Zwei bis drei Tage - so lange dauert eine leichte Magen-Darm-Erkrankung gewöhnlich. Weil viele Betroffene deswegen nicht den Arzt aufsuchen, bleibt die Krankheitsursache meist im Dunkeln. Dabei kann durchaus der letzte Besuch am Badesee die Ursache sein.Welchen Einfluss das Baden in Seen und Flüssen auf die Gesundheit hat, ist in einer vom Umweltbundesamt (UBA) in Auftrag gegebenen Studie untersucht worden, deren Abschlussbericht in den nächsten Wochen erscheinen wird. Unter dem Motto "Plantschen für die Wissenschaft" waren dafür im Sommer 2000 und 2001 jeweils etwa vierhundert Menschen unter der Aufsicht des Umweltmediziners Albrecht Wiedenmann von der Universität Tübingen in den Berliner Plötzensee und vier andere deutsche Gewässer gesprungen. "Wir wollten herausfinden, wie hoch das Durchfallrisiko bei unterschiedlichen Konzentrationen von Mikroorganismen ist", berichtet Wiedenmann, der heute beim Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg in Stuttgart arbeitet. Seine Ergebnisse zeigen, dass schon deutlich unterhalb der bisherigen Grenzwerte Gesundheitsrisiken bestehen.Bakterien und Viren kommen in jedem natürlichen Badegewässer vor. Eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 1976 schreibt allerdings Grenzwerte für bestimmte Bakterienarten vor. So dürfen hundert Milliliter Badewasser höchstens 2 000 Keime des Darmbakteriums Escherichia coli enthalten. 95 Prozent der Proben müssen diesen Grenzwert einhalten, ansonsten bekommt das Gewässer einen roten Punkt, der Badende vor dem Sprung ins kühle Nass warnt. Der anzustrebende Richtwert liegt bei 100 Keime pro 100 Milliliter. Dabei geht es weniger um die Gefahren, die von Escherichia coli selbst ausgehen. Denn nur wenige Stämme des ansonsten harmlosen Bakteriums sind bisher als Krankheitserreger in Erscheinung getreten. Diese Art gibt aber Hinweise darauf, wie stark ein Gewässer mit Fäkalien und damit verbundenen gefährlichen Bakterien belastet ist. Davon gibt es rund 50, doch das Badewasser auf jeden dieser Keime hin zu untersuchen, wäre viel zu aufwändig und zu teuer. Daher schätzt man die Belastung anhand von Indikatorarten wie Escherichia coli ab, die sich leicht nachweisen lassen. In allen Gewässern, die im Rahmen der Studie untersucht worden waren, entsprach die Wasserqualität den Bestimmungen. "Unklar ist allerdings, ob tatsächlich keine Gesundheitsgefahr besteht, wenn die Grenzwerte eingehalten werden", sagt Albrecht Wiedenmann. Der Grund für seinen Zweifel liegt in der Art und Weise, wie die Europäische Richtlinie für Badegewässer 1976 aufgestellt wurde: Die Europäische Kommission hatte sich damals eher an einer Keimkonzentration orientiert, die technisch leicht nachzuweisen ist, als am Gesundheitsrisiko, das eine bestimmte Keimzahl im Wasser darstellt.Um herauszufinden, welche Keimkonzentration noch unbedenklich ist, haben Wiedenmann und seine Kollegen zunächst für jeden Studienteilnehmer detaillierte Informationen über Gesundheitszustand, Ernährungsgewohnheiten und Freizeitaktivitäten protokolliert. Anschließend stieg die Hälfte der Probanden für zehn Minuten ins Wasser und tauchte mindestens dreimal den Kopf unter. Die übrigen Teilnehmer blieben zu Vergleichszwecken ohne Wasserkontakt am Strand. In einem Interview und einem Fragebogen musste jeder Proband später über eventuelle Magen-Darm-Beschwerden berichten. An zahlreichen Punkten jeder Badestelle haben die Wissenschaftler zudem alle zwanzig Minuten Wasserproben genommen und diese auf sechs Gruppen von Mikroorganismen untersucht. "Wir wollten sehen, welche Keime und Viren besser und welche schlechter auf ein mögliches Durchfallrisiko hinweisen", erläutert Albrecht Wiedenmann.Getestet wurde daher auf Escherichia coli und weitere Fäkalbakterien wie Clostridium perfringens und die so genannten Darm-Enterokokken. Darüber hinaus standen Viren auf dem Untersuchungsprogramm, die das Bakterium