Die Jahrhundertgeschichte des Harry Domela: Der Mann, der sich verschwinden ließ

Im Sommer 1929 eröffnet ein junger Mann in der Rostocker Straße im Berliner Norden ein Kino. Für das Geschäft ist die Gegend nicht gerade vorteilhaft. Zu viele Arbeitslose, Arme, Alte, Proletarier im Moabiter Kiez, zu wenig Geld, zu viele Zwangsräumungen. Von Monat zu Monat mehr Not. Kleiner Mann - was tun? Zu den Kommunisten? Zu den Nazis? Ins Kino? In den Mietshäusern ist nur für ein bescheidenes Lichtspieltheater Platz. Die Berliner nennen so etwas eine "Flohkiste". Der junge Mann spricht von einem "Volkskino". Es ist ihm ernst. Er kommt von ganz unten.Am Eröffnungsabend drängen sich vor seinem Kino Zeitungsleute, Damen und Herren der feinen Berliner "Gesellschaft", jeder will dabei sein, auch Hans Heinz Ewers wird gesehen, ein prominenter Schriftsteller, der mit den Nazis sympathisiert und ihnen den "Horst Wessel"-Film schreiben wird. Das Publikum auf der Straße harrt geduldig aus, bis jeder im Kino war. Es läuft immer der gleiche Film: "Der falsche Prinz. 6 Akte mit Harry Domela."Der Kinobesitzer ist Harry Domela. Ein Mann mit prickelndem Ludergeruch. Der berühmteste Hochstapler der Weimarer Republik. Domela hat 1926 einige Wochen in Erfurt erfolgreich die Rolle eines "Wilhelm, Prinz von Preußen" gespielt. Jetzt hat er Geld. Sogar auskömmlich. Dabei wollte er nur einen Pass. Er ist gerade 24. Also liegt das Leben noch vor ihm und es wird eine Geschichte, spektakulärer als die Hochstaplerrolle. Es wird eine wilde Zeitreise als Heimatloser, Freikorpssoldat, Defraudant, Schriftsteller, Homosexueller, Schauspieler, Exilant, Kommunist, Spanienkämpfer, Trotzkist, eine Zeitreise durch das "Kurze Zeitalter der Extreme" wie Hobsbawm die Jahre nennt, und zum Unglaublichsten gehört, dass es sie scheinbar nicht gegeben hat. Der Mann und die Geschichte haben sie dem Schweigen überantwortet. Harry Domelas kriminelle Karriere beginnt konventionell. Er braucht wie Wilhelm Voigt, der "Hauptmann von Köpenick", "Papiere". Domela wird 1905 in dem lettischen Dörfchen Grusche als Deutschbalte geboren und 1919 Kindersoldat in dem im Baltikum kämpfenden Freikorps "Brandis". Als die Truppe 1920 in Brandenburg aufgelöst wird, gilt Domela in der Heimat als Hochverräter und für die Deutschen als Ausländer. Die Behörden verweigern ihm einen Pass. Einen Pass braucht er aber, um Arbeit zu bekommen. Domela schlägt sich mit Beschäftigungen durch, bei denen nicht nach Papieren gefragt wird. Er ist in den Goldenen Zwanzigern Ziegeleiarbeiter, Hausbursche, Bettler, Schnellzeichner, Vertreter, Gärtner. Er hungert, friert, verdreckt, hat als Homosexueller auch sonst wohl Probleme und legt sich für ein bisschen Würde und Arbeit einen klingenden Namen zu: "von Liven." Aus Livland stammt er ja, und der baltendeutsche Akzent ist auch echt. Als Domela bei einem Grafen Hardenberg in Darmstadt nach einer Beschäftigung fragt, bietet Hardenberg dem vermeintlichen Standesgenossen Unterstützung an. Eine Tür ist aufgestoßen. Domela hochstapelt sich durchs Leben. Seine Rollen werden von Mal zu Mal großartiger. Im Herbst 1926 stellt er sich in Heidelberg im Verbindungslokal der "Saxo-Borussen" als "Prinz Liven, Leutnant im 4. Reiterregiment Potsdam" vor. Die saufenden, kotzenden, Mensuren schlagenden Borussen sind über einen leibhaftigen Prinzen in ihren Reihen begeistert. Einige Wochen