Im Frühjahr 1965 klopfen gleich mehrere Defa-Regisseure an die Tür der Schauspielerin Jutta Hoffmann. Frank Beyer will sie als Bautechnologin Kati Klee in "Spur der Steine" besetzen. Christa Wolf und Kurt Barthel sehen in ihr jenes "Fräulein Schmetterling", das sich über gesellschaftliche Zwänge erhebt und zum Flug ins selbst bestimmte Leben ansetzt. Großes Bedauern, als Jutta Hoffmann sowohl das eine als auch das andere Angebot ablehnt. Sie hat sich stattdessen für die Titelrolle in Ulrich Plenzdorfs und Herrmann Zschoches "Karla" entschieden: eine Lehrerin, die ihre erste Stelle antritt, gegen Opportunismus und Heuchelei aufbegehrt und ihre Abiturienten dazu ermuntert, das zu sagen, was sie denken. Wenig später werden alle drei Filme verboten; nach dem 11. Plenum des ZK der SED ist es um die Möglichkeit, im DDR-Kino offen und mutig zu sein, schlecht bestellt.Zart und unzerbrechlich"Karla", der erst 1990 in die Kinos kam, wollte Mut für den Alltag machen, hätte aber auch dazu beitragen können, dass sich ein ganzes Land schlagartig in eine junge Schauspielerin verliebt. Jutta Hoffmann, mit wachen, fragenden Augen wie Fellinis Gelsomina, zart und ein bisschen naiv, aber doch auch willensstark und unzerbrechlich; eine zunehmend selbstbewusste Frau, die eine freundliche Welt, einen demokratischen Sozialismus einklagt. 1967, zwei Jahre nach dem Kahlschlag bei der Defa, trat sie dann als Lämmchen in der Hans-Fallada-Verfilmung "Kleiner Mann - was nun?" vor die Kamera. Von da an gehörte Jutta Hoffmann auch im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu den ganzen Großen des DDR-Schauspiels.Heute wird sie siebzig Jahre alt, was unter anderem deswegen kaum zu glauben ist, weil viele ihrer Filme durchaus keine Patina angelegt haben. Vor allem die Arbeiten, die sie unter der Regie von Egon Günther drehte, wirken modern wie am ersten Tag. "Wir versuchten, einen gemeinsamen Ton zu finden", hat Jutta Hoffmann einmal gesagt, "und uns auf diesen Ton einzustimmen - irgendwas, das zusammen klingt."Das Komplizierte wurde stets auf spielerische Weise umgesetzt. Nie bestand Egon Günther auf einem Wort, einem Drehbuchsatz, der ihr fremd gewesen wäre. Er bestärkte sie, sich auf eine Rolle einzulassen und zugleich aus ihr heraus zu treten, eine erfundene Figur zu ertasten und dabei ganz bei sich selbst zu sein: eine Symbiose aus Identifikation und Opposition. So wurde Jutta Hoffmanns "Junge Frau von 1914" (1969), frei nach dem Roman von Arnold Zweig, zu einer ganz gegenwärtigen Figur, mit ihrer Abscheu gegen die Lösung von politischen Konflikten durch Krieg.Als Mathematikerin Margit in "Der Dritte" (1971) oder als Arbeiterin Ric in "Die Schlüssel" (1974), ihrem Lieblingsfilm bis heute, versuchte sich die Hoffmann an einer Balance zwischen Kunst und Leben, Erfundenem und Authentischem. Sie erschloss sich ästhetische Dimensionen, die nicht nur für die DDR neu und aufregend waren. Als sie für den "Dritten" beim Festival in Venedig zur besten Darstellerin gekürt wurde, verglichen westliche Kritiker sie mit der jungen Elisabeth Bergner. Später schrieb die Publizistin Jutta Voigt, sie sei bei der Defa die Inkarnation der Hoffnung auf Weltgeltung gewesen.Es gehört zu den tragischen Anmaßungen maßgeblicher DDR-Kulturpolitiker, diese ästhetische Versuchsreihe brachial abgebrochen zu haben. In Jutta Hoffmanns und Egon Günthers fast schwerelos anmutenden Happenings, in dem Clownesken und Hintergründigen der gemeinsamen Filme erblickten sie den Stachel der Subversion. Mitte der 1970er-Jahre wurden weitere gemeinsame Pläne gestoppt.Als dann noch ihr "Fräulein Julie" (Regie: B.K. Tragelehn und Einar Schleef) am Berliner Ensemble verboten und Frank Beyers Film "Das Versteck" (1977) auf Eis gelegt wurde, hatte es Jutta Hoffmann satt. - Im Westen spielte sie an Theatern in München, Hamburg, Salzburg, vorzugsweise bei Luc Bondy und Peter Zadek. Nach dem Ende der DDR kehrte sie nach Berlin zurück, um erneut mit Einar Schleef auf ästhetische Entdeckungsreisen zu gehen, in "Puntila" oder im "Verratenen Volk". In "Polizeiruf 110" gastierte sie ein paar Mal als Kommissarin Wanda Rosenbaum; dann erschienen ihr die Drehbücher zu fade. Als Professorin für Darstellende Kunst in Hamburg unterrichtet sie künftige Schauspieler.Sie ist, als Partnerin für Film- und Theaterregisseure, alles andere als bequem, fordert ihr Mitspracherecht ein, macht Vorschläge zu ihren Figuren, bis hin zu den Requisiten um sie herum. Günther, Schleef oder Ruth Berghaus haben ihr das gedankt; und auch jüngere Regisseure sollten, wenn sie klug sind, solche Einmischung nicht als Last, sondern als Glück empfinden. Wo aber sind die Souveränen, die sich einer solchen Mitarbeit öffnen?Die letzte, nur kleine Filmrolle in Oskar Roehlers "Der alte Affe Angst", für Jutta Hoffmann kein unbedingt beglückendes Erlebnis, liegt nun auch schon wieder acht Jahre zurück ... Derzeit ist die Hoffmann mit einer Lesung aus Tagebüchern der DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann unterwegs. Ein berührender Abend, voll von Zeitgeschichten aus den 1960er Jahren, zuversichtlich und doch auch mit der vagen Ahnung, dass da etwas zu Schanden geritten wird, was für viele im Osten eine Hoffnung war. Erinnerung an die eigenen Wurzeln? Vielleicht. Auf jeden Fall ein Blick zurück in Liebe und Zorn.------------------------------Foto: Jutta Hoffmann vor 40 Jahren in "Der Dritte". Für diese Rolle wurde sie in Venedig als beste Darstellerin ausgezeichnet.