Kann man solche Brutalität Kindern zumuten? Da steht das wirklich zierliche Skelett des Allosaurus fragilis, des größten Fleischfressers, den das Zeitalter Oberjura hervorgebracht hat. Sein rekonstruierter Kopf reckt sich durch die Glasscheibe im Naturkundemuseum, blickt gierig zum Informationstresen. Auf dem Erklärungsschild zu diesem zwischen 1909 und 1913 im tansanischen Tendaguru ausgegrabenen Skelett liest man neben dem zum Größenvergleich hingestellten Menschen: "Nahrung: Fleisch". Eine von vielen Irritationen, die die neue Ausstellung des Naturkundemuseums auslöst: Der Mensch, ein Häppchen für schnellere, größere, kräftigere Tiere?Fressen und gefressen werden, das ist zweifellos ein zentrales Thema der Entwicklung des Lebens. Im Zentrum der großen Saurierhalle wandeln die gewaltigen Pflanzenfresser, unangreifbar durch ihre schiere Größe; rennen die viel kleineren Fleischfresser vor ihrem Schritt, stürzen sich dabei geradezu auf den zierlichen, pflanzenfressenden Dysalothosaurus. Auch diese Inszenierung kommt also nicht ohne den Jurassic-Park-Effekt aus - durch den Film meinen wir ja alle zu wissen, wie sich Dinosaurier bewegten. Immerhin wird versucht, das Bild aufzubrechen, mit in Ferngläsern verborgenen Animationen und genauen Erklärungen. Erfreulich ist aber, dass die Technik nur als Hilfsmittel begriffen wird. Niemals wird man von den kostbaren Originalen abgelenkt.Darin, aber nur darin gleicht das neue Naturkundemuseum noch der herrlich altmodischen paläontologischen Ausstellung des Pariser Musée d'Histoire Naturelle, die hoffentlich bald als Monument der Museums- und Naturkunde unter strikten Denkmalschutz gestellt wird. Denn während überall sonst und nun auch in Berlin versucht wird, ganze Naturräume zu rekonstruieren, hält man in Paris noch fest am alten Vergleichssystem, in dem Knochen neben Knochen steht, unterschiedslos, dramatisch nur durch die Masse der Objekte.Zwischen Mensch und Allosaurus liegen viele Millionen Jahre, und welcher von beiden der größere Erfolg der Evolutionsgeschichte ist, wird sich noch zeigen. Dinosaurier beherrschten die Erde 170 Millionen Jahre lang, der Mensch existiert gerade einmal 2 Millionen Jahre. Aber wieso Erfolg? Wer diese Frage am Ende des neuen Rundgangs nicht stellt, hat wenig gelernt. Gibt es in der Evolution, gibt es in dem Wunder, das wir Leben nennen und das mit etwa 3,5 bis 3,9 Milliarden Jahren nur wenig kürzer währt als die derzeit auf etwa 4,6 Milliarden Jahre geschätzte Geschichte der Erde, gibt es da Erfolg? Es gibt nur bessere und schlechtere Anpassung, lehrte uns Darwin, und bisher ist kein besseres Erklärungsmodell für die Entstehung, das Aufblühen und Vergehen von Lebensformen entwickelt worden.In einer der großen, alten Vitrinen stehen ein Löwe und ein Zebra sich gegenüber. Wunderbare historische Präparate aus der reichen, bis ins 18. Jahrhundert zurück reichenden Sammlung des Museums. Und zwischen ihnen schwebt ganz klein die Tsetsefliege, vom Menschen gefürchtete Überträgerin der Schlafkrankheit. Auf Tiere kann sie eine Hirnhautentzündung übertragen. Beide, Löwe wie Tsetsefliege, können das Zebra schlechter erkennen, weil es gestreift ist. Es überlebt dank seines Schmucks, dank einer Fellanomalie. Denn das war das Streifenmuster wohl ganz zu Beginn. Die Ausstellung lehrt uns im Nebenbei, tolerant zu sein gegenüber dem, was wir als "unnormal" betrachten: Vielleicht ist die "Behinderung" kein Schicksal, sondern vorweggenommene Anpassung an künftige Bildungen der Natur?Selbstverständlich ist auch diese Ausstellung ein Kampfmittel