Escherichia coli befallen. Diese so genannten Coliphagen sind für den Menschen harmlos, gelten aber als viel versprechende neue Indikatoren. Denn sie sind deutlich kleiner und anders gebaut als Bakterien. Mikrobiologen vermuten daher, dass Bakterien und Coliphagen im Badesee unterschiedlich schnell absterben. Die Messung der Konzentration an Coliphagen könnte repräsentativ für Viren sein, die beim Menschen Krankheiten auslösen. Dazu gehören in unseren Breiten zum Beispiel verschiedene Erreger von Magen-Darm-Erkrankungen wie Norwalk-, Coxsackie- und Echoviren. Um die Vergleichbarkeit von Viren, die Bakterien befallen und solchen, die Menschen gefährlich werden können, zu erforschen, untersuchen Wissenschaftler am Umweltbundesamt derzeit mithilfe eines künstlichen Flusses, inwieweit sich die Lebensbedingungen der Mikroorganismen ähneln.Albrecht Wiedenmann hat bei seinen Untersuchungen allerdings nicht feststellen können, dass Coliphagen bessere Indikatoren sind als Bakterien. "Wir haben bei allen unseren Indikatorarten einen Schwellenwert gefunden, bei dem das Risiko für Magen-Darm-Erkrankungen deutlich ansteigt", sagt der Umweltmediziner. Die Überraschung: Das Infektionsrisiko ist schon bei geringen bakteriellen Belastungen deutlich höher als bisher angenommen - und als die gültigen Grenzwerte glauben lassen. Bei Escherichia coli zum Beispiel zeigte sich ein Effekt nicht erst bei den erlaubten 2 000, sondern schon bei etwa 100 Bakterien pro 100 Milliliter Wasser. Oberhalb dieser relativ niedrigen Konzentration litten 7,5 Prozent der Badenden später unter Durchfall oder Erbrechen. Das Risiko war damit zwei- bis dreimal so hoch wie bei Testpersonen, die nicht gebadet hatten.Auch Studien in Großbritannien und anderen Ländern weisen darauf hin, dass Gesundheitsrisiken schon deutlich unterhalb der gültigen Grenzwerte drohen. Die EU-Kommission hat bereits reagiert und im vergangenen Herbst eine überarbeitete Richtlinie mit strengeren Vorschriften vorgeschlagen. Dieser Entwurf ist derzeit noch in der Diskussion, könnte aber schon nächstes Jahr umgesetzt werden. Er enthält zum Beispiel für Escherichia coli einen deutlich verschärften Grenzwert von 500 Organismen pro 100 Milliliter Wasser. "Diese neuen Grenzwerte werden das Risiko für Magen-Darm-Erkrankungen etwa halbieren", schätzt Albrecht Wiedenmann. Grundsätzlich hält er eine solche Verschärfung für sinnvoll. Badegewässer ohne jedes Risiko werde es allerdings auch in Zukunft nicht geben. Denn sonst müsste das Wasser in jedem Badesee Trinkwasserqualität haben und damit völlig keimfrei sein. Das ist aber allein schon deshalb nicht möglich, weil Wasservögel und die Badenden selbst für eine gewisse Grundverschmutzung sorgen - jeder Badende bringt rund zwei Milliarden Keime pro Badegang ins Wasser, so schätzen Hygieniker. "Trotz aller Gesundheitsüberlegungen wollen wir ja das Baden nicht überall verbieten", sagt Wiedenmann. Jeder Grenzwert sei daher ein Kompromiss zwischen Gesundheitsschutz und Badeinteressen. Die derzeit diskutierte EU-Novelle verschiebt das Gewicht also etwas weiter in Richtung Gesundheit.Europäischer Badegewässeratlas:europa.eu.int/water/ cgi-bin/bw.plBerliner Badegewässerqualität:www.Berlin.de/LAGetSi/ Badegewaesser/liste.htmlQUELLE: BERLINER ABWASSERBESEITIGUNGSPLAN 2001, BERLINER ZEITUNG/RITA BÖTTCHER Die Belastung der Berliner Gewässer mit den Fäkalkeimen Escherichia coli wird regelmäßig gemessen, in Badeseen beispielsweise alle 14 Tage. Damit gebadet werden darf, muss die Keimbelastung bei 95 Prozent der Messungen unterhalb eines bestimmten Grenzwerts liegen. Dieser ist Experten zufolge allerdings viel zu hoch und kann Durchfallerkrankungen nicht verhindern. Die hier dargestellten Werte wurden zwischen 1991 und 1994 gemessen. Aktuelle Messwerte verweigert das zuständige Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit.BERLINER ZEITUNG/ENGELSMANN