Eine junge Frau beschuldigt zwei Männer, sie jahrelang missbraucht und vielfach brutal vergewaltigt zu haben. Aus den Anschuldigungen werden Anklagen, aus den Angeklagten Verurteilte. Es sind der Vater und der Onkel der jungen Frau, verurteilt werden sie vom Landgericht Osnabrück zu viereinhalb und sieben Jahren Gefängnis. Mehr als zehn Jahre ist das nun her. Dann stößt Sabine Rückert, die Gerichtsreporterin der "Zeit", bei einer Recherche auf den Fall. Sie nimmt sich der Sache an, findet Widersprüche und verschafft den Verurteilten einen guten Anwalt. Er erreicht in spektakulären Wiederaufnahmeverfahren zwei lupenreine Freisprüche "wegen erwiesener Unschuld", der letzte erfolgt im Oktober 2006.In Sabine Rückerts fesselndem Buch liegen Sieg und Niederlage des Rechtsstaats dicht beisammen. Erst versagt die Justiz völlig, um dann in einem der seltenen Wiederaufnahmeverfahren den Unschuldigen zu ihrem Recht zu verhelfen. Erst der zweite Rechtsspruch macht das Unrecht des ersten benennbar. Ohne die gerichtlich erfolgte Rehabilitation wäre Rückerts beklemmendes Buch in der öffentlichen Wahrnehmung nur ein Plädoyer für zwei hoch belastete Kinderschänder. Und von deren Beteuerungen, sie seien unschuldig, möchte man eigentlich in Ruhe gelassen werden, erst recht nach einer Verurteilung.Denn für so etwas ist das Gericht zuständig, und in einem Rechtsstaat erfolgt die Klärung in einem komplizierten Zusammenspiel von hochqualifizierten Berufsrichtern, Polizei, Staatsanwaltschaft, Zeugen und Sachverständigen. Bei Prozessen dieses Kalibers, die vor dem Landgericht verhandelt werden, muss auch ein Verteidiger den Angeklagten zur Seite stehen. Es gibt aber Konstellationen, in denen all diese wohlerwogenen Vorkehrungen versagen. Sabine Rückert nimmt diesen Fall des Versagens als Beispiel für grundsätzliche Defizite, und man erschrickt mit ihr, was in einem Rechtsstaat alles möglich ist.Rückerts Buch hat mehrere Leitmotive, und alle beschäftigen sie sich mit den strukturellen Mängeln der Strafjustiz und jener Gesellschaft, die hier zwei krasse Fehlurteile ermöglicht haben. Das erste Thema ist rein kriminalistisch, und es führt Rückerts bekannte und berechtigte Leidenschaft für kompetente Rechtsmedizin fort. Denn später wird sich herausstellen, dass das angeblich vielfach vergewaltigte, angeblich sogar mit Kleiderbügeln penetrierte Opfer immer noch Jungfrau ist. Polizei und Gericht haben sich erschreckend unprofessionell verhalten.Rückert plädiert also für den kriminalistischen Sachbeweis, und sie zeigt, in welche Abgründe das unkritische Vertrauen in mündliche Aussagen führen kann. Verschärft wird das Problem, wenn die Fragen suggestiv erfolgen und die Befragte ein Interesse an der Produktion von Tätern hat. Man kennt das aus den Hexenprozessen. In ihrem Buch war das psychisch schwer kranke Opfer zugleich auch Zeugin, und die lügende Opferzeugin ging nicht ungeschickt vor. Man hätte ihr dennoch beikommen können, so Rückerts Vorwurf, wenn alle Beteiligten sich professionell verhalten hätten.Dazu gehört, die Verfahrensvorschriften einzuhalten: Polizei und Staatsanwaltschaft hätten entlastende Indizien ernst nehmen und die Opferzeugin kritisch befragen sollen. Auf krasse Falschaussagen hätten sie reagieren und an angeblichen Tatorten kriminalbiologische Spurensicherungen