der Naturwissenschaftler in der Schlacht mit denjenigen, die eine religiöse Konstruktion zur Erklärung des Lebens heranziehen. Dass die Idee einer Schöpfung in sechs Tagen oder die eines "Intelligent Designers" zu kompliziert ist, während die der Evolutions-Theorie bei allem Streit, wie sich etwa Arten voneinander unterscheiden und auseinander entwickeln (hier selbstverständlich exzellent erklärt), von berückend eleganter Einfachheit ist, das lernt man schnell. Nicht zuletzt deswegen, weil das Museum seine Geschichte als Instrument des Kampfes für Darwin demonstrativ vorführt: Zentral wird der Archaeopterix inszeniert, als Mona Lisa der Naturkunde. Dieses Skelett eines flugfähigen Dinosauriers schien als Zwischenglied zwischen Dinosaurier und Vogel Darwins These - dass die Entwicklung der Arten über Zwischenstufen ginge, die die Anpassung an die Naturgegebenheiten vorweggenommen haben - unmittelbar nach deren Erscheinen zu bestätigen. Und das Museum hat seine Vitrinen aus dem 19. Jahrhundert - diese eleganten Glaskästen mit zierlichen Eisenkonstruktionen, die systematisch geordnet Massen von Objekten beherbergen konnten und damit Ideen wie die Darwins überhaupt erst möglich machten - nicht durch beliebige neue Glaskästen ersetzt, sondern aufgearbeitet, so dass sie nun die Geschichte des Hauses mit seiner Zukunft auf das Glücklichste verbinden können.Man erlebt die Folgen der Meteoriteneinschläge und des Vulkanismus, sieht - weil erstmals die gut restaurierte große Treppe auch für das Publikum geöffnet ist - die miserablen Arbeitsräume, die katastrophalen Bedingungen der Depots. Die 100 Millionen Euro für die Sanierung dieser Räume haben die Politiker immer noch nicht bewilligt, denn hier dreht es sich ja nur um das, was für die Wissenschaft interessant ist.Und wenn man dann am Ende des Besuches - schnell sind zwei, drei Stunden vergangen - zurückgeht in die große Saurierhalle, sind die Saurierskelette immer noch gewaltig. Doch man ist nicht mehr erschlagen von der Größe, weiß: Auch diese Tiere, unter deren Schritt möglicherweise wirklich die Erde erbebte, waren nur eine Episode in der reichen Geschichte des Lebens. Und man weiß noch etwas anderes: Nicht die Erde ist gefährdet, wie es uns Live Earth weismachen wollte, auch wir sind nicht gefährdet - wir werden verschwinden so wie viele Arten vor uns. Die Frage ist nur, wann. Die Frage ist, wie weit wir intelligent genug sind, um uns noch für etwas längere Zeit in die ständig wechselnden Situationen der Natur einzufügen und damit unser Verschwinden hinauszuzögern. Das zu lernen, ist wirklich brutal - viel brutaler als die jedem Eisbär-Fan bekannte Feststellung, dass auch der Mensch Futter ist.------------------------------Eine Bildergalerie aus dem Museum finden Sie unter www.berliner-zeitung.de/bilder------------------------------Auch diese Ausstellung kämpft um Darwins Erbe.------------------------------Foto: Nur einen winzigen Ausschnitt aus dem Wunder der Lebensvielfalt zeigt diese Vitrine im Naturkundemuseum.------------------------------KORREKTUR vom 14./15.Juli 2007- Auf S. 25 wurde verkürzt festgestellt, dass der Mensch erst 2 Millionen Jahre existiert. Tatsächlich sind Vorformen der vielen Menschen- und Affenarten bis zu 35 Millionen Jahre alt. Vor etwa 10 Millionen Jahren haben sie sich genetisch voneinander getrennt, etwa 2 Millionen Jahre alt ist die Menschenart Homo Erectus. Nachdem die Art Homo neanderthalenis vor 12 000 Jahren ausstarb, ist der Homo sapiens die letzte überlebende Art eines einst weit ausgebreiteten Stammbaumes.