Frau Schrobsdorff, "Wenn ich dich je vergesse, oh Jerusalem", heißt Ihr jüngstes Buch. Nach fast einem Vierteljahrhundert in 'El Kuds', der Schönen, packten Sie Ihre Koffer und zogen nach Berlin um. Um Jerusalem doch zu vergessen und in der Stadt Ihrer Kindheit neu anzufangen?Ich würde Jerusalem gern vergessen, aber ich werde es nicht können. Ich habe es nicht verlassen, um in Berlin ein neues Leben anzufangen, sondern ein altes Leben zu beenden.Sie haben eine Wohnung unweit Ihres Elternhauses im Grunewald genommen. Ist das nur ein Zufall? Oder Konsequenz einer späten Rückkehr nach früherer Vertreibung als Jüdin?Es war mir gar nicht bewusst, dass sich meine neue Wohnung in der Nähe des Johanna-Platzes befindet, wo ich nach etlichen Umzügen zuletzt mit meinem Vater lebte. Von dort ging ich mit meiner jüdischen Mutter und meiner Schwester 1938 ins bulgarische Exil. Ich erinnere mich nicht gern daran und möchte lieber an einen Zufall glauben, als an irgendeine Fügung, einen tieferen Zusammenhang.Sehen Sie es als Ironie der Geschichte oder als Pluszeichen deutscher Verhältnisse an, dass Juden aus aller Welt, sogar und gerade aus Israel, wieder gern in Berlin leben, trotz 600 Neonazis und 600 000 Moslems?Dass heute nicht wenige Juden aus Israel in Berlin leben, empfinde ich, auch in meinem Fall, als traurig. Die "Jecken", deutsche Juden, die vor oder während der NS-Zeit emigrierten, sind dem Heimweh und der Sehnsucht nach der Kindheit gefolgt, weil sie Berlin sehr geliebt haben. Ihre Kinder und Enkel haben ein weniger belastetes Verhältnis zu dieser Stadt. Die Jugend will vor allem besser leben, ohne militärischen, religiösen und finanziellen Druck, dem sie in Israel ausgesetzt ist. Sie haben meist eine oberflächliche Sicht auf Berlin, gehen gern ins KaDeWe oder reichlich und billig essen. Neonazis und Muslime sind für amerikanische Touristen, die in die Stadt kommen, interessant. Junge Israelis interessieren sich eher für blonde Frauen und Shopping.Fühlen Sie sich bedroht in Berlin, oder geht es Ihnen wie den süddeutschen Touristen am Prenzlauer Berg, die enttäuscht Ausschau nach jungen Männern mit Bomberjacke und Springerstiefeln halten?Ich halte die Neonazis für eine unglückselige Gattung dummer Kerle, die mit Gewalt in die Medien wollen. Ich hoffe, nicht mit ihnen in Berührung zu kommen. Bedroht habe ich mich nur einmal gefühlt, nach dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft. Ich saß mit einer Freundin auf dem Kudamm im Autostau fest, umringt von kreischenden, fahnenschwenkenden Horden. Doch das waren keine Neonazis, sondern biedere, deutsche Bürger, die ihr aufgestautes Selbstvertrauen wiedergefunden hatten.Dann fahren Sie wohl lieber Taxi, obwohl die hiesigen "Droschkenkutscher" selbst für hartgesottene Berliner oft zu schlecht gelaunt oder zu mitteilsam sind.Ach, ich fahre eher selten Taxi. Und bisher hatte ich immer Glück, auf besonders nette Fahrer zu treffen, mit denen ich mich gut unterhielt. Vor allem leiden sie nicht unter Political Correctness.Sie scheinen eine große Tierfreundin zu sein, Ihre Wohnung ist voll mit Katzenbildern, Plüsch- und Blechtieren. Lieben Sie die Tiere mehr als die Menschen?Als ich fünf Jahre alt war, hängte ich den Spruch "Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere" über mein Bett. Keine Ahnung, woher ich den hatte. Weil ich, Gott sei Dank, die Menschen