BUDAPEST, 18. August. Den Platz auf der Rückseite der deutschen Team-Broschüre für die 17. Leichtathletik-EM in Budapest besitzt adidas exklusiv. Schließlich sind die Herzogenauracher der langjährige Generalausrüster des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und sie greifen dafür tief in die Tasche. Ein Paar Spikes ist zu sehen. Scheinbar achtlos abgelegt, aber von dem Werbedesigner so drapiert, daß die drei Streifen das adidas-Markenzeichen bestens ins Bild gesetzt sind. Darunter die Botschaft: "Die schnellsten Schuhe der Welt." In Klammern, einige Schriftgrade kleiner: "Dank Donovan Bailey." Der kanadische Sprinter hält den 100-m-Weltrekord.Baileys 9,84 Sekunden werden in Budapest gewiß nicht angetastet. Voraussichtlich auch die anderen Rekorde nicht. Und trotzdem sind sie alle da: adidas, Puma, Nike, asics Erscheinen ist Pflicht im Gerangel um Absatzmärkte.Erinnerungen werden wach an die 8. Europameisterschaften an gleicher Stelle: Einer der hoffnungsvollsten deutschen Leichtathleten geriet damals zwischen die Mühlsteine der Firmen adidas und Puma sowie der politischen Systeme in Ost und West. Es ging um ein Paar Laufschuhe und 100 Dollar. Kleinigkeiten im Vergleich zu den Summen, die heute gezahlt werden. "Man könnte darüber lachen", sagt Jürgen May, heute Amtsleiter für Bildung, Kultur und Sport im hessischen Kreis Hanau. Der 55jährige beläßt es beim Konjunktiv. Er kann den langen Leidensweg nicht so einfach vergessen, der für ihn damals in Budapest begann.Erstmals waren die beiden deutschen Staaten bei einer internationalen Meisterschaft mit zwei getrennten Mannschaften an den Start gegangen. "Aber wir kannten uns natürlich von den Wettkämpfen", beschreibt May die Situation. Beim Abendgespräch hatte er erfahren, was die Konkurrenten jenseits der Elbe an Zuwendungen von den Firmen erhielten, wenn sie deren Erzeugnisse trugen. May, damals 24, konnte der Versuchung nicht widerstehen, ließ sich mit den Westdeutschen Karl Eyerkaufer und Heinz Fütterer auf ein Schuhgeschäft ein. "Ein bißchen naiv war ich schon, anzunehmen, daß das nicht rauskommt." Andererseits habe er sich nicht vorstellen können, vom eigenen Verband deshalb lebenslang gesperrt zu werden "noch dazu als Sportler des Jahres".Doch im Gegensatz zum Mittäter Jürgen Haase vom SC Dynamo Berlin galt der Thüringer für die DDR-Staatssicherheit "längst als unsicherer Kantonist", wie er heute weiß. "Die hatten unheimlich viel über mich. Sie wußten, daß ich schon 1964 bei den Olympischen Spielen in Tokio abhauen wollte." Ebenso wie Haase hatte May bereits vor den Endläufen die Puma-Schuhe samt den 100 Dollar bei den DDR-Verbandsoberen abgeliefert. Haase wurde Europameister über 10 000 Meter, May landete im 1 500-Meter-Finale, das vom Westberliner Bodo Thümmler gewonnen wurde, auf dem fünften Platz.Ein unmoralisches Angebot Nach der Rückkehr versuchte die Staatssicherheit May klarzumachen, daß er mit beruflicher Förderung rechnen könne, wenn er aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt erklärt. May lehnte ab. "Ich war im besten Alter, längst nicht an meiner Leistungsgrenze", erklärt der 18malige DDR-Meister. An der vom Verband verhängten Sperre änderte das nichts. Die DDR berief sich auf die internationale Amateurregel, gegen die May durch die Geldannahme verstoßen habe.Der 1 000-Meter-Weltrekordler fand einen anderen Ausweg. Seine Kontaktleute schleusten ihn über Ungarn in den Westen Deutschlands. Ein Ende hatte die Geschichte damit nicht. Als May 1969 bei der EM in Athen für die Bundesrepublik an den Start gehen wollte, fand der DDR-Verband einen Weg, ihn zu hindern. May reiste wieder ab mit ihm aus Protest das gesamte Team der Bundesrepublik. Erst als Griechenland erklärte, dies sei auch ein Affront gegen den Veranstalter, lenkte die westdeutsche Führung ein. So liefen wenigstens die Staffeln um Medaillen. 1971 in Helsinki war May wieder dabei und gewann EM-Bronze. "Das ganz große Ding konnte ich nicht mehr landen, ich hatte den Zenit überschritten."Bis zum Fall der Mauer hatte May geglaubt, ein Sportfreund habe ihn verraten. Nach Einsicht in seine Stasi-Akte weiß er es besser. Vier dicke Ordner belegen es: Die lebenslange Sperre kam auf Betreiben von adidas zustande. "Die damalige Firmen-Führung bestand auf Einhaltung ihres Exklusivvertrages mit der DDR." Geschäft war Geschäft.