Richter Andreas Mosbacher will es gern noch einmal ganz deutlich machen. Eben erst hat er den Satz formuliert: "Die Angeklagten werden auf Kosten der Landeskasse freigesprochen." Und er hat auch schon gesagt, dass dieser Freispruch der beiden Angeklagten Irene Moessinger und Norbert Waehl, der Gründer und Ex-Betreiber des Kulturhauses Tempodrom, "wegen erwiesener Unschuld" erfolge. Aber dann holt Mosbacher noch einmal aus und erklärt mit ruhiger Stimme im großen alten Schwurgerichtssaal von Moabit: "Dies bedeutet, dass es sich um einen Freispruch erster Klasse handelt."Nichts anderes als ein Freispruch war am Freitagvormittag zu erwarten gewesen, nachdem im ersten und einzigen Strafprozess der Bauaffäre Tempodrom sogar die Staatsanwaltschaft auf Freispruch plädiert hatte. Die Untreue-Vorwürfe, die der Anklagevertreter Frank Thiel noch vor knapp zwei Wochen ausführlich begründet hatte, hätten sich in dem Verfahren nicht bestätigt, wie Thiel einräumte. Moessinger und Waehl standen unter dem Verdacht, sich selbst als Management-Duo des Tempodroms zu hohe Gehaltszahlungen gewährt zu haben. Davon ist nun keine Rede mehr. "Sie haben Vergütungen erhalten, auf die sie tatsächlich Anspruch hatten", sagte der Staatsanwalt am Freitag.Damit ist auch der letzte Versuch einer strafrechtlichen Aufarbeitung der sogenannten Tempodrom-Affäre beendet. Der markante Zackenbau am Anhalter Bahnhof, seit der Eröffnung Ende 2001 ein variabler und gut ausgebuchter Veranstaltungsort, trat damals die Nachfolge des in Berlin berühmten Zirkuszeltes gleichen Namens an.Irene Moessinger, 58, Hausbesetzerin, Lebenskünstlerin, ausgebildete Krankenschwester, hatte dieses Zelt vor fast dreißig Jahren von einer Erbschaft gekauft - und darin innerhalb weniger Jahre einen höchst erfolgreichen Ort für Alternativkultur geschaffen, für Theater, Rock, Pop, Kabarett und Clownerien aller Art. Als das Zelt, das zuletzt im Tiergarten stand, Ende der 90er-Jahre wegen des benachbarten Kanzleramts weichen musste, entstanden die Pläne für einen festen Bau an einem festen Ort - stets mit unterstützender Begleitung der Politik, besonders des damaligen Kreuzberger Bürgermeisters Peter Strieder (SPD), des späteren Bausenators und Parteichefs, der 2004 aufgrund des öffentlichen Drucks im Zuge der Affäre alle Ämter aufgab. Auch gegen Strieder hatte die Staatsanwaltschaft ermittelt, für einen Prozess reichte es jedoch nicht aus. Ihm und Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) attestierte das Landgericht lediglich Verletzungen ihrer Amtspflicht, weil sie damals nicht dem Abgeordnetenhaus die Entscheidung über weitere Zuschüsse fürs Tempodrom überlassen hatten.Was später die Affäre oder gar der Skandal des Tempodroms genannt wurde, war die Baukostensteigerung von ursprünglich geplanten 16 Millionen Euro auf letztlich mehr als das Doppelte - und zwar fast nur Geld aus öffentlichen Quellen: Lottomittel, eine Bundes-Entschädigung, Landeszuschüsse, Öko-Förderung aus EU-Mitteln, Sponsoring der landeseigenen Investitionsbank IBB. Ein Untersuchungsausschuss stellte letztlich ein Geflecht von Verantwortlichkeiten vieler Beteiligter fest. Auch Wunschdenken, Zeitdruck und fehlende Kontrolle spielten eine große Rolle.Moessinger und Waehl nutzten im Gerichtssaal die Gelegenheit, sich zum ersten Mal seit Beginn der jahrelangen Ermittlungen öffentlich zu äußern. Waehl - wie Moessinger durch persönliche Haftung für den Baukredit finanziell ruiniert - sagte, das Tempodrom sei keineswegs ein privates Projekt auf Kosten des Steuerzahlers gewesen: "Berlin hat einen Gegenwert erhalten." Alle Beteiligten könnten stolz darauf sein, was sie mit dem Tempodrom für die Stadt erreicht hätten.Und Irene Moessinger sagte, sie wünsche dem Tempodrom, dass es sein kreatives Potenzial künftig entfalten könne. Ob sie das Haus noch hin und wieder besuche, wird sie später gefragt. Nein, sagt sie da. Das gehe ihr zu nah.------------------------------Aus dem Zelt ins HausDas Tempodrom hat als Zirkuszelt 1980 auf dem Potsdamer Platz begonnen. Mit ererbtem Geld erfüllte sich Irene Moessinger einen Traum.1984 zog das Zelt in den Tiergarten, dorthin, wo heute das Tipi steht.Wegen des Kanzleramts sollte das Tempodrom weichen. Neuer Standort mit einem festen Haus wurde der Anhalter Bahnhof in Kreuzberg.Zum Bauskandal wurde es, weil die Kosten mit 32 Millionen Euro doppelt so hoch ausfielen wie geplant.------------------------------Foto: "Mal sehen, was das Universum noch für mich bereithält." Irene Moessinger vor dem Kriminalgericht Moabit.Foto: Schön, aber teuer: das Tempodrom am Anhalter Bahnhof.