Die Ostseeküste lebt vom Tourismus. Wie aber soll er gefördert werden, wenn zugleich die Landschaft geschützt werden soll? Die Usedomer wollen diesen Widerspruch lösen.Wilde Orchideen, seltene Torfmoose, Kranich und Waldwasserläufer. In der Zerninseesenke auf Usedom, Deutschlands nordöstlichster Ostseeinsel, leben seltene Pflanzen und Tiere. Seit kurzem ist die stillromantische Zerninseesenke an der deutsch-polnischen Grenze beim Fischerdörfchen Kamminke im südöstlichsten Zipfel der Insel Naturschutzgebiet.In unmittelbarer Nähe verläuft die ehemalige B 110 nach Swinemünde, die erste befestigte Straße der Inseln Usedom und Wolin. "Zum Glück ist die Öffnung der Grenze zu Polen für den Autoverkehr bei Kamminke vorerst auf das Jahr 2000 verschoben", meint Dirk Weichbrodt, Mitarbeiter der Naturparkverwaltung auf Usedom. Autotourismus ins nahe Swinemünde, das einst das kulturelle und ökonomische Zentrum Usedoms war, wäre wohl der Todesstoß für Kranich und seltene Schnepfenarten in der Zerninseesenke. Und nicht nur das: Auch die Insel insgesamt - auf Usedom gibt es derzeit 13 Naturschutzgebiete - und nicht zuletzt der zaghafte wirtschaftliche Aufschwung würden darunter leiden.Wie viele Gäste blieben in den teuren Hotels der Seebäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, wenn der Tourist per Auto bequem ein paar Kilometer weiter fahren und dort billiger Urlaub machen könnte? Einkaufstourismus Seit langem schon nimmt der Einkaufstourismus nach Swinemünde - der Grenzübergang in Ahlbeck ist lediglich für Fußgänger geöffnet - bedrohliche Ausmaße an. In den Sommermonaten sind es bis zu 20 000 Deutsche, die täglich im polnischen Swinoujscie billig einkaufen und sich gar nicht erst der Mühe unterziehen, die Deutsche Mark in polnische Zloty umzutauschen."Auf einer Insel, die hauptsächlich vom Tourismus lebt, Naturschutz zu machen, ist die hohe Kunst des Naturschutzes", glaubt Dirk Weichbrodt. Er engagiert sich für einen "Naturpark Usedom". Dahinter verbirgt sich eine neue Philosophie des Miteinanders von Mensch und Natur in einer Region, die hauptsächlich vom Fremdenverkehr lebt. Dr. Lebrecht Jeschke, Chef des Nationalparkamtes Mecklenburg-Vorpommern in Speck bei Waren/Müritz, will die Naturpark-Idee so verstanden wissen: "Naturparke ostdeutscher Prägung sind Modellregionen für ein harmonisches Miteinander von Mensch und Natur, von Ökonomie und Ökologie. Sie sollen der Erhaltung von Naturlandschaften dienen und für landschaftsgebundene Erholungsformen erschlossen werden. Ziele des Naturschutzes einerseits und des Tourismus andererseits sollen gleichberechtigt behandelt und durchgesetzt werden."Ein Ansatz, den die Rut- und Klaus-Bahlsen-Stiftung Hannover interessant genug fand, um die vorbereitenden Arbeiten für einen Naturpark Usedom finanziell zu fördern. Dirk Weichbrodt und zwei weitere Kollegen werden von der Stiftung bezahlt. Finanzieller Anschub Für fünf Jahre hat die Stiftung insgesamt 1,4 Millionen Mark für die Erarbeitung eines Pflege- und Entwicklungsplanes bereitgestellt. In der Erwartung, daß das Land Mecklenburg-Vorpommern spätestens nach Ablauf dieser Frist den Naturpark per Verordnung festsetzt und dessen weitere Finanzierung aus Landesmitteln übernimmt.Der Naturpark indes ist nicht unumstritten. In den Seebädern sieht man der Sache eher gelassen entgegen. Auch deshalb, weil die Orte an der Außenküste mit ihrem sogenannten anlagengebundenen Tourismus nicht Bestandteil des Naturparks sein werden. Hans-Joachim Merkle, Bürgermeister von Heringsdorf, denkt vor allem an die Besucher: "Das Naturerlebnis steht bei den Touristen jetzt schon hoch im Kurs, und diese Tatsache sollten die hiesigen Verantwortlichen auch in der Zukunft nicht unterschätzen."Deshalb sei es gut für den Fremdenverkehr, wenn der Naturraum auf der Insel erhalten bleibt und die Schäden aus der Vergangenheit so weit wie möglich behoben werden. Natürlich werde es Verbote zum Betreten bestimmter Gebiete geben, so der Bürgermeister. "Das wird die Kunst sein: Den Besuchern die Natur nahezubringen, ohne sie überall herumtrampeln zu lassen. Ich bin davon überzeugt, daß das möglich ist. Denn die Leute, die sich hier um die Natur bemühen, tun das sehr bewußt."Zu DDR-Zeiten lag der Haupterwerb auf der Insel Usedom in der Landwirtschaft. Heute soll unter anderem der sogenannte Vertragsnaturschutz - eine Maßnahme aus dem Förderprogramm "Naturverträgliche Grünlandnutzung" der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern - eine nachhaltig und somit naturverträgliche Bewirtschaftung von Flächen gewährleisten. Mit Naturpark werben Im vergangenen Jahr wurde die naturverträgliche Bewirtschaftung von 1 493 Hektar mit insgesamt 400 000 Mark gefördert. 45 Seeadler rasteten im Winterhalbjahr an den umliegenden Gewässern. Vier Millionen Touristen besuchten die Insel im vergangenen Jahr."Der Naturpark Usedom muß unser Markenzeichen werden. So wie die Touristen sind auch die Seeadler bei uns nur zu Gast. Wenn die hier keinen Lebensraum mehr finden, wird unsere Insel eines Tages auch an touristischer Attraktivität verlieren", ist sich Dirk Weichbrodt sicher. +++