Die Gründer der Internet-Suchmaschine Google planen einen ungewöhnlichen Börsengang - und wollen so Milliarden einstreichen: Die Weltverbesserungs-Aktie

Vor allem eines wollen sie nicht sein: Schlechte Menschen. "Don't be evil", haben Sergey Brin und Larry Page als Motto ausgegeben. Die Losung ist keineswegs als Gründungspräambel eines karitativen Vereins gedacht. Sie steht vielmehr in einem Brief an die US-Wertpapieraufsicht SEC. Mit dem Bekenntnis, keine Teufel werden zu wollen, leiten die Gründer der Internet-Suchmaschine Google ausgerechnet ihre offizielles Antragsschreiben ein, demnächst mit ihrem Unternehmen auch auf dem Kurszettel in New York stehen zu dürfen. Idealistisches ManifestRund vier Jahre nach dem Platzen der Internet-Blase an den Aktienmärkten will mit Google erstmals wieder ein Dotcom-Unternehmen Milliardensummen bei Investoren einsammeln. Der Gang aufs Parkett soll dabei nicht nur mindestens 2,7 Milliarden Dollar (2,26 Milliarden Euro) in die Firmenkasse spülen, sondern auch "aus der Welt einen besseren Ort machen". In dem idealistischen Manifest versprechen die beiden Kalifornier unter anderem, das langfristige Wohl des Unternehmens nicht dem kurzfristigen Profitdenken der Wall Street zu opfern. "Google ist keine gewöhnliche Firma", heißt es da. "Und wir wollen auch keine werden." Den Beschäftigten am Firmensitz in Mountain View gewähre man zahlreiche Vergünstigungen, von kostenlosen Mahlzeiten über den Betriebsarzt bis zum Waschsalon. Anleger, so Brin und Page, müssten davon ausgehen, dass solche Angebote fürs Personal in Zukunft noch ausgebaut würden. Außerdem würden jedes Jahr ein Prozent von Gewinn und Firmenvermögen in eine noch zu gründende Stiftung fließen, die nach dem Willen der Chefs "die größten Probleme der Welt" mit "Innovation und erheblichen Finanzmitteln" angehen soll. Um das zu garantieren, wollen Brin und Page die Kontrolle über die Firma keinesfalls abgeben. Beiden gehören jeweils rund 38,5 Millionen Anteilsscheine, die nach dem Börsengang mit zehnfachem Stimmrecht ausgestattet sein werden. Googles Jahreshauptversammlungen werden somit zur Formsache, feindliche Übernahmen oder Aktionärsrevolten sind für alle Zeiten ausgeschlossen. Mit ihren Absichten sicherten sich Brin und Page die Sympathien im Silicon Valley. So pflasterte die örtliche Tageszeitung San Francisco Chronicle seine Titelseite mit den in Google-typischen Bonbonfarben gehaltenen Buchstaben "IPO", der Abkürzung für Initial Public Offering, zu Deutsch: Börsengang. Die San Jose Mercury News jubilierten: "Google geht aufs Ganze." Vor allem der geplante Ablauf des Börsengangs sorgte für Euphorie. Um die skandalgeplagte Kaste der Investmentbanker und Finanzmakler zu umgehen, bietet Google seine Aktien per Auktion übers Internet an. Dabei soll die Nachfrage den Preis bestimmen. Kleinanleger haben dieselbe Chance, Aktien zu erwerben, wie Fondsgesellschaften oder Großbanken. Wer am Ende der Versteigerungsphase in einigen Wochen mindestens den Ausgabepreis geboten hat, erhält Google-Anteile proportional zur Anzahl aller verfügbaren Aktien. Ein Beispiel: Google beschließt, 100 Millionen Anteile im Wert von je 60 Dollar auszugeben. Zu diesem Preis liegen jedoch Gebote für 111 Millionen Aktien vor. In diesem Fall erhielte jeder Bieter 90 Prozent der Papiere, die er eigentlich ordern wollte. Wer 59,99 Dollar oder weniger pro Aktie geboten hat, ginge leer aus. Seit die beiden Studenten Brin und Page 1998 mit drei Angestellten in einer Garage begannen, hat die Firma einen atemraubenden Aufstieg erlebt. Mit täglich mehr als 200 Millionen Nutzern ist Google die beliebteste Suchmaschine im Internet. 2003 machte das Unternehmen einen Umsatz von 962 Millionen Dollar und erwirtschaftete 105 Millionen Dollar Gewinn. Derzeit beschäftigt die Firma 2 000 Mitarbeiter. Grund für den Erfolg ist die Suchtechnologie: Zwar durchforstet Google wie die Konkurrenz auch das Datennetz nach Begriffen. Dann jedoch sortiert die Maschine die Ergebnisse danach, wie populär die Seiten sind. Ermittelt Google, dass viele Homepages auf eine Seite verweisen, kommt sie in der Trefferliste nach oben. Findet sich das Suchwort auf einer Seite mehrmals, bringt dies auch einen höheren Rang ein. Inzwischen kann der Nutzer auch nach Nachrichten oder nach Bildern suchen oder auf Bummel in Online-Shops gehen. Ihren Status als Ansammlung unkonventioneller Computerfreaks untermauert die Firma auch in ihrem Börsenprospekt. Darin schreiben Brin und Page, sie erwarten vom Börsengang mindestens 2,718281828 Milliarden Dollar - eine Anspielung auf die Mathematikern geläufige, für die Integralrechnung wichtige so genannte Euler'sche Zahl.Experten warnen vor EuphorieDoch Experten warnen Anleger vor Euphorie. Denn Google sieht sich zunehmender Konkurrenz durch die Branchenriesen Yahoo und Microsoft ausgesetzt. Vor allem die Ankündigung, man würde sich nicht der Quartalsbilanz-Berichterstattung der Wall Street unterwerfen, sorgt für Skepsis. "Wer so etwas sagt, bereitet seinen eigenen Fall vor", meint etwa der Wirtschaftsprofessor Tom Taulli von der University of Southern California. Schwierig sei zudem "diese ganze egalitäre, humanitäre Firmenkultur", so Taulli. "Dabei nehmen sie es mit ein paar ganz gnadenlosen Konkurrenten auf."------------------------------TOP/FLOP // Grafik: (4) Ebay: Das Internet-Auktionshaus bereitet seinen Aktionären viel Freude. Der Kurs der seit September 1998 notierten Aktie steigt von Hoch zu Hoch. Yahoo: Der Kurs der Aktie des Internet-Portals ist während der Börsen-Baisse stark eingebrochen, hat sich seitdem aber wieder deutlich erholt. Barnesandnoble.com: Die Aktien des Online-Buchhändlers brachten den Anlegern seit dem Börsengang vor fünf jahren über 80 Prozent Kursverlust ein.Salon Media: Noch schlimmer erging es den Investoren von Salon Media: Mit dem Internet-Inhalteanbieter haben sie praktisch Totalverlust erlitten.------------------------------Grafik: Google ist das populärste Suchwerkzeug für das Internet.------------------------------Grafik: Die Google-Nutzer loben die Qualität der Suchergebnisse.------------------------------Foto: Auf dem Weg zu neuem Reichtum: Google-Gründer Larry Page (l.) und Sergey Brin.