Ist diese Straße von einem andern Stern? Wer die Joachim-Karnatz-Allee betritt, taucht in eine Science-Fiction-Kulisse ein, wie sie einmalig ist in der Stadt: Eine 270 Meter lange Achse, rechts und links Backsteinbauten mit glatten Fassaden, verspiegelten Fenstern, nirgends ein Mensch. 42 kreisrunde Straßenlaternen vom Typ "Moonleuchte" werfen nachts weißes Licht aufs Pflaster, auf zwei Fahrspuren, getrennt durch eine breite Asphalt-Promenade. 85 Eichenbäumchen mit verdorrten Blättern verleihen der Straße - zumal im Winter - keine Lebendigkeit. Die Straße - eine perfekte Linie, kein Halt fürs Auge. Der Blick bleibt erst am weiß-schwarzen Kasten des Internationalen Handelszentrums hängen, das kilometerweit entfernt ist. Wohnen hier Menschen? Die Joachim-Karnatz-Allee ist die Straße in Tiergarten, an der sich die Bundesschlange entlangwindet. Die Schlange hat aus der unbekanntesten Straße Berlins eine gemacht, die jeder kennt. Meist negativ berichteten die Zeitungen über die Wohnstatt für Bonner Beamte. 480 Appartments wurden hier für sie bereitgestellt, doch die meisten Abgeordneten und Bundesbediensteten zogen nach Prenzlauer Berg, Schöneberg oder Mitte, in Altbauten, nicht in die Schlange. Nur schätzungsweise etwas mehr als Hundert Parlamentarier kamen. Dann wurde die Schlange für die gesamte Bevölkerung freigegeben. Jetzt gibt es kaum noch freie Wohnungen, auch nicht in den gegenüberliegenden so genannten Atrien. Die Allee hat ihre Anwohner beisammen.Diese Straße - ein wahr gewordener Architekten-Traum, vom Reißbrett direkt in die Wirklichkeit verpflanzt. Ein Albtraum? Jung, neu, vor zweieinhalb Jahren eingeweiht, eine Straße der Zukunft. "Moderner Strafvollzug" - daran erinnert die Straße Monika Bollenberg. Sie ist Wirtin des Bistros "Cabinett" am Anfang der Allee, und sie lebt von ihr, mit ihr. Neulich blickte sie aus dem Fenster und dachte: "Was fliegt denn da durch die Luft?" Das war der Aufsteller ihres Cafés, hochgetragen vom Wind. Der Wind spielt in der Joachim-Karnatz-Allee eine ganz besondere Rolle. Er ist der Herr dieser Straße. Er regiert hier, wirft die massigen Tonkübel mit Zierbäumchen vor den Eingängen um, treibt die Anwohner von der Promenade an die Häuserwände. Wenn die Böen erst mal da sind, ist die Allee leer gefegt. Dann könnten sich die von der Straße Vertriebenen ins Bistro Cabinett flüchten, doch das Café wartet noch auf seine besten Zeiten."Ich bin seit 40 Jahren Gastronomin, aber noch nie ist es mir so schwer gefallen wie hier", sagt die 57-Jährige Bollenberg. Die Anwohner kleben in ihren Wohnungen, es sei schwierig, sie rauszulocken. Doch dafür kämpft sie. Noch eine Besonderheit dieser Straße: Wer immer hier etwas anzubieten hat, umwirbt die Menschen, lockt sie, spricht sie an, geht auf sie zu. Das passiert sonst nirgendwo.Frau Bollenberg organisiert ein Kulturprogramm mit Lesungen oder Diskussionen. Die Resonanz ist mäßig. Sie hat ein Abgeordnetenhandbuch des Bundestags unterm Tresen. Wenn ein Parlamentarier ins Cabinett kommt - sie erkennt die Kandidaten sofort - blättert sie schnell nach, wie er oder sie heißt. Dann spricht sie Herrn Poss, Herrn Otto oder Herrn Brüderle mit Namen an. Wer allein sitzt, den lädt sie an den Stammtisch ein und hat so manche, spontane Polit-Diskussion initiiert, aus der sie sich selbst heraushält. "Oft kommen die Abgeordneten sehr spät abends, sind abgespannt und wollen mit niemandem reden", sagt Frau Bollenberg. Dann sitzen sie einsam vor einem Glas Wein, blättern noch einmal durch ihre Akten und gehen müde heim. Die Einsamen, ein schwieriges Publikum für eine Wirtin. Einsamkeit ist ein großes Thema in der Allee. Davon erzählt auch die Besitzerin des Tapas-Ladens ein paar Häuser weiter. Die 42-jährige Sebahat Yigitoglu ist Türkin und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschen zusammenzuführen. Wer immer ihren Laden betritt und sich an einen der Stehtisch stellt, den fragt sie: "Sind Sie zu Besuch hier oder wohnen Sie hier?" Dann erzählen viele von Bonn und Köln und der Sehnsucht nach Hause, denn Berlin ist nur eine Verpflichtung, der sie