Am Ende seines Lebens beklagte Jacob Taubes die vertane Chance, an der FU ein international bedeutendes religionswissenschaftliches Zentrum zu etablieren. In den frühen sechziger Jahren schien dies zum Greifen nah. Jacob Taubes, der als Dreiundzwanzigjähriger die "Abendländische Eschatologie" vorgelegt hatte, somit als das Wunderkind seiner Disziplin galt, hatte den Ruf nach Berlin angenommen, und Klaus Heinrich reichte 1962 seine Habilitationsschrift "Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen" ein, die sofort als eine völlig eigenständige Religionsphilosophie erkannt (und auch befehdet) wurde. Selbstverständlich gab es an der FU zudem noch eine ganze Reihe hochkompetenter Theologen, Philosophen, Ethnologen und Soziologen, die sich mit Religion beschäftigten, doch das Drama der Religionswissenschaft in Berlin war von der Spannung Taubes Heinrich geprägt, dieser Königskinder, die nicht zusammenfinden konnten. Das lag jedoch nicht so sehr an persönlichen Eitelkeiten, sondern vielmehr daran, daß sich schwerlich unterschiedlichere Charaktere und Denkstile finden ließen. Klaus Heinrichs Stil ist die Rede, die sorgfältig abwägende, argumentierende Rede. In der Formulierung des Gegners: das endlose Gespräch. Jacob Taubes dagegen schätzte die zugespitzte These, die theoretische Entscheidung und die Pointe. Entsprechend der persönliche Umgang: Verbindlich und von ausgesuchter Höflichkeit der eine, schroff, zuweilen verletzend, der andere.Amerikanische ErfindungSo fruchtbar Differenzen, auch tiefgreifende und unvereinbare, für wissenschaftliche Auseinandersetzungen sind, so gibt es wohl doch auch Gräben von solcher Tiefe und Breite, daß Kommunikation, wenn überhaupt, nur noch in äußerster Verzerrung möglich ist, wie es hier der Fall war. Das wird schon deutlich, wenn man sich nur einige der Eckpfeiler ihres Denkens vergegenwärtigt. Klaus Heinrich beginnt in den Spuren des Demokraten und um Bündnisse bemühten Paul Tillich, er nimmt Adorno tiefernst, ohne ihm jedoch in seinem negativen Rigorismus zu folgen. Jacob Taubes stand in einer lebenslänglichen, geistig intensiven Beziehung zu Carl Schmitt. Er teilt dessen radikalen Antiliberalismus, und er ist Apokalyptiker wie jener. Daß er im Unterschied zu Schmitt, der von "oben", vom Staat denkt, "Apokalyptiker von unten" ist, beläßt ihn bei bestem persönlichem Einverständnis in der Todfeindschaft, in der er sich als Jude gegenüber dem Faschisten Schmitt befindet. Doch die Differenz zu Heinrich ist unüberbrückbar: Apokalyptiker, welcher Spielart auch immer, sind für diesen Verstärker jener Katastrophenfaszination, welche die größte geistige (und durchaus reale) Bedrohung der Gattung darstellen. Für Jacob Taubes wog die Fußnote zur zweiten Auflage der Hegel-Lektüre von Kojeve schwerer als die gesamte philosophische Produktion nach dem Zweiten Weltkrieg. In dieser Fußnote wurde das universelle posthistoire begründet, was Heinrich bestenfalls als Katastrophenindifferenz deuten würde. Und Taubes hätte, ohne zu zögern, für das kleine nachgelassene Fragment über Messianismus des jungen Benjamin den ganzen Adorno dreingegeben. Im Verhältnis zur Politik setzt sich all dies nahtlos fort. Die Trennung von Kirche und Staat war für Taubes, salopp gesprochen, immer eine amerikanische Erfindung, die Lehre, welche die Gründungsväter Israels aus der religiösen Unterdrückung ihrer Großväter und aus den europäischen Religionskriegen gezogen hatten. Jüdische Tradition war das nicht. Bis zur endgültigen Niederlage des antiken politischen Judentums galt das Gegenteil: die unbedingte Einheit von religiösem und gesellschaftlichem Recht. Der moderne Staat Israel lebt mit einer provisorischen Verfassung, weil es in den ersten fünfzig Jahren seiner Existenz noch nicht möglich war, dieses Problem zu lösen. Darin gründet seine lebenslange Faszination von Politischer Theologie und deren modernen Autor Carl Schmitt, für den die amerikanische Lösung naturgemäß nicht das letzte Wort sein konnte.Für Klaus Heinrich dagegen hat die moderne Demokratie auch deshalb utopische Potentiale, weil in der Folge der Trennung von Kirche und Staat neben der Religionsfreiheit auch die Freiheit der Wissenschaften und der Künste garantiert wurden. Deshalb stellt die Autonomie der Universität für ihn einen geradezu absoluten Wert dar, denn nur dann kann ihre große Reform gelingen, nur dann kann sie "einer sich erneuernden Gesellschaft das Bewußtsein ihrer selbst geben". Zweimal wurde diese große Reform versucht: durch die Nachkriegsgeneration und durch die Studentenbewegung. Der erste Versuch scheiterte wohl an "den leibhaft Nachlebenden des NS", der zweite mit großer Ironie daran, daß "der Aufruhr, den jene Studentengeneration in die Universitäten brachte, dem Staat nicht ungelegen kam, ihn vielmehr zur schnelleren Durchsetzung seines technokratischen Reformmodells befähigte". Damit erlosch der Geist der Universität, von daher datiert ihre Geistlosigkeit. So der Befund, den Klaus Heinrich 1987 in seiner Grabrede auf die Universität erstellt.Machtzipfel In so grundlegenden Fragen kann Klaus Heinrich nicht taktieren, Jacob Taubes durchaus wahrscheinlich weil für ihn solche politischen Fragen keine grundlegenden sind. Staatliche Einflußnahme wird dann pragmatisch unter dem Gesichtspunkt analysiert, ob sie seinen wissenschaftlichen und universitätspolitischen Interessen förderlich ist oder nicht. So griff er entschlossen zu, als ihm der sozialdemokratische Senator Peter Glotz einen Zipfel der Macht zu reichen schien. Ausgerechnet im Bündnis eines großen Religionsphilosophen mit einem progressiven Politiker verdampften die Reste universitärer Autonomie. Als Opportunismus wäre dies jedoch gründlich mißverstanden. Die verbürokratisierte Universität und die Wissenschaft als Fabrik schienen Taubes schon 1963 die unausweichlichen Konsequenzen der totalitären Tendenz moderner Gesellschaften zu sein. Er fürchtete, daß eine Kritik des verdinglichten Wissenschaftsbetriebs nur romantisch zu führen sei, im Bündnis mit ursprünglichen Werten, und daß man schlimmstenfalls bei Heideggers Wissensdienst landen würde. Schon vor der Studentenbewegung also war er gegenüber jeder Universitätsutopie äußerst skeptisch. Zugleich war ihm das nicht sonderlich bedrohlich. Schon nach Hegel, meinte er, seien alle wichtigen geistigen Entwicklungen außerhalb der Universität erfolgt. Und an diesem, dem letzten Bezugspunkt, sind sich dann Heinrich und Taubes einig. Die Universität war nie der privilegierte Ort des Geistes und wenn er aus dieser endgültig vertrieben sein sollte, so ist dies doch nicht das Ende des Geistes.