Seit anderthalb Tagen schon kämpfen sich die saudischen Spezialkräfte durch den Kabu, das riesige unterirdische Labyrinth unter der Großen Moschee von Mekka. Hunderte Rebellen, die sich hier seit fast zwei Wochen verschanzt haben, sind getötet oder festgenommen worden. Nun, in der Nacht auf den 5. Dezember 1979, stehen die Kämpfer vor der letzten Kammer. Eine Stahltür, fest verrammelt, versperrt den Zugang. Die Fallschirmjäger sprengen die Tür und stürmen in den Raum.

An den Steinwänden kauert ein Dutzend erschöpfter Männer und schaut ängstlich zitternd auf die Soldaten. Die Gesichter sind rußverschmiert, die Gewänder von den tagelangen Kämpfen zerrissen und von Blut befleckt. Nur einer der Rebellen blickt trotzig und grimmig der Übermacht entgegen. Wer er sei, wird der Mann mit wirrem Haar und zotteligem schwarzem Bart von dem Kommandeur der Einheit gefragt. „Dschuhaiman“, antwortet er.

Auf den Tag genau zwei Wochen zuvor stand jener Dschuhaiman Ibn Seif al-Uteibi, ein ehemaliger Korporal der saudischen Nationalgarde, noch im Innenhof der Großen Moschee von Mekka. Ringsum hatte seine mit Maschinenpistolen bewaffnete Rebellenschar sunnitischer Fundamentalisten die 51 Tore der Moschee verrammelt und die versammelte Pilgerschar als Geisel genommen. Im Schatten der Kaaba, dem 16 Meter hohen und zwölf Meter langen Steinbau im Zentrum des Hofs, verkündete Dschuhaiman die Erfüllung einer uralten Prophezeiung: Das Weltende sei nah, und der Mahdi, der von Gott gesandte Erlöser, sei erschienen, um die muslimische Welt in den Endkampf gegen den Unglauben zu führen.

Der „Endkampf“ des Dschuhaiman und seines angeblichen Mahdi dauert jedoch nur zwei Wochen. Dann hat das saudische Militär in einer blutigen Schlacht die sunnitischen Rebellen besiegt und weite Teile der Großen Moschee in Schutt und Asche gelegt. Mehr als 1000 Menschen sollen dabei das Leben verloren haben.

In Saudi-Arabien sind die Ereignisse jener Tage im Spätherbst 1979 bis heute als Thema tabu. Doch spätestens seit der aus der Ukraine stammende Journalist Yaroslav Trofimov 2007 in einem glänzend recherchierten Buch die Hintergründe und Folgen der bis dahin nahezu vergessenen Terroraktion bekannt gemacht hat, gilt der Anschlag auf die Große Moschee von 1979 nicht mehr nur unter Islamexperten und Historikern als die Geburtsstunde des islamistischen Terrors. In Mekka beginnt die Blutspur, die Al-Kaida und Islamischer Staat Jahrzehnte später durch die islamische Welt und den Westen bis nach New York, Madrid, London und Paris ziehen werden.

Von alldem ahnt die Welt noch nichts, als an diesem 20. November 1979 wie an jedem Morgen die Gebetsformel „La ilaha ila Allah“ („Es gibt keinen Gott außer Gott“) aus den Lautsprechern der Moschee von Mekka erschallt. Tausende Gläubige haben sich im Innenhof der Moschee zum Morgengebet versammelt, denn es ist ein besonderer Tag: Ein neues Jahrhundert nach islamischer Zeitrechnung hat begonnen, der 1. Muharram des Jahres 1400.

Als das Gebet des Imam mit der traditionellen Bitte um Frieden endet, fallen plötzlich Schüsse. Unruhe kommt auf in der Menge. In diesem Moment tritt ein Mann mit schulterlangem Haar und schwarzem lockigem Bart vor die Kaaba und entreißt dem entgeisterten Imam das Mikrofon. Es ist Dschuhaiman.