vornehmen müssen. Das Behandlungspersonal der psychisch kranken Frau hätte nicht zu deren Glaubwürdigkeit befragt werden dürfen, weil diese Rollen, die emphatische und die neutrale, einander ausschließen; die Richter hätten Widersprüche aufklären oder wenigstens im Urteil notieren müssen.All das geschah nicht. Stattdessen reihte sich Fehler an Fehler, und ihre Unbeirrbarkeit ließ die hochmütigen Richter noch auf die investigative Journalistin schimpfen und kungeln, als ihnen das Wasser bis zum Hals stand. Überhaupt sind die verschiedenen Berufsethiken der hier handelnden Personen von Rückert mit besonderer Schärfe konturiert - bis hin zur Journalistin selbst, die Öffentlichkeit herstellt, wo eine Behörde die Aktendeckel zugeklappt hat und Stille wünscht.Der Fall hat aber auch eine kriminologische Seite, und hier sind die Schlüsse weniger klar. Rückert argumentiert, dass der Status des Verbrechensopfers in den vergangenen Jahren aufgewertet worden ist und auch diese Entwicklung zum Justizirrtum beitrug. Verbrechensopfer erfahren heute mehr Zuwendung und Zuspruch als früher, und auch jene tief unglückliche junge Frau hat offenbar gezielt auf diese Karte gesetzt, als sie ihre Angehörigen denunzierte. Je mehr sie in der Klinik an Schrecklichkeiten zusammenfantastierte, umso verständnisvoller ging man mit ihr um. Bald verdrängte das emotionale Wohlwollen alle Verdachtsmomente.Im Osnabrücker Fall spielt ferner speziell die gewandelte Wahrnehmung von innerfamiliärer sexueller Gewalt eine Rolle. Hier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten der Wille zur Aufklärung zu Gunsten von Frauen und Kindern sichtbar vergrößert, entsprechende Fälle werden skandalisiert, und die Öffentlichkeit ist für das Thema sensibilisiert. Rückerts Umgang mit diesem Punkt ist heikel. Sie bezichtigt feministische Rechtswissenschaft und Aufklärungsorganisationen der Mitschuld am Unrecht. In ihrem "Aufdeckungsrausch" hätten sie Straftaten suggeriert und Verbrechensopfer produziert, wo es keine gab.Hier schießt Rückert aber über das Ziel hinaus. Sicher haben Vereine wie "Wildwasser", "Zartbitter", die sich der Aufklärung von innerfamiliärem Missbrauch verschrieben haben, manchen Ratschlag nicht differenziert genug formuliert. Manche Mitarbeiterin lief geradewegs mit einer Verfolgerbrille durch die Gegend und stiftete mit Verdächtigungen und Vernehmungen unwiderruflich Schaden. Aber darin manifestierte sich doch ein ernstzunehmender Wille zur Aufklärung schwieriger Delikte.Tatsächlich mussten ja die verschiedenen Akteure erst lernen, wie man hier ermittelt. Denn wo es um Beziehungsdelikte im sozialen Nahbereich geht, da fehlen unmittelbare Tatzeugen - Aussage steht gegen Aussage. Es liegt auf der Hand, dass hier hohe Dunkelziffern und gesteigerte Emotionalität besondere Probleme verursachen. Rückerts Buch zeigt, dass Wahrheitsfindung und Sozialfürsorge nicht in jeder Situation vereinbar sind. Der Rechtsstaat muss manchmal sehr kühl sein, um den Opfern zu helfen.------------------------------Foto: Sabine Rückert: Unrecht im Namen des Volkes. Ein Justizirrtum und seine Folgen. Hoffmann und Campe, Hamburg 2007. 288 S., 19,95 Euro.------------------------------Foto: Der Rechtsstaat muss manchmal sehr kühl sein, um den Opfern zu helfen. Kriminalgericht Moabit in Berlin.