später steigt Domela in Erfurt bescheiden als "Baron Korff" im "Erfurter Hof" ab. Der Hoteldirektor hält es für ein Inkognito des Hohenzollern-Prinzen "Wilhelm", des ältesten Sohns des ehemaligen deutschen Kronprinzen. Welche Ehre. Domela wird in der feinen Gesellschaft Thüringens in schwindelnde Höhen durchgereicht: Empfänge, Theaterbesuche, das Schlosshotel in Gotha, Autofahrten, "Königliche Hoheit" wird zur Hasenjagd eingeladen. Domela ballert einige Male daneben, dann trifft er ein Langohr. Einer der Honoratioren ruft: "Königliche Hoheit schießen ja glänzend! Donner noch mal, da sieht man doch die Jagdleidenschaft der Hohenzollern!" Nach der Abendtafel dann das Jagdbuch: "Königliche Hoheit werden die Gnade haben, zuoberst zum Andenken an den heutigen Tag Eurer Königlichen Hoheit Namenszug und dahinter die Zahl der geschossenen Hasen einzutragen." Domela schreibt: "Wilhelm, Prinz von Preußen - acht Hasen." Als endlich Zweifel aufkommen, sucht er Kontakt mit hohen Reichswehroffizieren und verpflichtet sie, jeder Verdächtigung entgegenzutreten, entweicht aber vorsichtshalber IV. Klasse ins Rheinland. In die Fremdenlegion schafft er es nicht mehr. Im Januar 1927 wird er in Köln festgenommen und ihm wird noch im gleichen Monat unter großer öffentlicher Anteilnahme der Prozess gemacht. Die Republik steht nackt da. In seinen sieben Monaten Gefängnis schreibt er: "Der falsche Prinz. Leben und Abenteuer von Harry Domela." Wieland Herzfelde bringt das Buch im Malik-Verlag heraus. Es wird mit 120 000 gedruckten Exemplaren ein Riesenerfolg. Jeder kennt Harry Domela. Halb Europa lacht. Die literarische Prominenz von Thomas Mann bis Ossietzky feiert ihn. Domela hat eine Geschichte, an der sich der Zustand der Republik ablesen lässt. "Sie haben die Dummheit gezüchtigt", sagt Ossietzky. Domela hat eine Geschichte, an der sich verdienen lässt. Die Theater holen ihn. In Bad Kudowa spielt er in dem Singspiel "Alt Heidelberg" den Leutnant Karl-Heinz. In Leipzig tritt er in der Komödie "Seine Durchlaucht" auf. In Berlin in der Revue "Die ganze Welt lacht". Große Magazine drucken Geschichten und Zeichnungen von ihm. Hat er es geschafft? "Ich will keine Sehenswürdigkeit mehr sein", sagt Domela im November 1929 im "Querschnitt". Im Kino in der Rostocker Straße zeigt er "Die Hölle der Heimatlosen" und Eisensteins "Die letzten Tage von Sankt Petersburg". Ewers hat am Eröffnungsabend gezweifelt, ob sich solch ein "Volkskino" rentieren wird und Domela hat kühn geantwortet, dass er den Gewinn einer Unternehmung weniger vom geschäftlichen Standpunkt, als von den Erlebnismöglichkeiten sehe. Auf dem Feld hat er in der Rostocker Straße Erfolg. Einige Leute sitzen schon eine Dreiviertelstunde vor Vorstellungsbeginn im dunklen Kino, denn es wäre egal, ob sie hier oder zu Hause säßen, Licht hätten sie auch in der Wohnung nicht. Domela ist Zuflucht der Straße, Ruhm der Straße. Als es eines Abends bei der Konkurrenz in der Beußelstraße brennt, überbringen ihm seine "Rostocker" die Nachricht mit Freudengeschrei. Nur Karten kaufen sie schlecht. Das Kino macht Pleite, Domela verliert sein Geld und wird wenigstens einmal im Jahr unter haltlosen Anschuldigungen verhaftet und wieder freigelassen, zuletzt im Januar 1931 wegen "Verdacht des Landesverrates". Wieland Herzfeldes Schützling sympathisiert mit der KPD. Als Hitler an die Macht kommt, geht Domela vorsichtshalber