In einem Hinterhof in Prenzlauer Berg werkeln ein Mann und ein Junge an ihren Fahrrädern. "Gib' mir mal den 14er-Schlüssel", bittet Ralph Brinkmeier, 47. "Mal schauen, ob der passt. " Der 13-jährige Bastian holt das Werkzeug, und tatsächlich: Es hat die richtige Größe für die Schrauben an seinem Mountainbike. Der Schraubenschlüssel wird eingepackt: Falls die beiden eine Panne haben auf ihrer Radtour von Berlin nach Kopenhagen, zu der sie in wenigen Tagen aufbrechen.Ralph Brinkmeier ist nicht Bastians Vater, nicht sein Onkel und auch nicht der neue Freund seiner Mutter. Und trotzdem trifft sich der Diplomingenieur für Landschaftsplanung einmal die Woche mit dem Siebtklässer aus Kreuzberg. Dann gehen sie ins S-Bahn-Museum, machen Französisch-Hausaufgaben oder fahren Rad. Ralph Brinkmeier ist Bastian Baumgartens Pate, seit zweieinhalb Jahren. Kennen gelernt haben sie sich über den Patendienst "Biffy" - kurz für "Big Friends for Youngsters", also "Große Freunde für Kleine".Das ist in Kurzform auch das Konzept solcher Freundschafts-Vermittlungsstellen, von denen in den vergangenen Jahren in Berlin drei gegründet wurden. Erwachsene und Kinder sollen sich finden, die Lust haben, regelmäßig etwas miteinander zu unternehmen. Der Erwachsene hat jemanden, für den er da sein, dem er etwas mitgeben kann, und das Kind hat eine weitere ältere Bezugsperson. Dass diese immer öfter fehlen, ist der Grund für den wachsenden Erfolg von Paten- oder Großelterndiensten - das glaubt zumindest die Soziologin Marianne Pieper. "Das verwandtschaftliche Netz, das noch vor 30 Jahren die Kleinfamilie unterstützt hat, ist entweder nicht mehr intakt oder räumlich so weit verstreut, dass es kaum noch regelmäßigen Kontakt gibt", sagt die Professorin der Universität Hamburg.Viele Mütter, die sich an Organisationen wie Biffy wenden, sind allein erziehend, auch die von Bastian. Er sieht seinen Vater regelmäßig, dennoch fand seine Mutter, dass es ihm gut tun könnte, einen weiteren Ansprechpartner zu haben. Ralph Brinkmeier wiederum ist ledig, kinderlos, und seine Verwandtschaft lebt weit entfernt. Er sagt: "Ich bin glücklich, dass ich Bastian als Patenkind habe. Für mich ist die Zeit mit ihm einfach ein Vergnügen. " Ehrenamt klinge so nach Aufopferung, findet Brinkmeier - doch genau genommen ist die Patenschaft genau das. Lediglich Eintrittsgelder oder die Kosten für die Verpflegung der Kinder werden von den Eltern rückerstattet, manchmal auch Fahrtkosten, die den Paten entstehen. Bastians Mutter hat mit Ralph Brinkmeier bei Biffy eine schriftliche Vereinbarung geschlossen. Er ist dadurch haftpflicht- und unfallversichert.Darüber hinaus bieten die Patendienste Fortbildungen an sowie den regelmäßigen Austausch zwischen allen Paten. Bei Biffy beispielsweise gibt es alle drei Monate eine so genannte Teatime. Bei Kaffee und Kuchen kommen Paten und Kinder zusammen. Auch neu registrierte Kinder und Paten sind eingeladen, damit sie sich in lockerer Atmosphäre kennen lernen können.Die zwölfjährige Lisa D. hat dort ihre Patin vor drei Jahren getroffen. Lisa erklärt, wie sich die fremden Menschen mit Hilfe bunter Namensschilder auseinander halten können: "Die mit der Farbe Rot sind schon besetzt und die mit Grün sind noch frei. " Ihre Patentante Maria habe sie beim Spielen während der Teatime kennen gelernt. "Ich fand sie am lustigsten", sagt Lisa. Maria Schiffner studiert Grundschullehramt und ist selbst Einzelkind. Die 25-Jährige sagt, sie habe sich schon lange gewünscht, auch privat Kontakt zu Kindern zu haben - eines Tages sah sie dann ein Plakat von Biffy.Maria Schiffner holt Lisa jeden Freitag von der Schule ab und verbringt mit ihr den Nachmittag: Sie gehen ins Kino, laufen Schlittschuh