Die größte Rohrpostanlage der Welt gehörte zum Ausgefeiltesten, was die Technik vor 80 Jahren zu bieten hatte: Mehr als 291 Kilometer zog sich das Rohrpostnetz sternförmig durch die Stadt. Doch die "kleine U-Bahn Berlins", wie die Rohrpost einmal genannt wurde, ist heute fast in Vergessenheit geraten. Genau deshalb, so fürchtet Fernmeldeingenieur Wolfgang Wengel, könnte es passieren, dass davon bald nichts mehr übrig bleibt. Die ehemalige Zentrale des Rohrpostnetzes befindet sich im Keller des früheren Haupt-Telegrafenamtes an der Oranienburger Straße 73-76. Die Telekom-Tochter DeTe Immobilien will das seit acht Jahren leer stehende Haus verkaufen. "Und die Rohrpostanlage interessiert dort niemanden", glaubt Wengel.Der 59-Jährige ist einer der wenigen, die sich noch auskennen. "Die Anlage war ein sehr ausgefeiltes System", sagt er. Als sie 1976 außer Betrieb ging, hatte Wengel mit dafür gesorgt, dass die Rohrpostzentrale unter Denkmalschutz gestellt wurde. Der muffig riechende Keller des Hauses ist durchzogen von Rohren, er ist vollgestellt mit Schaltschränken, Motoren und Luftverdichtern sowie den Sende- und Empfangsstellen für die Rohrpostbüchsen. Skalen mit Zeigern erinnern an den Fritz-Lang-Film "Metropolis".Das Streckennetz wuchs rasantDie Rohrpost ist ein Kind der Telegrafie, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfunden wurde. Zwar konnten Telegramme in Sekundenschnelle nach Berlin gesendet werden, doch für die Zustellung an die Endadresse brauchten die Postillione bis zu vier Stunden. Die Telegramme kamen damals noch im Haupttelegrafenamt in der Französischen Straße an und wurden per Kutsche durch ganz Berlin transportiert. 1865 stellte Siemens die erste Rohrpoststrecke zwischen der Französischen Straße und der Börse nahe dem Hackeschen Markt fertig. Von da an wuchs das Streckennetz rasant. 1919 ging an der Oranienburger Straße eine neue Rohrpostzentrale in Betrieb.Die Erbauer der Anlage waren erfinderisch bei der Lösung der Probleme: Um die Luft zu trocknen, leiteten sie sie durch Kühlaggregate, die noch heute in der Oranienburger Straße stehen. Vereisten die Röhren einmal, dann schossen die Postler eine Büchse mit einer Glaskartusche voll Spiritus los. Durch die Wucht des Antriebs zerbrach die Kartusche, der Spiritus drang durch eine Textilmanschette und taute das Eis. Eine riesige Filteranlage reinigte die angesaugte Berliner Luft, die damals wegen der Kohleöfen in den Wohnungen voller Ruß war. In dem Netz gab es zahlreiche Weichen, die, ähnlich wie beim Schienennetz, die Rohre verschoben. Wenn die Büchsen an den Weichen vorüberflitzten, berührten Metallringe an den Büchsen die elektrischen Kontakte der Weichen. In der Steuerzentrale zeigten daraufhin Lampen an, wo sich die Post befand. "Alles hat perfekt funktioniert", sagt Wolfgang Wengel. "Störungen gab es nicht."Etwa alle zwölf Kilometer wurden die Büchsen durch Luftverdichter beschleunigt oder durch Pumpen angesaugt, so dass sie mit bis zu 35 Stundenkilometern durch die Leitungen schossen. Wurden anfangs nur Telegramme verschickt, so wurde das System später auch für den Postverkehr zwischen Behörden und für private Briefe genutzt. Als auch die kleineren Postämter Fernschreiber hatten, war die Rohrpost eigentlich nicht mehr notwendig. 1932 führte die Reichspost deshalb den Rohrpostbrief ein - einen Eilbrief sozusagen. Einen traurigen Rekord erreichte die Rohrpost im Jahr 1942, als auch die Briefzusteller in den Krieg gezogen waren. Schätzungsweise 40 Millionen Sendungen pfiffen damals durch den Berliner Untergrund. Soldatenmütter bekamen Feldpostbriefe und Todesnachrichten per Rohrpost. "Die Reichspost legte größten Wert darauf, die Anlage in Stand zu halten", sagt Wengel. "Sie war vor allem von psychologischer Bedeutung."In den 50er-Jahren wurde Berlins Rohrpostanlage getrennt. Angeblich soll es nur eine Verbindung zwischen den Zentralen in der Zehlendorfer Goethestraße und der Oranienburger Straße gegeben haben. In West-Berlin ging das System 1972 außer Betrieb, im Osten vier Jahre später. Heute gibt es nur noch in Prag eine öffentliche Rohrpostanlage und auch in einigen Unternehmen. Doch vielleicht erlebt die Rohrpost bald eine Renaissance. Bochumer Wissenschaftler haben die Idee, solche Systeme für den Warentransport einzusetzen.Die Anlage in Berlin jedenfalls ist ein Technik-Denkmal. Die Denkmalschützer, die erst aktiv werden, wenn ein neuer Eigentümer seine Umbaupläne für das Telegrafenamt vorlegt, bleiben gelassen. "Uns ist nicht bekannt, dass jemand was Böses mit der Rohrpostanlage vor hat", heißt es aus dem Rathaus Mitte. Kommentar der DeTe Immobilien: "Wir können nicht sagen, was damit passiert." Wünsche an den eventuellen Käufer hat das Unternehmen nicht. Sprecher Roland Flierl: "Wir verkaufen an den, der am meisten zahlt. Das ist doch logisch."291 Kilometer durch die Stadt // 1865 baute Siemens eine 1,2 Kilometer lange Teststrecke. Elf Jahre später war die Strecke schon 26 Kilometer lang und hatte 15 Stationen.1913 transportierten 80 Rohrpostämter auf 291 Kilometern mehr als 12 Millionen Sendungen pro Jahr. 1919 ging an der Oranienburger Straße die neue Rohrpostzentrale in Betrieb.Für Besucher ist die Zentrale nicht offen. Anlagenteile stehen im Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16.BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Rohrpostbüchsen aus Hartpappe stehen noch heute im Keller des Haupttelegrafenamtes Oranienburger Straße.