Zu DDR-Zeiten waren mittelalterliche Spektakel noch zünftig. Da konnte man "im Badezuber vögeln und nackt über die Wiese rennen", wie Robert von den Inchtabokatables schwärmt. Dann kam die Vereinigung, mit ihr hielt die Familienfreundlichkeit auf Jahrmärkten Einzug, und Robert nebst Intimus Titus nahmen Reißaus.Mit Freunden besetzten sie ein Haus (die legendäre Schönhauser 5), musizierten folkloristisch weiter und gründeten die Band mit dem unaussprechlichen Namen, die Inchtabokatables. Und die Band erregte Aufsehen. Das erste Album "Inchtomanie" (1992) stand so konträr zur vorherrschenden Musik zu Beginn der 90er wie sonst noch Modern Talking. Weder Techno noch Grunge, sondern ein Mittelalterspektakel für Freidenker bildete die Plattform, die auf Platte gepreßt war. Das war frech und altbakken zugleich.Die Inchies so umgehen Fans das linguistische Debakel gerieten auch als Keimzelle anderer Projekte in die Schlagzeilen. Bassist Olli verließ die Kapelle, um in einer anderen namens Rammstein aufzuspielen. Ein den Inchies "assoziierter" Perkussionist, Steven Garling, warb mit dem Kredit des Namens für seine Soloprojekte.Führte die Band den grausigen Mittelalter-Trend einst an, langweilte sie bald das Kokettieren mit Mystik und Galgen-Tralala. Das Quintett schraubte die Folklore zurück, das Albumergebnis "Quiet" vergraulte viele Fans. Unbeirrt gingen die Inchies den Weg der Erneuerung. Mit dem kürzlich erschienenen Werk "Too loud" bewahrheitete sich für die Abgesprungenen das Schlimmste. Das fünfte Album gipfelt nämlich in etwas ganz Furchtbarem, bei den Inchies nie Dagewesenem: einen Hit. "You chained me up" wartet mit einem eingängigen Männerchor auf, der jeden zum Mitsingen verdonnert. Leute, die den Kollwitzplatz für eine Brutstätte chaotischer Gewalt halten, pfeifen die Mischung aus New Model Army und Industrial mit, Radiostationen setzen die Band auf ihre Playlisten. Das Schiff des Underground sinkt, der Stern in den Charts steigt. Puristen trifft das ebenso hart wie die Harmonisierung der Mittelalterfeste. Aber mal ehrlich: Wer will ewig im Badezuber hocken?Inchtabokatables 15. Oktober, 20 Uhr, Tempodrom