht. Warum sollte abends jemand bleiben?", sagt er.Das einzige Zugpferd, das es gibt, ist die "Ständige Vertretung". Ob morgens, mittags oder abends, das Lokal ist immer voll. Ein knappes Dutzend anderer Gastwirtschaften hat sich ringsum angesiedelt und profitiert von der Magnetwirkung der beiden rheinischen Wirte Friedel Drautzburg und Harald Grunert. Der Erfolg liege natürlich am Konzept, behauptet Drautzburg. Die Rheinländerschiene: "Wir locken die Rheinländer in Berlin gezielt zu uns." Aber das Bundespresseamt lädt bei ihm auch ganze Busladungen mit Polittouristen zum Essen ab: Gäste aus den Wahlkreisen, die auf Einladung der Abgeordneten Berlin besuchen. Abends kommen Theatergäste, obwohl sie in die Stäv weiter laufen müssen, als bloß die Reinhardtstraße hinauf. Aber das Lokal liegt eben direkt am Spreeufer und ist über Berlins Grenzen hinaus bekannt. Karl Weißenborn vom Hotel- und Gaststättenverband spricht von Ameisenstraßen, auf denen die Gäste entlanglaufen und die die Wirte treffen müssten. Die Stäv hat eine gefunden.Drautzburg ist auch an einem der Lokale an der Reinhardtstraße schräg gegenüber vom Mierscheid beteiligt: dem Piccolo. Und das läuft lange nicht so gut wie die Stäv. "Das Piccolo liegt bei plus minus Null, wir sind auf dem Weg in die schwarzen Zahlen", sagt Drautzburg. Die Mieten im Viertel seien generell zu hoch. 30 bis 50 Mark zahlten Gastwirte pro Quadratmeter. Die Hauswirte würden die Lokale kaputtmachen. Die einnahmeschwache Zeit der Parlamentsferien überbrückt er im Piccolo mit Betriebsferien. Die Gegend sei aus gastronomischer Sicht tatsächlich schwieriger, als die meisten Wirte noch vor zwei Jahren vermutet hätten. Da helfe nur Erfahrung, wie er und sein Partner sie hätten. "Wir wissen, wie ein Regierungsviertel funktioniert. Man muss sich die Gäste heranziehen, weil dort niemand wohnt. Das kann fünf Jahre dauern."Foto: BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Das Café Mierscheid hat geschlossen - mindestens vorübergehend.