mit einem falschen Pass nach Holland. Er heißt jetzt Vietor Zsajka, ist am 12. August 1908 in Wien geboren und wohnt dort Matteottiplatz 2. Wer einen Prinzen Wilhelm spielen konnte, wird doch auch einen Victor Zsajka geben können? Harry Domela hat Recht und täuscht sich grausam. Wohin ihn der kollabierende Kontinent jetzt auch spült, überall ist der Preis für eine falsche Identität ungleich höher als in Köln. In Europa ist Jagdzeit. In Deutschland jagt die Gestapo, in Westeuropa die Fremdenpolizei, in Russland das NKWD. Im Sommer 1936 ist Domela in Paris. Er hat jetzt einen Freund, Sozialist wie er, Homosexueller wie er, der holländische Schriftsteller Jeff Last, gut bekannt mit dem "Reichstagsbrandstifter" van der Lubbe, über den Last ein Buch geschrieben hat, das in Deutschland unbekannt bleibt. Am 17. Juli eröffnet Franco mit seiner Militärrevolte in Marokko den Spanischen Bürgerkrieg. Last und Domela gehören zu den ersten Ausländern, die der bedrohten Republik zu Hilfe eilen. Am 20. September sind sie in Madrid und werden dem legendären 5. Regiment Enrique Listers zugeteilt. Endlich mit dem Gewehr ein Halt dem Faschismus in Europa! Sicher sind Domela und Last deshalb gekommen.Aber da sind noch die unheroischen Gründe der heroischen Geschichte. Neun Tage nach der Ankunft in Madrid schreibt Last an André Gide: "Lieber André, alles, was ich Dir sage, ist, daß ich selten in meinem Leben so glücklich war wie jetzt. Das ganze Leben in Madrid ist von einer unerhörten Schönheit und Heroismus. Die Einfachheit der Kameraden, ihre Güte, ihr Enthusiasmus, ihr Mut sind das Wunderbarste auf der Welt. Mit ihnen Leben und Kämpfen ist ein über alles gehendes Glück." Zwei Heimatlose sehnen sich nach einer Heimat. Last ist wenigstens so wurzellos wie Domela. Seine Homosexualität verbirgt er vor der Familie. Seinen Bruch mit der Kommunistischen Partei Hollands vor der Organisation. Wie kann man 1936 angesichts der Diktatoren Hitler, Mussolini, Franco mit der Partei brechen? Last hat Gide vor einigen Monaten auf einer Russland-Reise begleitet, nach der Gide in seinem Buch "Zurück aus der UdSSR" einen vierten Namen nennt: Stalin. Last braucht bis zu seinem Bruch noch bis 1938 und sein Buch heißt dann: "Spanische Tragödie." Domela kann ihr nicht entfliehen und wohin denn auch? Er scheint ein tapferer Soldat im Bürgerkrieg gewesen zu sein, in dem Stalin noch seinen eigenen Bürgerkrieg führt."Es wurde ein Kampf auf Leben und Tod ausgetragen, aber die Gesichtspunkte, die für die Besetzung militärischer Kommandostellen maßgebend waren, waren ausschließlich parteipolitische, d. h. wer am lautesten gegen die Trotzkisten schrie, wer am lautesten Stalin, Woroschilow und die anderen verhimmelte, der war der große Mann, bekam die dicksten Streifen und konnte ohne mit der Wimper zu zucken Tausende von Proleten in den Tod schicken und eine Stadt nach der anderen verlieren", wird er Last berichten und vo n der "Partei" sagen, wie sie "in Spanien gescheitert ist, so wird sie auch in allen anderen Ländern scheitern. Solange die K. P. keine Erneuerung an Haupt und Gliedern durchmacht, wird sie uns von Niederlage zu Niederlage führen". Von der K. P. hält Domela sich fern wie von den Deutschen, sie kennen ihn gut, doch sie werden es später nicht wahrhaben wollen. Franz Dahlem kennt ihn als Leiter der Politischen Kommission der Internationalen Brigaden. Ludwig