oder besuchen den Kinderbauernhof. Lisas Mutter ist allein erziehend und kommt aus Irland. Sie findet es gut, dass sich außer ihr jemand um Lisa kümmert, der mit Deutschland vertrauter ist als sie selbst. "Maria ist manchmal wie eine Freundin, und manchmal wie eine Mama", sagt Lisa. Genau diese Mischung ist laut Maria Schiffner auch wichtig: "Als ich selber klein war, da habe ich manchmal Dinge nur nicht gemacht, weil sie mir meine Mutter geraten hat. In einem bestimmten Alter ist das halt so. " Wie bei Oma und Opa Auch Ralph Brinkmeier glaubt, dass der emotionale Abstand bei Paten und Patenkind hilfreich ist: "Es ist eigentlich das gleiche, wie wenn man bei Opa und Oma zu Besuch ist. Mit denen streitet man sich auch nicht wegen Alltagsangelegenheiten. " Andere Paten wollen diese sehr familiäre Beziehung bewusst nicht. Wie Dörte Richter, 29, die sich seit einem halben Jahr mit der fünfjährigen Frida trifft. Sie stellt sich Nachbarn als "Babysitterin" vor. Fridas Mutter ist Studentin und muss jobben, um genug zum Leben zu haben. Dörte Richter holt Frida vom Kindergarten ab und verbringt dann ein paar Stunden mit ihr. Gefunden haben sie sich über die Kontaktbörse Kikon, die nur Kinder von Alleinerziehenden vermittelt, da diese ein besonderes Zeitproblem haben. In Berlin gibt es 156 000 allein erziehende Eltern mit Kindern unter 18 Jahren. Brigitte Reinberg von Kikon weiß aus der Praxis: "Die Mütter schaffen es nicht zu Behörden zu gehen, als Krankenschwester einen Spätdienst zu übernehmen oder haben oft seit Jahren kein Kino von innen gesehen. " Fridas Patin Dörte Richter schreibt gerade ihre Doktorarbeit. Sie sagt, sie sei sich zunehmend einsam und weltabgewandt vorgekommen, und sie habe das starke Bedürfnis gehabt, "ihr Leben aufzupeppen" und dabei "etwas Sinnvolles zu tun". Das habe sie in der Beschäftigung mit Frida gefunden. Darum würden die Patendienste immer beliebter, sagt die Soziologin Pieper: "Durch das Zusammensein mit Kindern wird eine andere Art von Lebensqualität entdeckt, Kinder vermitteln einen besonderen Blick auf die Welt. " Sie glaubt, dass es, weil sich die traditionellen Familienstrukturen ändern, in Zukunft immer mehr solcher Wahlverwandtschaften geben wird: "Ohne dass eine Blutsverwandtschaft besteht, wird immer öfter eine enge persönliche Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen entstehen. Kinderlose kümmern sich vielleicht um das Kind von guten Freunden, andere werden sich von Paten- oder Enkeldiensten vermitteln lassen. " Bastian möchte übrigens sein Leben lang mit Ralph Brinkmeier befreundet sein. Und der könnte sich auch gut vorstellen, mitzuerleben, wie sein Patenkind erwachsen wird.------------------------------.Groß und klein Die Idee zu Patenschaften zwischen Kindern und Erwachsenen entstand vor über hundert Jahren in den USA. Unter dem Namen Big Brothers Big Sisters läuft das dortige Mentoren-Programm mit derzeit 225 000 Patenschaften für Kinder im Alter von fünf bis 18 Jahren. Laut Studien sind Patenschaften für die Kindern gut.Drei Patendienste und einen Großelterndienst gibt es derzeit in Berlin. Sie unterscheiden sich in den Zielgruppen, hoffen aber, bald noch mehr Paten für die angemeldeten Kinder zu finden.Biffy (Big Friends for Youngsters) wird vom eigens gegründeten Förderverein Biffy-Berlin e. V. getragen. Seit 2001 richtet sich Biffy an alle Kinder und Jugendlichen, die sich große Freunde wünschen. Besonders für Jungen auf der Warteliste werden dringend männliche Paten ab 20 Jahre gesucht, die mindestens für ein halbes Jahr eine Patenschaft garantieren können. Patenanwärter müssen ein polizeiliches Führungszeugnis vorweisen.Adressen: Biffy im Pfefferwerk in Prenzlauer Berg: Renate