Der 1936 bei Riad in einer Beduinenfamilie geborene Rebellenchef ist zu dieser Zeit bereits ein prominenter Gegner des saudischen Königshauses. In diversen Abhandlungen hat der strenggläubige Wahhabit die Folgen der rasenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierung kritisiert, die Saudi-Arabien mit dem Ölboom ab Anfang der Siebzigerjahre erlebt. Kinos, Clubs und Kunstausstellungen in den großen Städten etwa sind in seinen Augen ebenso wenig mit dem Islam vereinbar wie die Anbetung des Geldes.

Helfen kann nur eine Fatwa

In seinen Schriften geißelt Dschuhaiman (auf Deutsch: „der Finstere“) die im Lande um sich greifende westliche Lebensweise mit Fußballspielen, Fernsehen und weiblichen TV-Ansagerinnen, er attackiert das Königshaus, dessen Mitglieder auf Auslandsreisen im Westen allen erdenklichen Lastern frönen. Unter jungen Arabern, die an den Universitäten von Medina, Mekka und Riad den wahhabitischen Islam studierten, hat Dschuhaiman begeisterte Anhänger gefunden. Bei seinen Fahrten durch die islamischen Universitäten des Landes lernt er in Riad den saudischen Studenten Mohammed Abdullah al-Kahtani kennen. Dschuhaiman ist von der Idee besessen, in ihm den Mahdi zu erkennen.

Der Mahdi ist im muslimischen Glauben ein Auserwählter, der in einem apokalyptischen Krieg gegen die Christen und Juden siegen, eine ideale Gesellschaft gründen und die fürderhin islamische Welt regieren werde. Im Hadith, einer Sammlung von Aussprüchen und Handlungen des Propheten Mohammed, heißt es, dass der Mahdi zu Beginn eines neuen muslimischen Jahrhunderts an der Kaaba in Mekka erscheinen werde und die Gläubigen ihm dort den Treueeid schwören.

Und so präsentiert Dschuhaiman an jenem 20. November 1979 im Schatten der Kaaba seinen Freund Mohammed als Mahdi. Die Inszenierung verfehlt ihre Wirkung nicht. Die Pilger im weiten Rund des Innenhofs falten die Hände und leisten den Eid der Bai’a, mit dem schon die frühen Muslime dem Propheten Mohammed die Treue schworen. Danach lassen die Rebellen die meisten der Gläubigen durch Fenster im Erdgeschoss der Moschee in die Freiheit klettern. Sie sollen die Nachricht über das Erscheinen des Mahdi in der islamischen Welt verbreiten.

Wenig später wird der saudische König Chalid über die Besetzung des Heiligtums in Mekka informiert. Er will das Militär in Gang setzen, aber der Prophet hat ausdrücklich das Kämpfen in der heiligen Stadt Mekka untersagt. Helfen kann da nur eine Fatwa, ein religiöses Gutachten der Ulema.

Zahllose Tote auf beiden Seiten

Die von König Chalid angerufenen, hoch geachteten Religionsgelehrten von der Abteilung für wissenschaftliche Forschung und Unterweisung in Riad stehen allerdings vor einem Dilemma. Sie wollen zwar nicht den von den Besetzern ausgerufenen Mahdi als den wahren Erlöser anerkennen. Andererseits wissen sie, dass die Rebellen zur wahhabitischen Missionsbewegung gehören, die führende Klerikale aus ihren Reihen mit ins Leben gerufen haben. Sie teilen also durchaus die fundamentalistischen Ideale von Dschuhaimans Truppe und auch deren Kritik an den Folgen der gesellschaftlichen Modernisierung in Saudi-Arabien.

Und so handeln sie dem König einen folgenreichen Deal ab: Man werde eine Fatwa unterzeichnen, die dem Regime die Möglichkeit einer gewaltsamen Lösung des Geiseldramas ermöglicht. Im Gegenzug verpflichten sich die saudischen Herrscher, die begonnene gesellschaftliche Liberalisierung zurückzudrängen. Schließlich soll das Königshaus auch einen Großteil der aus dem Ölhandel erzielten Milliarden für die Verbreitung des wahhabitischen Islam in der ganzen Welt einsetzen.