Renn als seinen Adjutanten aus den ersten Kriegstagen. Der Kaderoffizier des "Tschapajew"-Bataillons, Anton Haas, Nom de guerre "Teichmann", aus einem "Kadergespräch", in dem Haas erkundet, ob Domela bereit sei, aus der Volksarmee in die "Internationalen Brigaden" überzutreten. Domela lehnt ab. Er hält sich an Spanien und einen Spanier. Mit dem Stierkämpfer Manolo besteht er jedes Gefecht bis zum letzten im Juli 1938. Domela ist mit Manolo und einigen anderen Männern in einem geschlossenen Wagen auf der Landstraße Sagunto-Terruel unterwegs. Die Chaussee säumen Bäume, und in der Nähe feuern Geschütze. Flugzeuge nähern sich. Der Chauffeur erkennt die Gefahr zu spät. Die Männer können gerade noch aus dem Wagen springen, als die Bomben fallen. Als Domela nach einigen Minuten wagt, den Kopf zu heben, sieht er Manolo mit abgerissenem Arm, das Gesicht zur Erde, unter einem Baum liegen. "Mit dem Kopf versuchte er einige Bewegungen, als ich ihm meine Mütze unterlegte und half, das Gesicht zur Seite zu wenden, sah ich, wie er die Lippen bewegte. Trotzdem ich mir Mühe gab, konnte ich nichts von dem, was er sagte, verstehen, ich hätte ihn auch nicht verstanden, wenn er geschrieen hätte, denn die Luft war von Explosionen erfüllt. Wir mußten an diesem Tage die ganze Front zurücknehmen und ich hatte keine Zeit, ihm den letzten Kameradschaftsdienst zu erweisen. Ich weiß nicht, wo er beerdigt wurde, ob von uns oder den Faschisten, aber dieser Tote ist das Teuerste, was ich in Spanien zurückgelassen habe." Im Januar 1939 bricht die Volksarmee zusammen. Soldaten, Zivilisten, Frauen, Kinder, Verwundete drängen sich zu Tausenden in Katalonien an der französischen Grenze. Die Franzosen müssen die Reste der Armee hinüberlassen oder sie mit Gewalt abwehren. Am 5. Februar wird entschieden, auch die Soldaten passieren zu lassen. Domela überquert die Grenze bei Perthus als Offizier eines Divisionsstabes und wird in Sankt Cyprien interniert. Sankt Cyprien ist ein Lager in den Sanddünen, wo die Männer in selbst gegrabenen Erdlöchern unter entsetzlichen Bedingungen hausen. Domela kann Last eine Nachricht zukommen lassen und Last, der fürchtet, dass Domela "unter diesen Bedingungen krepiert", bittet Gide, so viel er nur kann zu helfen. "24. März 1939Lieber Andre, Du weißt, daß er während 13 Monate mein Waffenbruder war und ich alle Gründe habe, ihn zu schätzen und zu lieben. Ich kenne kein tragischeres Leben im griechischen Sinne das Wortes als seines. Es scheint, daß das Schicksal der Gefangenen in den französischen Konzentrationslagern schrecklich ist. Sie werden wie Verbrecher behandelt, nicht wie Internierte." Gide bekommt Domela im Mai frei und bestellt ihn zu sich nach Paris in die Rue Vanue, doch ausgerechnet als Domela eintrifft, ist Gide nicht da, wohl aber eine Fahrkarte in das luxemburgische Longwy mit der Botschaft, ein Chauffeur werde ihn dort abholen. Ein Mann, der sich als Sekretär einer Frau "Mayrisch" vorstellt, bringt ihn von Longwy in das exklusive Mondorfer Hotel "Belle Vue". Domela hat keine Ahnung, wer diese Frau "Mayrisch" ist. Frau Mayrisch hat keine Ahnung von Domela. Aline Mayrisch ist eine Freundin von Gide, die Witwe eines luxemburgischen Stahlbarons, die Initiatorin eines deutsch-französischen Gesprächskreises der zwanziger Jahre. Verdreckt, verlaust steht Domela plötzlich im Speisesaal eines eleganten Kurhotels. "Spanien, Sankt