damals noch nicht kennen konnte, rief mein absolut ernst gemeintes Lebensbekenntnis bei den Erwachsenen Gelächter hervor. Jetzt, da ich die Menschen allzu gut kenne, liebe ich die Tiere umso mehr. Besonders Lemuren, jene bildschönen, stolzen Halbaffen aus Madagaskar, die von den ängstlichen Römern der Antike als Gespenster der Toten gefürchtet wurden.Sie sind mit drei Jerusalemer Straßenkatzen nach Berlin umgezogen. Eine lief gleich weg, die beiden anderen rotten die Wilmersdorfer Mäuse aus, scheinen sich also gut eingelebt zu haben. Wie ist es mit Ihnen?Auch wenn meine Katzen Mäuse fangen und ich mit Vorliebe Flusskrebsschwänze esse, haben wir uns weder kulturell noch klimatisch eingelebt. Ich fürchte, wir brau-chen weniger Kultur und mehr Sonnenlicht.Was stört Sie am heutigen Berlin, was gefällt Ihnen?Die mit Amerikanismen durchsetzte Sprache und dämliche Werbung wie "Shoppen ohne stoppen" stören mich, welche allzu plakativ die sprachlich und moralisch verhunzten Bedürfnisse der deutschen Gesellschaft widerspiegeln. Besonders gefallen mir die Berliner Hunde, die, ob groß oder klein, einen wohlgenährten, gepflegten Eindruck machen und dennoch ausgesprochen natürlich wirken. Was man von ihren Herrchen und Frauchen kaum behaupten kann.Vermissen Sie Jerusalem?Ich vermisse die Vitalität und den Humor der Menschen, der sich in der israelischen Politik leider nicht mehr findet. Ich vermisse meine schöne Wohnung in Abu Tor, den Himmel über der Judäischen Wüste, die Olivenhaine von Jericho. Alles andere vermisse ich keineswegs.Ihre Romane "Jerusalem, war immer eine schwere Adresse" und "Jericho" fanden in Deutschland eine große, auch junge Leserschaft. Auf Hebräisch sind sie bis jetzt nicht erschienen. Warum nicht?In Israel bin ich eine Nestbeschmutzerin und Querulantin, mit einer jüdischen Mutter, die ihr Judentum verraten hat. Meine Bücher sind des israelischen Volkes unwürdig, aber ausgerechnet das Buch über meine Mutter wurde ins Hebräische übersetzt. Die Kritik hat es nicht als Bereicherung der jüdischen Literatur angesehen.Sie galten in Israel nicht als Friedensaktivistin, da Sie sich in die Politik "nur" literarisch, wenn auch propalästinensisch einmischten.Wissen Sie, wenn man als Jude nicht eindeutig Stellung für Israels Politik bezieht, ist man automatisch ein Nestbeschmutzer. Mir ging es aber nie um die Palästinenser, deren Kultur und Mentalität mir ausgesprochen fremd, in vielen Punkten gar unsympathisch sind. Es geht mir einzig und allein um Gerechtigkeit. Ich würde jedem unterdrückten Volk als Stimme zur Verfügung stehen, wenn ich noch die Kraft hätte. Als Friedensaktivistin tauge ich insofern nicht, weil ich die Sprache der Politik nicht beherrsche und vor der geringsten Grobheit oder Vereinfachung der Dinge zurückschrecke. Ich bewundere die jüdischen Frauen, die sich an die Checkpoints stellen, um die israelischen Soldaten daran zu hindern, die Palästinenser zu schikanieren. Ich halte ihre zweifellos mutigen Bemühungen jedoch nur für einen Tropfen auf den heißen Stein. Eine gerechte Lösung wird es dadurch kaum geben, solange beide Seiten nicht den ersten Schritt in Richtung Frieden gegen Land und vor allem Wasser gehen. Ich glaube, ich werde das nicht mehr erleben.Warum sind Sie nicht ein bisschen religiös, wo viele gerade im Alter Gott wie einen Versicherungsvertreter für die Ewigkeit aufsuchen?Wenn