Die Internet-Blogs zersetzen das informierte und unabhängige Urteil: Warum wir Filmkritik brauchen

Mit Roger Ebert hat alles angefangen. "Siskel und Ebert" nannte sich ein Fernsehformat in den USA, bei dem die aktuellen Kinofilme nach dem Prinzip "Daumen hoch oder Daumen runter" verhandelt wurden. Filmkritik als Warentest: Sollen wir hingehen oder nicht? Vor ein paar Wochen verteidigte Roger Ebert noch sehr vehement seine Nachahmer im Internet. Jetzt hat der Filmkritiker der Chicago Sunday Times das Ende seiner Fernsehshow (inzwischen ohne Eugene Siskel, der 1999 gestorben ist, stattdessen mit seinem Kollegen Richard Roeper) angekündigt. Schluss mit "Daumen rauf oder runter" also.Einer der Gründe dafür ist der immer stärker werdende Einfluss der Blogs auf die traditionell eher akademische amerikanische Filmkritik. Diverse Zeitungen wie die einflussreiche New Yorker Village Voice (viele, vor allem europäische Filme laufen nur in New York; die publizistische Beachtung dort bestimmt maßgeblich das Schicksal eines Films), aber auch die L.A. Times haben ihre fest angestellten Filmkritiker entlassen. Schließlich, so das Hauptargument, gäbe es ja genug Informationen zu den aktuellen Filmen im Internet. Tatsächlich gibt es immer mehr Blogs, die sich mit Kino beschäftigen. Jede Menge Fans, viel Begeisterung, aber auch Hass-Blogs, geschrieben wie von Fußballfans über die Gegnermannschaft. Wer braucht da noch eine professionelle Filmkritik?Dass sie verschwinden wird und mit ihr auch die Kunst- und die Literaturkritik, befürchten in den USA immer mehr interessierte Beobachter der Szene. Und weil früher oder später alles, was in Amerika passiert, auch für uns interessant wird, müssen wir uns fragen: Was würde eigentlich fehlen, wenn es die Filmkritik in der Zeitung nicht mehr gäbe? Schließlich haben die Printjournalisten immer zu wenig Platz - ein Problem, das in den Internet-Blogs völlig unbekannt ist. Gut ein Dutzend der großen US-amerikanischen Zeitungen (etwa in Denver, Los Angeles, Fort Lauderdale) hat seine Kritiker schon abgeschafft. "Jeder kann Filmkritiker sein", locken die Web-Kritiker von indiewire.com und cinematical.com. Filmkritiker werden zu einer bedrohten Spezies. Aber: "Ein Kritiker ist auch ein Missionar", hat Jean-Luc Godard einmal geschrieben, und dann wurde er Filmemacher."Kritik ist keine demokratische Angelegenheit, Meinung ist dabei das kleinste und unwichtigste Element. Viel wichtiger ist der theoretische und historische Hintergrund." Das sagt Richard Schickel, der Filmkritiker des Time Magazine. Mark Rudin, der Produzent des Coen-Films "No Country for Old Men" zweifelt daran, dass sein Film jemals überhaupt wahrgenommen und am Ende den Oscar als bester Film bekommen hätte ohne den beständigen Zuspruch der seriösen Kritik in den Zeitungen.Auch die Schaukästen vor den deutschen Programmkinos beweisen: Ohne den kritischen Zuspruch der deutschen Filmkritik geht zumindest in diesem Marktsegment gar nichts. "Blogs gehören eher zum gesprochenen Wort", sagt Richard Schickel: "Das ist flüchtige Gesprächskultur. Mit der geschrieben Filmkritik, einem respektablen Literaturgenre hat das nichts zu tun." Viele Filmemacher wie zum Beispiel Theo Angelopoulos wurden in Deutschland schreibend durchgesetzt. Das gilt auch für Wim Wenders und Werner Herzog oder die neuen deutschen Kinotalente von Tom Tykwer bis Christian Petzold.Die professionelle Kritik setzt neue Trends und ästhetische Standards durch. Sie ist im besten Fall Avantgarde und entdeckt im Experiment von Heute den Mainstream von Morgen. Auch die Filmproduzenten brauchen diesen Dialog mit den Filmkritikern, die ihre historische Bildung und ihre ästhetische Entdeckerfreude einbringen und im Idealfall immer mehr Zuschauer dazu anregen können, ihren Kinobesuch als Wagnis zu sehen.Doch was der Kritik der traditionellen Künste Oper, Bild und Literatur leicht zugestanden wird, das ist für die Filmkritik nicht selbstverständlich - weshalb der Auftritt der reinen Internet-Kritik der Filmkritik am meisten schadet. Schließlich dachten schon immer alle, dass Film keine Kunst ist und dass deshalb alle ohne jede Vorbildung etwas zum Kino sagen können. In den deutschen Blogs herrscht der Warentest: Daumen hoch - Daumen runter. Tausende Blogger greifen die Filmkritik an. Jeder kann ein Kritiker sein. Doch neue Kinotrends werden so niemals entdeckt.Noch sind gedruckte Filmkritiken in Deutschland kaum bedroht - der Kinoanzeigen wegen, die ein redaktionelles Umfeld fordern, auch wenn die Verleiher nicht immer mit der kritischen Besprechung einverstanden sind. Aber auch bei uns baut sich im Netz eine Gegenwelt der Blogger auf, deren sprachliches und intellektuelles Unvermögen der "Spiegel" jüngst aufspießte.Freilich gibt es auch seriöse Angebote wie zum Beispiel das Internetmagazin "Titel". Als prominenter Kolumnist schreibt dort Wolfram Schütte, der bei der "Frankfurter Rundschau" einer der einflussreichsten deutschen Filmkritiker und außerdem Feuilletonchef war. Seine Nachrufe auf Michelangelo Antonioni und Ingmar Bergman gehören zum Besten, was die deutsche Filmpublizistik im letzten Jahr hervorgebracht hat. Die Präsentationsform der Texte bleibt jedoch fragwürdig. Den kenntnisreichen und engagierten Pensionär Wolfram Schütte würde jede deutsche Zeitung gern drucken. Warum wählt er das Netzversteck, in dem sich hauptsächlich Dilettanten und Abschreiber herumtreiben?Für das große Bild der Medienentwicklung sind diese Auftritte eher Randerscheinungen. Tatsache ist: Ein Teil des Kulturjournalismus in Print und Radiomedien wird verschwinden, weil es immer mehr ebenso kosten- wie verantwortungslose, zudem meinungsschwache Angebote der Blog-Amateure geben wird. Kritiklos verlängerte Werbung eigentlich. Die Talente der Zukunft werden es schwerer haben, Gehör zu finden. Der mysteriöse, durchaus noch nicht massenkompatible thailändische Regisseur Apichatpong Werasettakool wird ebenso wenig wie Bruno Dumont aus Nordfrankreich an die Aufmerksamkeit des großen Kinopublikums gelangen, so wie es einst Lars von Trier oder Pedro Almodóvar gelang. Das Netz wird sie verbergen, und nur die gedruckte literarische Filmkritik wird sie wieder hervorheben können. Das Kino braucht die Filmkritik. Auf Blogs kann es verzichten.------------------------------Foto: Daumen rauf oder runter? Roger Ebert (r.) und Gene Siskel haben das Schnellgericht für neue Filme ins Fernsehen gebracht.