Faktisch zwingen die Religionsgelehrten das Königshaus, sich Dschuhaimans Programm zu eigen zu machen, um den Rebellen loszuwerden. So verändert sich das in den Siebzigerjahren bereits auf einem modernen, liberalen Weg eingeschwenkte Saudi-Arabien wieder zurück in einen islamisch-konservativen Staat.

Währenddessen kocht die Gerüchteküche im ganzen Land. Auch Washington hat nur bruchstückhafte Informationen über die Terroraktion und geht deshalb irrtümlicherweise davon aus, dass das kurz zuvor an die Macht gekommene schiitische Ayatollah-Regime in Teheran hinter dem Angriff auf die Moschee stecke. Teheran reagiert empört und beschuldigt seinerseits die USA und Israel, den Angriff auf das wichtigste islamische Heiligtum organisiert zu haben. Die Spekulation über die angebliche Attacke der Ungläubigen ergreift rasend schnell die gesamte muslimische Welt. In Pakistan wird die US-Botschaft niedergebrannt, auch in Indien und Bangladesch werden US-Konsulate attackiert.

In Mekka beginnt zwei Tage nach dem Angriff der Rebellen der Kampf um die Große Moschee. Doch Dschuhaimans Leute wehren sich verbissen. Die ersten beiden Angriffswellen werden zurückgeschlagen, viele Soldaten getötet. Am folgenden Wochenende, fünf Tage nach Beginn der Besetzung, tobt ein regelrechter Krieg in der Moschee. Das Militär hat nun die Zugangstore gesprengt und ist mit Panzern in den Innenhof gefahren. Meter um Meter kämpfen sich die Soldaten durch die Galerien des gewaltigen Baus. Es gibt zahllose Tote auf beiden Seiten, auch unschuldige Geiseln werden getötet. Schließlich ziehen sich die Besetzer in den Kabu zurück, das unterirdische Labyrinth der Moschee.

Es überleben nur die, die jünger als 16 Jahre sind

Im Labyrinth der Katakomben aber beginnen die Kämpfer, an ihrer Mission zu zweifeln, denn Mohammed Abdullah, der vermeintliche Mahdi, der doch eigentlich unsterblich sein soll, ist offenbar bei einem Angriff getötet worden. War er also doch nicht der Erlöser, kämpfen sie für eine falsche Sache? Dschuhaiman, der noch am Leben ist, beschwört seine Leute: Der Mahdi lebe, er sei nur schwer verletzt gefangengenommen worden, beteuert er. Es gelingt ihm noch einmal, die Zweifler zu überzeugen.

Fast zehn Tage halten sich die Rebellen in der Kabu verschanzt. Das saudische Militär findet kein Mittel, die Kämpfer zu besiegen. Das Königshaus bittet Frankreich um Hilfe. Offiziere der geheimen Spezialeinheit Groupe d’Intervention de la Gendarmerie Nationale (GIGN), die damals am besten ausgebildete Spezialeinheit in Westeuropa, unterweisen saudische Soldaten für den Nahkampf in den Katakomben und rüsten sie mit 300 Kilogramm CS aus, einem Tränengas.

Am Morgen des 3. Dezember, fast zwei Wochen nach der Besetzung der Moschee, beginnt der letzte Angriff. Dicke Löcher werden durch den Boden der Moschee gebohrt, um die mit CS gefüllten Granaten in die Katakomben zu werfen. Dann durchkämmen mit Gasmasken versehene Soldaten Meter um Meter das unterirdische Labyrinth, immer wieder kommt es zu Feuergefechten. 36 Stunden später erobern die Soldaten die letzte Kammer und nehmen Dschuhaiman, den Anführer der Rebellion, gefangen. Das saudische Fernsehen zeigt anschließend die Leiche von Mohammed Abdullah, dem vermeintlichen Mahdi.

Dschuhaiman und seine Mitverschwörer werden zum Tode verurteilt. Am Morgen des 9. Januar 1980 wird der Anführer der Rebellen aufs Schafott in Mekka geführt und vor Tausenden Zuschauern geköpft. Von den in der Moschee gefassten Rebellen überleben nur jene, die jünger als 16 Jahre sind.