Projekte über Projekte. Nach wenigen Schritten verliert der Laie den Überblick. Die Siedlung Kirchsteigfeld neben der Landesbausparkasse, die Medienstadt Babelsberg neben der Helig-Geist-Kirche, das Bornstedter Feld neben dem Alten Markt, das Zentrum Ost neben dem Potsdam-Center ­ und wo bitte ist der Platz der Einheit? Das einzige, was all die Pläne zusammenhält, ist der gemeinsame Ort, an dem sie gezeigt werden. Die Ausstellung "Planen + Bauen", die derzeit im Stadthaus Potsdam zu sehen ist, vereint erstmals alle bedeutsamen Projekte unter einem Dach. Aber erst dadurch wird deutlich, daß ein Leitbild für die Gesamtstadt fehlt. Ein solches hatte die Unesco schon Ende 1996 angemahnt. Als Konsequenz aus dem Streit um das Bahnhofsviertel am Potsdam-Center wurde die Stadt aufgefordert, endlich eine übergreifende Leitplanung aufzustellen. Doch die verschiedenen Instanzen der Stadtverwaltung sind noch mitten in der Abstimmung. Daß aus dem "Abschreiten" von Konflikt-Orten, wie der Amtsleiter des Stadterneuerungsamtes, Dieter Lehmann, das Vorgehen charakterisiert, ein Gesamtplan entsteht, ist ebenso unwahrscheinlich wie baldige Ergebnisse.So hat das größte Unternehmen der Stadt nun die Initiative ergriffen, der Verwaltung die Arbeit abgenommen und eine Vorleistung erbracht: die Fachhochschule Potsdam. Die Professoren Klaus Theo Brenner, Ludger Brands und Bernd Albers entwikkelten gemeinsam mit ihren Studenten am Fachbereich Architektur und Städtebau einen Masterplan. Von heute an präsentieren sie ihre Ergebnisse in der Französischen Kirche. Erstmals seit dem Krieg denken sie Potsdam nicht nur aus sich selbst heraus. Ihr Leitbild ist größer: das preußische Arkadien, die historische Kulturlandschaft. Wie Persius und Lenné, jene Baumeister und Landschaftsarchitekten, die diesen Kulturraum über Jahrhunderte schufen, gehen die Planer von der Fluß- und Seenkette aus, die Berlin und Potsdam verbindet. Die Havel ist, tiefblau angelegt, das erste, was dem Betrachter ins Auge springt. Die Stadt ist "nur" der wichtigste Teil dieser Flußlandschaft, ihre einzelnen Quartiere sind "nur" Bausteine der Stadt am Wasser. Störende Plattenbauten Da die Wirklichkeit mit dieser Vision derzeit nur wenig zu tun hat, greift der Plan radikal in den Bestand und die Planungen der Gegenwart ein. Die Quartiere zwischen Babelsberg im Osten und Hermannswerder im Westen werden kompromißlos umgeformt. Opfer ist vor allem die DDR-Zeit. Ihre Bauten an der Neustädtischen Havelbucht, der Speicherstadt, im Nikolaiviertel, an den Havelterrassen sowie dem Zentrum-Ost sollen in den nächsten zehn Jahren zurückgebaut, die Hochhäuser an der Breiten Straße zugunsten einer kleinteiligen, verdichteten Blockbebauung abgerissen werden. Legitimiert wird das mit der angeblich stadtbildstörenden Wirkung und der begrenzten Lebensdauer der Plattenbauten. Das ist allerdings eine fragwürdige Begründung, denn Planautor Klaus Theo Brenner hat mit seiner denkmalgerechten Sanierung am Platz der Vereinten Nationen in Berlin selbst bewiesen, daß DDR-Bauten gerade unter diesen Aspekten wertvoll sein können. Ebenso rigoros korrigiert der Entwurf die Planungen der Gegenwart. Obwohl sich die Bahnhofspassagen des Potsdam Centers bereits in Bau befinden und der Wettbewerb für das "Quartier am