nachkommen. Die Allee - das passende Exterieur für einen Besuch auf Zeit, einen Besuch, bei dem man nur seine Arbeitskraft anbietet, nicht seine Seele.Noch so ein Stichwort. "Straße ohne Seele". Das fällt immer wieder. Frau Bollenberg sagt es, Frau Yigitoglu, und es lässt sich einfach nicht bestreiten, dass die Moonleuchten zu kaltes Licht verbreiten, die Fassaden keinen Einblick ins Innenleben zulassen, das wahre Leben der Straße abgewandt ist von der Straße ohne Herz.Es findet an der Spreeseite statt. An den großen Fensterfronten, aus denen die Besucher auf Berlin blicken und einen der schönsten Ausblicke der Stadt genießen. "Der Panoramablick entschädigt für die Straße", sagt ein Bundesminister, dessen Name aus Gründen der Sicherheit geheim bleiben muss. Das Bundeskriminalamt will es so, ein Verbündeter des Windes, will es fast scheinen, denn es vertreibt alles aus der Straße, was irgendwie mit Normalität zu tun hat. Sicherheitsstufe eins herrscht hier seit dem 11. September. Alle 15 Minuten patrouilliert ein Polizeiauto um die Promenade. Zu viele Menschen wohnen hier, die Zielscheibe sein könnten für Irre und Terroristen.Nirgendwo in Berlin lebt es sich so sicher. "Hier brauche ich nachts auf der Straße keine Angst zu haben", sagt die Anwohnerin Isabelle Bisi. Die Hausfrau genießt die Ruhe der Straße, die großen Grünflächen zwischen den Häusern. Frau Bisi führt ihre Tochter im Kinderwagen spazieren, dabei trägt sie einen Walkman. Doch wird sie angesprochen, bleibt die 29-Jährige stehen und plaudert. Wie viele Anwohner. Sie stellen sich zu ihrer Straße, haben eine Meinung, alle sagen, dass sie gern hier wohnen. Auch wegen des anderen Berlins, das nur ein paar Dutzend Meter weiter zu haben ist.Moabit liegt vor den Toren des "Gettos", wie Frau Bisi die Allee nennt. Dort hat sie ihren Bäcker, ihren Fotoladen, ihren Gemüsehändler. "Das ist wunderbar." Und auch die Wohnung sei so schön. Nur hat sie manchmal Angst um ihre elf Monate alte Tochter, denn die Fenster in der Loggia sind niedrig und das Kind könnte stürzen. Das ist einmal passiert, im Dezember 1999. Da fiel das Kind eines Bundestagsabgeordneten über die niedrige Brüstung und verlor sein Leben. Eine traurige Geschichte aus der Schlange. Jetzt gibt es Stangen vor den Fenstern, aber zwei Albträume mahnen Frau Bisi zu ständiger Wachsamkeit.Es gibt noch wenige Geschichten aus der Straße, obwohl der Besitzer des "Weitzmanns", eines schwäbischen Lokals gegenüber vom Cabinett, schon Patina entdeckt haben will. Er setzt auf die Zukunft der Straße. Man müsse Geduld haben und seine Vorstellungskraft reiche aus, um zu sagen, dass das Leben hier irgendwann gut wird.Über die historienlose Zeit trösten sich die Anwohner mit Gerüchten und Mythen hinweg. Sie erzählen sich, dass Staatsbesuche vielleicht bald durch ihre Straße führen, von einem Hubschrauberplatz im Kanzlergarten, der direkt an die Straße anschließt. Oder sie sinnieren über die fehlenden Balkone, die doch viel mehr Nachbarschaft zulassen könnten. Auch zu den Balkonen gibt es eine Legende: Vom Mond aus, heißt es, sieht man von Berlin als Erstes die Schlange. Balkone hätten das Bild verwischt. Die Joachim-Karnatz-Allee, ein Blickfang für Astronauten.Ein Bürgermeister gab den Namen // Joachim Karnatz war Bürgermeister in Tiergarten von 1960 bis 1975. Der SPD-Politiker gilt als sparsamster Bürgermeister Berlins. Während der Ölkrise 1973 schlug er sogar vor, auf die Beheizung der Diensträume zu verzichten.Offiziell für den Straßenverkehr freigegeben wurde die die Straße am 7. September 1999. Früher gehörte das Gelände zum Hamburg-/Lehrter-Güterbahnhof. Nach dem Krieg hatten sich dort viele kleine Firmen angesiedelt.270 Meter lang ist die Straße laut Bezirksamt Mitte. Etwa 1 200 Menschen wohnen hier. Für die Gestaltung war das Hauptstadtreferat in der Bauverwaltung zuständig. Sie setzte 85 Spreeeichen und stellte 42 so genannte Moonleuchten auf.BERLINER ZEITUNG/MICHAEL BREXENDORFF "Moonleuchten" heißen die Laternen in der Joachim-Karnatz-Allee. Kühl ist ihr Licht, kühl, sogar abweisend mutet auch die Architektur der Straße an.