BERLIN, 19. April. Gummibärchen sind mehr als eine Süßigkeit. Sie sind Kult. Spiele und Lieder beschäftigen sich mit ihnen, und ein bekannter Showmaster fordert sie allabendlich im Fernsehen zum Weglaufen auf. Es gibt die tiefenpsychologisch fundierte Gummibärenforschung, die von innen beleuchteten Gummibären als Lampe fürs Kinderzimmer und neuerdings auch den SMS-Spruch: "Lass mich dein Gummibärchen sein, so klebrig, süß und niedlich". Sinnbild des bunten WestensSo klebrig, süß und niedlich sind sie seit 80 Jahren. 1922 erblickte das erste Gummibärchen in einer Hinterhofküche in einem Bonner Vorort das Licht der Welt. Der genaue Tag ist allerdings nicht bekannt. Sein Geburtshelfer war Hans Riegel, gelernter Bonbonkocher und späterer Gründer der Firma Haribo. Eine Marmorplatte, einen Hocker, einen Kupferkessel und eine Walze, das war alles, was Riegel neben ein paar Zutaten für seine Erfindung brauchte. Dass er gerade auf die Bärenform kam, hatte seinen Grund darin, dass sie als Tanzbären und Teddys bei Kindern besonders populär waren. Mit dem Fahrrad wurden die ersten Gummi-Tanzbären, wie sie damals hießen, von Riegels Frau selbst in die Läden gefahren. Zwei Stück kosteten einen Pfennig. Dafür waren sie etwas größer als die heutigen Gummibärchen und dürften auch anders geschmeckt haben. Denn statt Gelatine wurde noch Gummi Arabicum als Ausgangsstoff verwendet. Dieses Harz eines Akazienbaumes kam vor allem aus dem Sudan nach Deutschland. Der Rohstoff wurde im Laufe der Jahre jedoch so teuer, dass man sich nach einem Ersatz umsehen musste. Im Zweiten Weltkrieg und in den ersten Jahren danach war es besonders schwer, an die Zutaten zukommen. Erst in den 50er-Jahren konnte die Erfolgsstory fortgesetzt werden. Jetzt griffen auch immer mehr Erwachsene in die Tüte - nicht nur ehemalige Raucher. Statt in Blechdosen oder lose wurden die Gummibärchen nämlich von nun ab in Cellophan-Beuteln verkauft. Und sie hatten ihr Aussehen verändert. Etwas kleiner waren sie geworden und etwas rundlicher. Wenn man es auch nicht glauben mag, aber es gibt sogar den Beruf des Gummibärchendesigners. Auch in der DDR kam man an der Spezies der Gummibärchen nicht vorbei. Allerdings waren sie dort sehr viel weicher und weit weniger fruchtig. Das West-Gummibärchen war für viele DDR-Bürger der Inbegriff des Westens: farbenfroh und glänzend.Anders als in der Anfangszeit werden die drolligen Gesellen heute vollautomatisch hergestellt. Der erste Produktionsschritt beginnt in der "Küche", wie die Hersteller ihren Produktionsraum scherzhaft nennen. Dort rühren sie in großen Kesseln die Grundsubstanz aus Gelatine, Zucker und pflanzlichen Ölen an. Die Masse wird erhitzt und unter ständigem Umrühren zähflüssig. Dann werden die Aromen und Farbstoffe hinzugefügt, jede Firma hat da ihr Geheimrezept, bevor der Brei palettenweise in Formen gegossen wird. Über 500 Stück werden jeweils auf einmal hergestellt, in den Farben Rot, Gelb, Weiß, Grün und Orange. Jetzt müssen sie nur noch trocknen, und fertig sind die Gummibärchen. Wer übrigens immer dachte, zuckrige Süßigkeiten seien prinzipiell ungesund, der scheint im Falle der Gummibärchen zu irren. Kürzlich hat man herausgefunden, dass sie zumindest dank der darin enthaltenen Aminosäuren der Gesundheit nicht ganz abträglich sind. Auch eine Variante, die ohne Schweinegelatine auskommt, gibt es mittlerweile, so dass gläubige Juden und Moslems nicht mehr auf die Bären verzichten müssen. Nachdem sie Europa und die USA schon erobert haben, werden die Gummibärchen in Zukunft womöglich noch echte Global Player.

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