Cyprien, Mondorf - das ist ungefähr so, als wenn man im plombierten Wagen in eine Sommerfrische fährt", schreibt er Last. Die Behauptung des Mannes, er heiße Victor Zsajka, kommt der Luxemburger Fremdenpolizei nicht koscher vor, und sie fragt bei der Polizei Wien, jetzt Juli 1939, nach, "ob die angegebenen Personalien richtig sind und ferner ob Nachteiliges über den Interessenten dort bekannt geworden ist". Das Spiel zwischen der Luxemburger und der Nazipolizei dauert einige Wochen und Domela kann es nur verlieren. Im August setzt er sich nach Belgien ab, eine Woche später ist Krieg, Domela wird verhaftet, kann dem deutschen Einmarsch entkommen, ist verschwunden und taucht im Frühjahr 1941 in der Cristi Bar in Nizza auf. Dort sitzt er André Gide und Roger Martin du Gard gegenüber. Nizza gehört zur unbesetzten Zone Frankreichs. Gide fragt nach den Verhältnissen in Paris und ob Domela ihm raten würde zurückzukehren. Domela rät ab, er kommt aus Paris. Einige Monate später wird er verhaftet und in das Lager Vernet gebracht. Der Waffenstillstandsvertrag bestimmt in Artikel 19 die Auslieferung aller von den deutschen Behörden namhaft gemachten Personen. Domela entkommt der Falle mit einem Visum und einer Schiffspassage nach Mexiko, die Gide besorgt. Nur, dass Domela niemals in Mexiko ankommt. Für Gide bleibt er für immer verschollen, Last hört erst Mitte der sechziger Jahre von ihm. Da ist er mit abenteuerlichen Zwischenstationen seit dem Kriegsende in Venezuela und führt in Maracaibo eine bescheidene Existenz als Gymnasiallehrer. Last fleht er an, um Himmels willen nichts über ihn verlauten zu lassen, er heißt ja Victor Zsajka, und käme die falsche Identität auf, wären er und das bisschen Bürgerlichkeit, das er errungen hat, verloren."Maracaibo, 15. 9. 1965Lieber Jeff! Obwohl inzwischen das Leben vergangen ist und ich alt geworden bin, so hat sich doch grundsätzlich an meiner Situation nichts geändert. Nach wie vor gibt es keine Behörde auf der Welt, die für mich einen Paß ausstellt, nach wie vor gibt es für mich keine Legalität. Daß all diese idiotischen und hoffnungslosen Komplikationen für mich nur mit meinem Tode enden werden, darüber bin ich mir klar und habe mich damit abgefunden." "Amsterdam, 25. 9. 1965Sei ruhig Harry, ich werde Deine Briefe nicht publizieren, obgleich es mir unendlich leid tut. Wie gerne wäre ich derjenige gewesen, der Dich am Ende Deines einzigartigen Lebens völlig rehabilitiert und in Deinem ganzen Wert der Welt vorgeführt hätte. Welch ein Schicksal, das Travens Totenschiff in den Schatten stellt und unser ganzen Zeit ein Brandmal aufdrückt. Zur Strafe für Deinen Spanieneinsatz bis zu Deinem Tode nicht von der Angst vor der Ausweisung befreit. Also bleibt es bei dem ersten Ende, Du bist nach dem Krieg verschollen und hast nie mehr ein Lebenszeichen von Dir gegeben." In Deutschland, in dem kleineren Teil, gibt es Leute, die in Spanien waren, nicht in der "Legion Condor", sie könnten dem Spanienkämpfer ein Andenken setzen. Ende der sechziger Jahre entschließt sich Franz Dahlem, seine Memoiren zu schreiben. Über einige Dinge wird der Westemigrant nie sprechen können. Das andere soll dafür um so genauer sein. Als Pariser Leiter des Zentralkomitees der KPD ist er bei Kriegsausbruch 1939 von den Franzosen in Vernet interniert worden. Zu Dahlems Recherchen gehört eine Liste von Lagerinsassen, nach