Bahnhof" nördlich der Gleise jüngst zur Zufriedenheit aller Beteiligten entschieden wurde, verlagert der Entwurf die Baumasse des Potsdam-Centers auf die Südseite, um die südöstlichen Vorstädte, in denen heute sechzig Prozent der Bürger Potsdams wohnen, an die Innenstadt anzubinden. Andere Fehlentwicklungen ließen sich dagegen durchaus noch berichtigen. Die derzeit parallel zur Bahnlinie geplante "innerstädtische Erschließungsstraße" wird, da sie die Stadt weiter vom Fluß distanzieren würde, ersatzlos gestrichen. Statt dessen sieht der Plan vor, die Innenstadt vollkommen vom Durchgangsverkehr zu befreien und das Zentrum schalenförmig zu umfahren ­ ein für Potsdam neues, durchaus bedenkenswertes Konzept.Das Ufer des Brauhausbergs erkennt der Masterplan als idealen Standort für gehobenes Wohnen. Die Autoren lehnen es ab, hier, wie derzeit geplant, den brandenburgischen Landtag zu errichten. Sie wiederholen die oft gehörte Forderung, der Staat gehöre in die Mitte der Stadt, der Landtag in einen wie auch immer gestalteten Neubau an der Stelle des alten Stadtschlosses. Spätestens an dieser Stelle wird klar, daß der Entwurf nicht allein mit Ästhetik argumentiert. Er weist dem Areal zwischen Lustgarten und Altem Markt alle herausragenden Funktionen zu, die Stadt zu bieten hat: Universität, Regierung und Kongreßhotel. Potsdam und Berlin Damit nimmt er die "Elf Grundsätze der Stadtentwicklung" ­ einen funktionalen Wunschzettel, auf den sich das Gemeindeparlament bereits 1993 festlegte ­ weit ernster als die Stadt selbst. Sie drängte die Hochschule dazu, sich in der äußersten Ecke von Sanssouci einzurichten. Auf viele Standorte verteilt stellt die Hochschule im Stadtbild nur eine Randfigur dar.Daß viele Vorschläge des Masterplans alles andere als wirklichkeitsnah sind, mindert seinen Wert nicht. Ihm geht es weniger darum, eine handhabbare Checkliste in Baugenehmigungsverfahren zu sein. Er stellt Grundfagen der Stadtentwicklung, die die Stadt Potsdam bislang unbeantwortet ließ: Wie lassen sich die Verkehrsprobleme lösen? Welche Bedeutung hat die Mitte der Stadt? Wie fügen sich ihre übrigen Bausteine zu einem Ganzen? Was ist ihr wichtigstes Potential, auf das sich alles Bauen orientieren muß? Welche Rolle bleibt für Potsdam in Verhältnis zu Berlin? Dabei geben die Professoren und Studenten der Potsdamer Hochschule weit fundiertere Antworten als alle, die bisher von außen kamen, seien es die Geschmackskommissare von Prinz Charles· "Task-Force", die Unesco oder Investoren. Dieser Plan vermag die bisher beklagenswert provinziellen Potsdamer Diskussionen um historische oder moderne Schlösser, um Sichtachsen und Tramtrassen auf ein grundsätzlicheres Niveau zu bringen. Bisher hat es Stadtbaudirektor Richard Röhrbein abgelehnt, die Planungskapazitäten der Hochschule zu nutzen. Nun hat die Hochschule erneut eine Einladung an Oberbürgermeister Horst Gramlich und Bauderzernent Detlef Kaminski ausgesprochen. Potsdams Regierung täte gut daran, das Diskussionsangebot anzunehmen. Nicht allein der Plan, die Stadt als Weltkulturerbe hätte es verdient."Potsdam ­ Stadt am Wasser". Der Masterplan wird heute um 18 Uhr in der Französischen Kirche am Bassinplatz vorgestellt. Danach ist er dort bis zum 10. Dezember täglich zwischen 14 und 18 Uhr zu sehen.