Die irakischen Schiiten wurden nicht erst unter Saddam Hussein von der Macht fern gehalten: Der Euphrat ist zum Bach geworden

Als 1991 der Aufstand im Süden des Irak ausbrach, fand die schweigende und unterdrückte Mehrheit der Schiiten endlich eine Gelegenheit, ihrem aufgestauten Unmut Luft zu machen. Die irakischen Schiiten machen die Mehrheit der Bevölkerung im Zweistromland aus, obwohl oft von ihnen als Minderheit die Rede ist. Nach westlichen Quellen bilden sie zwischen 55 und 65 % der Bevölkerung.Die Menschen hoffen auf Chancengleichheit in allen Lebensbereichen. Darin unterscheiden sie sich nicht vom unterdrückten Rest der Bevölkerung. Allerdings schauen sie auf eine jahrzehntelange Geschichte einer systematischen Diskriminierung zurück. Zunächst unter osmanischer Herrschaft, dann unter britischem Mandat, während der Herrschaft des Königs und nach Gründung der Republik im Jahre 1958. Immer mussten sie erleben, dass sie auf Grund ihrer Konfession benachteiligt werden. In der Staatsbürokratie, im Bildungswesen, in Militärakademien und sogar in der Baath-Elite sind sie unterproportional vertreten.Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen engagierten sich die Schiiten aktiv in den wichtigsten irakischen Parteien, seien es linke Parteien wie die kommunistische, solche mit national-arabischer und säkularer Orientierung wie die Baath-Partei oder sogar Parteien mit religiöser Ausrichtung, wie Hizb ad-Dawa. Die Gründung eines islamischen Staates liegt ihnen fern. Alles, was über dieses Thema gesagt wird, sind Träume, die in begrenztem Maße nach der Iranischen Revolution von 1979 aufgetaucht sind. Sie spiegeln nicht die Meinung der Mehrheit der irakischen Schiiten wider. Denn trotz ihrer heftigen Kritik an dem Regime von Saddam Hussein und trotz der erfahrenen Unterdrückung spielten sie eine große Rolle auf irakischer Seite im Krieg gegen den Iran. Das Gerede um die Gründung eines islamischen Staates im Süden ist ein guter Vorwand, um die Diskriminierung der Schiiten fortzusetzen.Die Trockenlegung der Sümpfe im Südirak war ein zusätzliches Mittel, die soziale Struktur dieser Menschen zu zerstören. Denn bei diesem Gebiet handelt es sich um eine historisch gewachsene Region. Mit der Trockenlegung hat das Regime von Saddam Hussein nicht nur ein Verbrechen gegen die arme Bevölkerung im Süden begangen, sondern auch gegen die Umwelt. Das Regime hat darüber hinaus Pläne vorangetrieben, wonach ein ausgetrockneter Fluss im Gebiet von Samawa, Khidr und Nassirijah wieder aktiviert werden sollte. Das Ergebnis war die Versalzung der landwirtschaftlich nutzbaren Böden und die Verarmung der Bevölkerung. Sogar der Euphrat hat sich in diesem Gebiet in den letzten Jahren in einen kleinen Bach verwandelt.Es gibt von schiitischer Seite keine Pläne, für die Zeit nach Saddam die Macht zu übernehmen. Sogar die "Erklärung der Schiiten", die vor einigen Monaten veröffentlicht wurde und viele Spekulationen verursacht hat, hat lediglich eine grundsätzliche Forderung zum Ausruck gebracht: die Forderung nach einer demokratischen Regierung. Sie soll nicht nach den traditionellen Spielregeln der osmanischen Herrschaft funktionieren, die automatisch von der britischen Mandatsmacht nach dem Ersten Weltkrieg weitergeführt wurde. Die Spielregeln besagten, dass der Herrscher im Irak der sunnitischen arabischen Minderheit angehören soll. Den Hintergrund bildete der Konflikt der Osmanen mit dem Iran, der zu jener Zeit bereits mehrheitlich