Ein Jahr mindestens will Otto Ziege als sportlicher Leiter des Berliner Sechstagerennens noch weitermachen. "Richard von Weizsäcker hat bis zum 74. Lebensjahr öffentlich gearbeitet. Da kann ich doch nicht zurückstehen", sagt der 73-Jährige.In Zieges kleinem Büro in seiner Tankstelle nahe dem Savigny-Platz in Charlottenburg klingelt pausenlos das Telefon. Urs Freuler ist plötzlich am Apparat. Der frühere Weltklasse-Mann aus der Schweiz berichtet, wie das Sechstagerennen jüngst in Zürich ausgegangen ist. Otto Ziege hört gespannt zu, immer wieder lacht er. Man kann es dabei in seinem Gesicht lesen: Er fühlt sich wohl in seinem "Leben auf der Tankstelle, die für mich etwas von einem Theater hat". Das Büro in seiner Tankstelle ist eine heimliche Zentrale für das Sechstagerennen. Von hier aus werden die Radsport-Helden für Berlin verpflichtet. Für die 89. Auflage vom 6. bis 11. Januar 2000 im Velodrom ist bereits alles organisiert. Die Italiener Silvio Martinello und Marco Villa hat Ziege gewinnen können, ebenso wie die berühmten Schweizer Bruno Risi und Kurt Betschart oder das 41-jährige Urgestein Etienne de Wilde oder Scott McCrory, dem diesmaligen Partner von Lokalmatador Robert Bartko. "Alle kennen meine Telefonnummer von der Tankstelle", sagt Ziege. "Sie ist seit über 40 Jahren dieselbe."Das Fahrrad, der Radsport und nicht zuletzt die Tankstelle, die seit 1958 von Ziege betrieben wird, bestimmen den Lebensrhythmus des 73-Jährigen. Ziege ist zehn Jahre lang der erste Mann des Berliner Radsportverbandes gewesen. Er hat 1987 vier Tour-de-France-Etappen im Westteil der Stadt organisiert. Er ist Fahrer und Bundestrainer gewesen. Sein größtes Verdienst jedoch hat er sich bei den Sechstagerennen erworben. Sie sind ohne Ziege undenkbar und über vierzig Jahre in Dortmund und Berlin untrennbar mit seinem Namen verbunden. Seit 1958 stellt der Mann die Zweier-Mannschaften für die Rundenjagd zusammen. Seinen Kontakten und seinem besonderen Charme ist es zu danken, dass die internationalen Eliteprofis seit der Berliner Sixday-Renaissance 1997 ins Velodrom kommen. "Otto ist einmalig", sagt Sprint-Olympiasieger Jens Fiedler stellvertretend für viele Radfahrer. Auch der Veranstalter des Berliner Sechstagerennens, Heinz Seesing, ist über den 73-Jährigen voll des Lobes: "Otto Ziege ist ein Glücksfall für uns." Zieges Wort gilt in der Szene so viel wie ein ausformulierter Vertrag. Er ist anerkannt und beliebt und auch ein wenig gefürchtet. Die Fahrer wissen genau: Diesen alten Hasen, der zwischen 1947 und 1956 selbst vierzig Sechstagerennen bestritten hat, können sie nicht austricksen. In den Tagen, da Ziege auf dem Oval aktiv gewesen ist, haben andere Regularien für die Rundenhatz gegolten. Im Vertrag eines jeden Fahrers hat beispielsweise der Passus gestanden, wonach der Sportler während der gesamten Woche die Arena nicht verlassen durfte. "Warum auch. Wir durften pro Tag nur drei Stunden schlafen. Dafür genügten die Pritschen in den Katakomben", sagt Klaus Bugdahl, der mit neun Sechstage-Siegen in Berlin noch immer der Rekordhalter ist. Bugdahl: "Damals hatten die Rennen ihren Namen noch zu Recht. Wir starteten am Freitag um 22 Uhr, und Schluss war nach der Zusatznacht am darauf folgenden Donnerstag um 23 Uhr. Wir waren insgesamt 145 Stunden auf der Bahn. Wir mussten uns schinden und bekamen dafür wenig Geld. Heute ist es umgekehrt."Der 65-Jährige aus Wiesbaden sagt dies nicht verbittert und als Vorwurf an seine Nachfahren aus der Holz- oder Zement-Piste. Das Idol vergangener Tage will vielmehr den historischen Wandel der Sixdays illustrieren, die 1909 von Amerika nach Deutschland herüberschwappten und hier in Berlin ihre Premiere erlebten. Bugdahls und Zieges Gedanken an die unendlichen Strapazen werden heute überlagert von der Erinnerung an das Publikum. "Die Hallen waren immer ausverkauft. Die Leute haben pausenlos auf die Bahn geschaut. Sie hielten beinhart bis früh um sechs Uhr durch und gingen danach zur Arbeit." Die ganze Nacht hindurch ist in die Pedale getreten worden vormittags, nachmittags, abends. Fahrer sind krank geworden oder haben vor Erschöpfung aufgegeben oder sind auf der Toilette eingeschlafen. "Für die Aktiven war das eine endlose Tortur, und die Veranstalter gingen ziemlich hemdsärmelig vor. Was Sponsoren sind, wussten wir früher gar nicht", sagt Ziege. "Heute will alles bis ins letzte Detail geplant sein", sagt er. Dankbar haben die Fahrer Mitte der 80er-Jahre registriert, dass die Rennen entschärft worden sind. Vormittags sind Pausen eingelegt worden. Auf reine Abendveranstaltungen sind die Sechstagerennen erst in den 80er-Jahren reduziert worden. Einer wie Ziege kann ermessen, welch sportliche Erleichterung das heutige Programm bedeutet.Umso berechtigter ist seine Forderung an die aktuellen Matadoren, "den Zuschauern bitte schön eine tolle Jagd zu bieten". Meist kann er zufrieden sein."Das Leben auf der Tankstelle hat für mich etwas vom Theater. " Otto Ziege, sportlicher Leiter // "Otto Ziege ist ein großer Glücksfall für uns. " Heinz Seesing, Veranstalter des Sechstage-Rennens

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