man lange in Jerusalem lebt, verfällt man entweder dem religiösen Wahn oder man wird antireligiös. Für mich kam nur die zweite Möglichkeit in Frage. Obgleich ich, wenn ich es bräuchte, lieber in die Kirche rennen würde, als auf den Jahrmarkt der Esoterik. Dort verkauft man Anleihen auf die Wiedergeburt, ich aber will unter keinen Umständen auf diese Welt zurückkehren.Worüber können oder wollen Sie in Berlin schreiben?Das hängt davon ab, ob ich überhaupt noch die Kraft zum Schreiben aufbringe. Zur Zeit sieht es nicht danach aus.Rührt die Schreibkrise daher, dass Sie erst spät heimgekehrt sind und das Gefühl haben, nicht mehr teilzunehmen am Leben der Berliner, "denen die Energie aus den Augen spritzt wie der Saft aus einer Apfelsine", wie es Erich Kästner einmal ausgedrückt hat? Oder liegt es an Berlin, wie es Robert Walser sah: "Der ideale Ort, um der Banalität des Lebens auf die Spur zu kommen"?Wohin hätte ich heimkehren können? Das Berlin meiner Kindheit gibt es nicht mehr. Ich glaubte, glaube es noch immer, keine andere Wahl zu haben. Es stirbt sich bequemer in Berlin und leichter in der eigenen Sprache, wenn man schreibt. Dass ich keine Lust mehr auf Leben habe, daran ist diese Stadt nicht schuld. Es würde mir überall genauso gehen, außer vielleicht weit weg von allem, in der von Menschen unberührten Natur.Ihre Leser erwarten von Ihnen den großen Altersroman, etwas in der Art Ihres Freundes Gregor von Rezzori, der sich mit "Greisengemurmel" vom Leben verabschiedete.Ich brauche nicht darüber nachzudenken, was "Sterben" oder "Bettpfanne" heißt. Meine Wohngegend, die total überaltert ist, bietet mir alle erdenklichen Senioreneinrichtungen und das Abstellgleis, auf dem man gemütlich das Ende abwarten kann. Was will man mehr? Vielleicht schreibe ich ja noch ein Buch, aber sicher nicht über das Gemurmel einer Greisin."Schreiben oder Leben" heißt ein Buch von Jorge Semprun. Was ist Ihnen wichtiger, nachdem Sie ein Dutzend Bücher veröffentlichten und 23 Jahre in einem Krieg zwischen Juden und Arabern lebten, den man höflich Konflikt nennt?Ich wusste nie, ob ich lebe, um zu schreiben, oder schreibe, um zu leben. Jetzt, wo ich seit drei Jahren unfähig bin, auch nur eine Postkarte zu schreiben und mich, auf Deutsch gesagt, beschissen fühle, denke ich, dass ich ohne Schreiben keine Lebensberechtigung mehr habe.Sie hatten in Jerusalem ein offenes Haus für Freunde und Fremde. In Berlin kennt, außer der Putzfrau und Ihrer bulgarischen Großfamilie, kaum jemand Ihre Adresse.Stimmt, ich hatte auf der Grenze zwischen Ost-und Westjerusalem ein großes Haus und jede Menge Bekannte. Besonders während der ersten Intifada, das war eine hoffnungsvolle Zeit. Ich war endlich aus meinen Heile-Welt-Träumen erwacht, die ich in Jerusalem zu verwirklichen geglaubt hatte. Ich stürzte mich dann kopfüber ins andere Extrem - die kaputte palästinensische Welt. Meine Wirklichkeit wurden die Palästinenser, Vertriebene wie ich, nur dass die Vertreiber Juden waren. Aus dem Gefühl der Gerechtigkeit hob ich die Palästinenser auf ein Podest, wo sie nicht hingehören, weil sie weder edler noch vernünftiger als Juden sind, aber ärmer und verzweifelter. Ich suchte in einer Art infantiler Zwangshandlung etwas Größeres und Besseres als das, wie ich Israel erfuhr, obwohl ich weder religiös noch zionistisch bin. Ich landete unweigerlich in einem Haufen Scherben. