Auf einer bislang trostlosen Verkehrsinsel wachsen auf einmal Tulpen in den Himmel. Unter Straßenbäumen, wo sonst nichts als Hundekot zu finden war, ist die Erde gerecht, und in rissigen Betonkübeln am Rande eines Spielplatzes hat jemand bunte Primeln gepflanzt. Das sind die Taten der "Guerilla Gardener". Sie arbeiten meist im Schutz der Dunkelheit, obwohl sie nur Gutes tun und städtische Brachflächen oder unschöne Ecken mit ein paar Samen oder Setzlingen verschönern wollen.Samen aus New YorkSeinen Anfang nahm das urbane Gärtnern in den 70er-Jahren in New York. Damals erhöhte die Stadt die Grundsteuer und Hausbesitzer erhöhten ihre Mieten, so dass ärmere Mieter in günstigere Bezirke auswichen. Nachmieter waren selten, bald ließ die Stadt leerstehende Häuser abreißen. Auf den Brachflächen trafen sich Drogendealer und Kriminelle. Um diesem Treiben entgegenzuwirken, gründeten Anwohner kleine Gärten, ohne sich von den Behörden Genehmigungen zu holen. Wenn die Grundstücke eingezäunt waren, warfen die Gartenfreunde selbstgebastelte "Samengranaten" über die Zäune, die Erde und Wildblumensamen in Kugelform enthielten. Aus dieser "Graswurzel"- Taktik entstand die Bezeichnung Guerilla Gardener.Am 1. Mai 2000 taten die heimlichen Gärtner ihren ersten Spatenstich in London. Mit Gartengeräten, Muttererde und Setzlingen trafen sich die Umweltaktivisten auf einer Rasenfläche direkt auf dem Parliament Square, um "die Straße zurückzuerobern", wie auf Transparenten zu lesen war. Der Vater der Bewegung war ein gewisser Richard Reynolds, den die weggeworfenen Zigarettenkippen, Chipstüten und Kondome auf den Grünstreifen in seiner Nachbarschaft im Londoner Bezirk Elephant & Castle störten. Reynolds streifte sich Handschuhe über und besorgte sich Schippe, Hacke und Pflanzensamen. Er zupfte das Unkraut, jätete "seine" Gärtchen, und nach und nach gesellten sich eine Reihe aktiver Nachbarn dazu - die "Garden Guerilla" war geboren. Sogar die Hollywoodschauspielerin Daryl Hannah informierte sich bei Richard Reynolds über das Gärtnern.Es dauerte nicht lange, der Vernetzung im Internet sei Dank, da fanden sich Nachahmer in Städten rund um den Globus. "Bei unserer ersten Bepflanzung einer Verkehrsinsel haben wir eine Menge Kommentare von Passanten bekommen, aber auch einige skeptische Blicke von Fahrern hinter ihrem Steuer. Als schließlich ein Polizist vorbeikam, sagte der, dass er so was noch nie gesehen hätte, es aber nicht schlecht fände. Beim nächsten Mal sollten wir jedoch vorher fragen, riet er uns", erzählt ein Guerilla Gardener aus Zürich. "Ich finde es schade, die ganzen Christbäume auf den Straßen zu sehen, die Leute nach Weihnachten einfach wegwerfen", sagt die Studentin Isabell Manzini aus München. Sie kaufte ihren Weihnachtsbaum mit einem Ballen Erde und pflanzte ihn nach den Festtagen in einer Grünanlage ein.Die 40-jährige Architektin Frauke Hehl war in Berlin schon öfter auf Guerilla-Streifzügen unterwegs, weil sie sich für soziale Stadtentwicklung interessiert. Doch die wilden Pflanzaktionen auf Verkehrsinseln waren ihr nicht genug. Da es in ihrer Nachbarschaft im Bezirk Friedrichshain wenig Grün gab, gründete sie an der Kinzigstraße den Nachbarschaftsgarten "Rosa Rose" (www.rosarose-garten.net). Auf rund 2 000 Quadratmetern wuchsen Bäume, Sträucher, Rasen und Nutzpflanzen. Rund 50 Nachbarn im Alter zwischen 5 und 75 Jahren nutzten den Garten im vergangenen Jahr. Vor zwei Wochen aber wurde er polizeilich geräumt, weil der Käufer des Grundstücks dort bauen will.Die Harke vom AmtDas Grünflächenamt, offizieller Verwalter der Grünflächen in der Stadt, findet den Ansatz der Guerilla-Gärtner grundsätzlich gut, wenn auch das englische Wort in den Verwaltungen meist nicht bekannt ist. "Wir hätten gerne mehr Menschen, die sich bei uns bewerben, um Grünflächen zu pflegen", sagt Hans-Gottfried Walter, Fachbereichsleiter Grünflächenunterhaltung im Bezirksamt Berlin-Mitte. Seine 200 Mitarbeiter reichen bei weitem nicht, um die rund 650 Hektar Grün allein in Mitte zu betreuen. Walter warnt eifrige Gärtner allerdings davor, kleine Zäune um die Erdflächen unter Straßenbäumen zu errichten. Die seien wegen der Stolpergefahr genehmigungspflichtig. Ansonsten statte er Hobbygärtner gerne mit Gerätschaften aus, wenn dadurch die Nachbarschaft unkrautfreier und blumiger wird.------------------------------Foto: Primeln für die Straße