schiitisch war. Diese Auseinandersetzung übertrug sich auch auf die schiitische Bevölkerung im Irak, die von der Macht fern gehalten wurde. Diese Bestimmung der Osmanen macht alle Träume und Visionen der Mehrheit der Iraker zunichte, die sich eine Zivilgesellschaft vorstellen, eine Verfassung und individuelle Freiheiten - Grundsätze, die die irakische Gesellschaft über Jahrzehnte vermisste. Wenn sie existiert hätten, dann hätten auch die Schiiten ihre einfachen und natürlichen Rechte bekommen.Es verwundert nicht, dass die meisten arabischen Regierungen und Institutionen intensive Kontakte zur irakischen Opposi- tion abgelehnt haben. Denn diese Regierungen entstammen einem sunnitischen Hintergrund, während die Mehrheit der irakischen Opposition einen schiitischen oder kurdischen Hintergrund hat. Die Haltungen der arabischen Regierungen haben demnach konfessionelle Gründe. Manchmal hört man auch im Westen ähnlich lautende Stellungnahmen. Es handelt sich nur um Wiederholungen ohne großes Nachdenken. Wenn beispielsweise Peter Scholl-Latour sich zum Geburtshelfer einer neuen irakischen Regierung macht und einen sunnitischen Offizier als neuen Ministerpräsidenten wünscht, dann gibt er sich - wie viele andere auch - der Illusion hin, nur so sei der Zusammenhalt des Landes zu gewährleisten. Gerade jetzt wird oft die drohende Spaltung des Landes in drei Staaten beschworen: Im Norden die Kurden, in der Mitte die Sunniten und im Süden die Schiiten. Aber dieses Szenario entbehrt jeder Grundlage.Die irakische Gesellschaft kann man als säkular bezeichnen, insbesondere trifft das auf die Schiiten zu. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass innerhalb der irakischen Opposition eine Figur mit schiitischem Hintergrund, Kanaan Makiyya, als Bindeglied zur amerikanischen Regierung fungiert. Ebenso Ahmad al-Chalabi, zentrale Gestalt im Irakischen Nationalkongress: Chalabi entstammt einer politisch und wirtschaftlich einflussreichen schiitischen Familie. Sogar der religiös orientierte Ajatollah Baqir al-Hakim, der als einziger unter den schiitischen Irakern in Teheran sein Exil aufgeschlagen hat, hat seinen Bruder Aziz al-Hakim beauftragt, Kontakte mit den Amerikanern herzustellen.Bleibt zu hoffen, dass der Sturz von Saddam Hussein den Schiiten eine Verbesserung ihrer Lebensumstände bringt.Khalid Al-Maaly, Schriftsteller, Übersetzer, Verleger, wurde 1956 im irakischen As Samawa geboren. Auf deutsch erschienen von ihm die Bände "Eine Phantasie aus Schilf", "Gedanken über das Lauwarme", "Landung auf dem Festland".Schiiten und Sunniten // Die Auseinandersetzung um die Nachfolge von Prophet Mohammed führte bereits Mitte des 7. Jahrhunderts zur Teilung der islamischen Gemeinde in Sunniten und Schiiten.Die Schiiten ergriffen die Partei (Schi a) von Ali, dem Schwiegersohn des Propheten, der durch seine Söhne das Blut Mohammeds weitervererbt habe. Der Imam, der Führer der Gemeinde, muss nach ihrer Auffassung direkter Nachfahre Alis sein. Seine Person wird religiös überhöht zu einer unfehlbaren Instanz.Für die Sunniten (rund 80 Prozent der Moslems) muss der Nachfolger zum Stamm Mohammeds gehören.Im Irak und in Iran stellen die Schiiten die Bevölkerungsmehrheit. Sie gehören zur Zwölfer-Schi a: Der 873 entschwundene 12. Imam werde am Jüngsten Tag wiederkehren und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen.REUTERS/GORAN TOMASEVIC Die Tür der Imam-Kazem-Moschee, in einem Vorort von Bagdad, am schiitischen Aschura-Fest im März 2003.