BERLIN, 5. April. Wir leben im Jahr 14 nach der Einheit - und noch immer ist kein Aufschwung Ost in Sicht. Dabei mangelt es nicht an Ratgebern, die gerne wirtschaftspolitische Empfehlungen geben. Vor allem der Vorschlag einer Sonderwirtschaftszone macht immer wieder die Runde. In diesen Tagen ist es Klaus von Dohnanyi (SPD), ehemals Erster Bürgermeister von Hamburg und nun Berater der Bundesregierung, der sich das Konzept auf die Fahne geschrieben hat. Auch das Bundeswirtschaftsministerium ist mit von der Partie: Minister Wolfgang Clement (SPD) werde noch in diesem Jahr einen Gesetzentwurf in dieser Sache einbringen, sagte sein Sprecher der Financial Times Deutschland. Das Problem ist nur: Wenn es an die Details geht, wird die Unmöglichkeit schnell offenbar. "Das Stichwort Sonderwirtschaftszone wird immer wieder genannt, wenn man nicht mehr weiter weiß", sagt Karl Brenke, Ostdeutschland-Experte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Aber keiner sagt, was damit genau gemeint ist."In der Tat ist nicht immer klar, wer was darunter versteht - schließlich gibt es mehrere Möglichkeiten, wie ein Gebiet zur Sonderwirtschaftszone werden kann: durch Deregulierung im Bau-, Arbeits- oder Umweltrecht, durch niedrige Unternehmensteuern, durch staatliche Prämien für garantierte Arbeitsplätze, durch eine Reduktion der Mehrwertsteuer oder durch die Errichtung von Freihandelszonen. So lange es um den Abbau staatlicher Regulierung geht, hat Brenke keine Einwände. "Dann aber bitte in ganz Deutschland", fordert der Experte. Problematisch wird es seiner Ansicht nach, wenn in den neuen Bundesländern niedrigere Steuersätze gelten sollen als in den alten. "Der Effekt wird sein, dass sich Briefkastenfirmen aus dem Westen im Osten niederlassen", warnt Brenke. "Neue Arbeitsplätze entstehen so nicht."Noch eine weitere Schwierigkeit könnte sich ergeben: Wenn der Osten in eine Sonderwirtschaftszone mit niedrigeren Steuern verwandelt würde, hätte das dieselbe Wirkung wie die bisher für alle Unternehmen pauschal gezahlte Investitionszulage. Eine gezielte Förderung wachstumsstarker Branchen und Regionen wäre nicht möglich. "Das wäre das Prinzip Gießkanne", sagt Brenke. Und genau das wollte die Politik eigentlich aufgeben.Neu ist die Idee einer Sonderwirtschaftszone ohnehin nicht. Schon im Herbst 1990 hatte der damalige Bundeswirtschaftsminister Helmut Haussmann (FDP) ein Niedrigsteuergebiet Ost vorgeschlagen: Die meisten Steuern sollten im Vergleich zum Westen um ein Viertel gekürzt werden. Unterstützt wurde die Idee von Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) und vom ehemaligen SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller.Wenige Jahre später empfahl der Vizepräsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Tyll Necker, die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung in Ostdeutschland um drei Prozentpunkte unter das Westniveau zu drücken. Zuletzt äußerte sich Anfang dieses Jahres auch Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD). Er erteilte den Ratschlag, die Mehrwertsteuer im Osten zu halbieren. Doch wer auch immer eine Sonderwirtschaftszone forderte - eingeführt wurde sie nie.Andere Länder dagegen haben durchaus Erfahrungen gesammelt. Zum Beispiel Polen: Dort richtete der Staat Mitte der 90er Jahre 14 Sonderwirtschaftszonen (Specjalna Strefa Ekonomiczna) ein - vor allem in strukturschwachen Gebieten. Teilweise wurde dort die Körperschaftsteuer komplett ausgesetzt.Das brachte jedoch die Europäische Union auf den Plan. In einem Monat will Polen der EU beitreten, und Sonderwirtschaftszonen lassen sich nicht so einfach mit europäischem Recht vereinbaren. Um sich nicht den Vorwurf unrechtmäßiger Subventionen einzuhandeln, muss Polen die Vergünstigungen nun deutlich zurücknehmen. Ob die EU-Kommission einer Sonderwirtschaftszone in Ostdeutschland zustimmen würde, ist also fraglich.------------------------------Ost-West-Angleichung nicht in Sicht // Grafik: Die Wirtschaftsleistung je Erwerbstätigen in Ostdeutschland steigt seit Mitte der 90er-Jahre nur noch langsam. Zwar sind die Wachstumsraten etwas höher als in Westdeutschland, doch eine Angleichung ist nicht in Sicht. Pro Kopf der Bevölkerung ist der Unterschied zwischen Ost und Westdeutschland noch erheblich größer - eine Folge von hoher Arbeitslosigkeit, Frühverrentung und der Abwanderung von Arbeitskräften gen Westen.