Wenn auch keine Erlösung komme, sagte Franz Kafka, so wolle er doch in jedem Augenblick seines Lebens ihrer würdig sein. Den gefallenen Menschen, von denen uns der Bulgare Dimitré Dinev seit einigen Jahren in einer poetischen, fast verloren geglaubten beseelten deutschen Sprache erzählt, geht es umgekehrt.Sie betrügen ihre Ehefrauen und heulen sich bei Huren aus. Sie saufen, fluchen, foltern oder morden. Sie schlafen auf Bahnhofsklos, arbeiten schwarz oder gar nicht und leben in einer kalten Welt fern der Heimat. Allein den Glauben verlieren sie nicht.Dinev, der 1968 im südbulgarischen Plovdiv geboren wurde und nach dem Ende des Kommunismus nach Wien floh, wo er bis heute lebt, hat auf Bulgarisch, Russisch und Deutsch veröffentlicht. Heute versteht er sich als österreichischer Schriftsteller, "weil ich hier lebe und österreichische Literatur mache." Sein bisher einziger Roman "Engelszungen", der Terézia Moras gefeiertem Buch "Alle Tage" thematisch nahe und in seiner sprachlichen Schönheit kaum nachsteht, war ein kleines Wunder.Der breit angelegte, doppelte Familienroman "Engelszungen" ist ein schillernder Gang durch die bulgarische Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Auf wundersame Weise gelingt Dinev die Öffnung metaphysischer Räume, ohne dass die Schilderung des trist-brutalen Balkansozialismus und der Emigrantenschicksale in Österreich dadurch an Glaubwürdigkeit verlöre.Wechselnd zwischen Fabulierlust, slawischem Humor und Reflexionen über Macht und Sprache, erfahren wir durch diesen Blick auf den Westen, was uns selbst durch Fortschritt und Wohlstand verloren gegangen ist und bisweilen auch unserer Literatur fehlt: Instinkt und Poesie.Auch in Dinevs neuem Buch "Ein Licht über dem Kopf", dessen Geschichten wie der Roman oft in Bulgarien beginnen und in Wien enden, begegnen uns Geister und Traumfiguren, auferstandene Tote, Wahrsagerinnen und Mirakel. Trotzdem heben die Erzählungen nur selten ab.Juri, Bauarbeiter aus Moldawien, der mit seinen rumänischen und polnischen Kollegen illegal ein Haus hochzieht, beginnen plötzlich die Hände zu bluten: Er hat Stigmata. "Da er nicht versichert ist und sich nicht getraut, die Wunden einem Arzt zu zeigen, bleibt den Menschen ein Wunder und der Kirche ein Heiliger vorenthalten."Lazarus, der seine Frau zuerst betrogen und später verloren hat, der seine Mutter, eine Zigeunerin, verleugnet, flieht, versteckt auf einem Lastwagen voller Särge, nach Österreich. In den Totenkisten stecken Albaner, Serben und Bulgaren voller Hoffnung auf eine neues Leben, auf eine Wiederauferstehung. Spas und Ilija suchen Arbeit in Wien wie andere das Glück.Nicht Liebe oder Hoffnung, sondern Arbeit ist das erste Wort, das die Flüchtlinge in der fremden Sprache lernen. Arbeit ist der Traum und die Realität des Immigranten. "Sie schauten mit Ehrfurcht hinauf auf die, die ihre Straße putzten. Ihre orangefarbenen Gewänder leuchteten. Man sah sie von weitem, wie viele aufgehende Sonnen. Sie waren von einem anderen Stern. Sie waren Österreicher. Nur Österreicher durften bei der Müllabfuhr arbeiten."Nicht alle Erzählungen, die größtenteils vor den "Engelszungen" entstanden sind, erreichen das hohe Niveau des Romans. Einige wirken wie unfertige Skizzen und Vorstufen zum großen Wurf, manchmal schrammen einige sentenzhafte Beschreibungen haarscharf am Kitsch vorbei. Aber insgesamt zeigt sich auch in der kleinen Form Dinevs große Leistung: die Rückführung der Seele in die deutschsprachige Literatur.------------------------------Dimitré Dinev:Ein Licht über dem Kopf.Deuticke, Wien 2005. 189 S., 17,90 Euro.