Russlands Präsident, künftiger Ministerpräsident und - wer weiß? - abermaliger Präsident hat im Westen eine schlechte Presse. Das liegt nicht an ihm, findet Gabriele Krone-Schmalz. Es seien vielmehr die Westmedien, die sich angewöhnt hätten, ihre Vorurteile über Russland in die Form der Putin-Schelte zu packen - so wie sie dieselben Vorurteile früher in Begeisterung für Gorbatschow oder für den frühen Jelzin gefasst hätten. Zur westlichen Berichterstattung über Putins Russland hat die ARD-Korrespondentin mit dem mephistophelischen Haarschnitt nun Punkt für Punkt eine Art Gegendarstellung geschrieben, die gründlich irritiert und insofern lesenswert ist, auch wenn sie nicht überzeugt.Punkt eins, die Zivilgesellschaft, liegt der Autorin besonders am Herzen; sie sitzt seit Jahren im Lenkungsausschuss des "Petersburgers Dialogs", eines deutsch-russischen Forums zur Stärkung bürgerschaftlichen Engagements, das auf eine Idee Putins und Schröders von 2000 zurückgeht. Dass der Kreml selbst als Vorkämpfer der Zivilgesellschaft auftrete, könne nur der Ahnungslose verspotten. Die russische Gesellschaft ist ohnehin so vom Staat durchdrungen, dass sie sich nur mit staatlicher Hilfe entwickeln kann. Und Putin umgekehrt sucht Hilfe, um die mittleren Hierarchie-Ebenen in den Griff zu kriegen: "Wir haben es nicht mit einer Frontstellung Putins gegen die Gesellschaft zu tun, sondern Putins und der Gesellschaft gegen die Bürokratie." Das alles werde im Westen nicht wahrgenommen, weil man bei Zivilgesellschaft an Dissidenten denke, nicht aber auf die unspektakuläre Arbeit von Bürgergruppen schaue.So geht es Punkt für Punkt weiter: Tschetschenien? Über den gegenwärtigen, "moskautreuen" tschetschenischen Präsidenten könne man viel Schlechtes sagen, nicht aber, dass er keine Unterstützung im eigenen Land habe - wie einst der Separatistenpräsident Maschadow. Energiekrieg? Russische Konzerne haben vielleicht nicht bloß politische Gründe, wenn sie ihr Gas nicht mehr weit unter dem Weltmarktpreis verschenken wollen. Wirtschaftspolitik? Von der "Reformorgie" unter Putin werde im Westen nie geredet, obwohl im Vergleich zu deutschen Bedenklichkeiten etwa die Einführung einer Einkommensteuer von pauschal 13 Prozent doch revolutionär sei. Wahlen? Parteien als Bindeglied zwischen Staat und Bürgern seien für Russland neu, da dürfe man auch Experimente mit einem Zweiparteiensystem nicht verbieten.Krone-Schmalz behauptet ausdrücklich nicht, Putin sei ein "lupenreiner Demokrat", auch wenn sie ihn gerne weiter als Präsident sähe. Was sie in der Berichterstattung vermisst, ist der Versuch, russische Standpunkte überhaupt wahrzunehmen, das heißt: sie nicht sofort ins Schema Diktatur oder Demokratie, Staat oder Gesellschaft zu pressen. Soweit kann man ihr recht geben. Irritierend ist allerdings die bedenkenlose Einseitigkeit der Autorin. Zur bedrohten Pressefreiheit erklärt sie: "Ich maße mir nicht an, Forderungen zu stellen" - warum eigentlich nicht, als Journalistin? Den zweiten Tschetschenienkrieg erklärt sie mit dem Angriff tschetschenischer Islamisten auf Dagestan, und zitiert den Menschenrechtler Sergej Kowaljow. Es wäre redlicher, dessen Sicht vollständig wiederzugeben - dass nämlich der Überfall allein wenig erklärt, dass ein Krieg benötigt wurde, um Putin als Präsidenten zu installieren. Die Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit schließlich ist Krone-Schmalz gerade mal einen flüchtigen, unklaren Absatz wert - sie "wurde mithilfe staatlicher Institutionen gefördert". Die Formulierung könnte von Putin stammen.------------------------------Foto: Gabriele Krone-Schmalz: Was passiert in Russland? Herbig, München 2007. 254 S., 19,90 Euro.