deren Schicksal er sich bei ehemaligen Mithäftlingen erkundigt. Zu ihnen gehört der Generalmajor der Volkspolizei Hans-Hugo Winkelmann. Winkelmann war im Spanischen Bürgerkrieg Nachrichtenoffizier des Thälmann-Bataillons und in Vernet der Abwehrmann der deutschen und österreichischen Inter- brigadisten. Winkelmanns Auskunftsliste ist lang. Die Position 11) ist besonders ausführlich. "Harry Domela Victor Zscheika. Hierzu muß ich etwas ausholen.Stammte nach seinen Angaben aus dem Baltikum. Seine ,Tätigkeit' vor 1933 hat er in seinem Buch ,Vom Paria zum Prinzen von Preußen' ja ausführlich geschildert. Das Buch wurde später auch verfilmt. Nach 1933 war er, da er den Nazis unbequem war, in einer Reihe von Ländern außerhalb Deutschlands. So auch 34/35 in Holland. Von wo er, wie er mir später erzählte, ausgewiesen wurde. Im Sommer 1936 sah ich ihn dann auf einer Kundgebung im Val d' Hiver in Paris. In Spanien Offizier im 5. Regiment. (Angeblich) Jedenfalls sah ich ihn im Winter 1936 an der Madrider Front, wo er in Begleitung von Hans Kahle und Ludwig Renn unseren Stellungen im Casa el Campo einen Besuch abstattete. Dabei erzählte er mir auch, daß er dem 5. Regiment Listers angehöre. Jedenfalls trug er die Uniform eines Kapitäns der spanischen Volksarmee. Im Früjahr 1941 wurde er in das Quartier C in Vernet eingeliefert. Er lag dort in unserer Baracke. Von wo er kam, ist mir nicht mehr bekannt. Aber er wurde von uns in der deutschen Gruppe organisatorisch erfasst. (Nicht politisch). Er soll später, als die Faschisten ganz Frankreich besetzten, von den deutschen Faschisten erschossen worden sein. Wie ich hörte, zusammen mit einem Arzt der Interbrigade Dr. Serelmann und einigen Interbrigadisten in der Gegend von Bordeaux. Die Gruppe hatte sich, einer Darstellung zufolge, in einem Haus verschanzt. SS-Einheiten umstellten das Haus und schossen es in Brand. Dabei fanden die Genossen den Tod. (Ich mache darauf aufmerksam, daß diese Fassung später so erzählte wurde)." Anton Haas, "Teichmann", der in Spanien das "Kadergespräch" mit Domela in Anwesenheit eines anderes Offiziers führte, wird in einer für das Zentralkomitee der SED bestimmten Notiz 1969 versichern: "Außer mir und ,Fernando' wußte niemand etwas von dieser Unterredung, da es nicht publik gemacht werden konnte. Der Genosse Franz Dahlem dürfte noch der einzige Mitwisser und Zeuge von dieser Angelegenheit um Domela sein." Dahlem schweigt in den Memoiren. Ein ehemaliger Hochstapler als Spanienkämpfer passt nicht in das Geschichtsbild. Ludwig Renn tilgt den Namen in der Druckfassung seines Buches "Der Spanische Krieg". Für einen Homosexuellen taugt es nicht, sich an einen Homosexuellen zu erinnern. Seit Beginn der siebziger Jahre gibt es auch in Maracaibo keine Spur mehr von Domela. Der Schuster Wilhelm Voigt hat mehr Glück gehabt. Er ist zum Maskottchen eines Straßenfestes aufgestiegen. Die Geschichte ist ein unzuverlässiger Zeuge.------------------------------Foto: 1927: Harry Domela gab sich in Erfurt als Prinz Wilhelm von Preußen aus und täuschte erfolgreich einige Zeit die Gesellschaft.------------------------------Foto: Rechts: Domela (Mitte, mit Hut) eröffnet 1929 in Berlin ein Kino, das den Film über sein Leben zeigt: "Der falsche Prinz. 6 Akte mit Harry Domela". Unten: Domela liest in seinem autobiografischen Buch "Der falsche Prinz", das er nach seiner Freilassung verfasste.