Hoheisel, Tel. : 44 38 34 75 oder E-Mail an: biffy-berlin@web. de.Biffy in der Freiwilligen Agentur Kreuzberg: Andrea Brandt, Tel. : 69 04 97 23 oder E-Mail an: freiwilligenagentur@nachbarschaftshaus. de.www. biffy. de Kikon (Kinder und Kontakt) vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg e. V. vermittelt nur ehrenamtliche weibliche Betreuerinnen an Kinder von allein Erziehenden. Kikon gibt es seit sechs Jahren. Auf der Warteliste stehen etwa 100 Kinder im Alter von wenigen Monaten bis 13 Jahren. Gewünscht ist eine Betreuung über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr mit mindestens einem wöchentlichen Treffen. Kikon hat auch eine "Notfall-Kartei", in der Paten für spontane Einsätze vermerkt sind, wenn die Mutter einen Arzttermin hat oder die Kinder krank werden.Kontakt: Brigitte Reinberg im Diakonischen Werk in Steglitz, Tel. : 8 20 97-200 oder E-Mail an: Reinberg. B@DiakonieBB. de.AMSOC (Ambulante Sozialpädagogik Charlottenburg e. V. ) ist ein gemeinnütziger Jugendhilfeträger, der seit drei Monaten ein Patenschaftsprojekt für Kinder psychisch erkrankter Eltern aufbaut. Die gesuchten Paten im Alter von 28 bis 70 Jahren sollen betroffene Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung des Alltags unterstützen und die Eltern entlasten. Bevor jemand in den Patenpool aufgenommen wird, werden Interessierte in Einzelgesprächen und einer intensiven Schulung über mehrere Tage vorbereitet. Nur im Notfall nimmt der Pate das Kind kurzfristig zu Hause auf.Die Paten erhalten neben Einzel- und Gruppengesprächen einmal im Monat eine Supervision sowie eine pauschale Aufwandsentschädigung von 40 Euro im Monat. Der nächste Informationsabend für Interessierte findet am 7. Juli statt. Anmeldung über Katja Beeck bei AMSOC in Charlottenburg. Tel. : 33 77 26-82 oder E-Mail an: Kontakt@Patenschaftsprojekt. de.Ein Großelterndienst organisiert ebenfalls Wahlverwandte innerhalb Berlins. Den Großelterndienst des Berliner Frauenbundes 1945 e. V. gibt es bereits seit 16 Jahren. Unter dem Motto "Enkel dich fit" sucht er vor allem Frauen im Alter von 50 bis 70 Jahren, die sich ehrenamtlich um kleine Kinder kümmern für eine Aufwandsentschädigung von 4 Euro die Stunde. Der Großelterndienst bietet Weiterbildungstage an - für die im Oma-Sein noch Ungeübten.Kontakt: Für die östlichen Bezirke sind die Sprechzeiten am Montag und Dienstag von 12 bis 17 Uhr in der Warschauer Straße 58, Tel. : 292 03 22. Wer in einem westlichen Bezirk wohnt, kann mittwochs und donnerstags von 12 bis 17 Uhr in der Ansbacher Straße 63 anrufen, Tel. : 213 55 14. Oder E-Mail an: grosselterndienst@t-online. de.www. grosselterndienst. de.Dialog der Generationen heißt ein Projekt des Bundesministeriums für Familie, das unter anderem an Biffy beteiligt ist und verschiedene Ideen und Programme entwickelt hat, wie Alt und Jung sich begegnen können.Kontakt unter Tel. : 443 83 475, -451 oder dialog-der-generationen@pfefferwerk. de.www. generationendialog. de.------------------------------."Maria ist manchmal wie eine Freundin und manchmal wie eine Mama. " Lisa D. , 12, über ihre Patin.------------------------------.Foto: Pate Ralph Brinkmeier und Bastian Baumgarten verstehen sich so gut, dass sie sogar zusammen in Urlaub fahren: nach Dänemark, mit dem Fahhrad.------------------------------.DIE SERIE.Kinder, die bekommt man einfach, hieß es früher. Das ist lange nicht mehr so. Was es heißt, in Berlin heute Nachwuchs groß zu ziehen, darüber berichten wir noch bis Sonnabend. Prominente sprechen über wichtige Werte und Kinder erzählen von ihrem Tagesablauf.Morgen lesen Sie: Armes Kind - was es heißt, unter der Armutsgrenze zu leben.

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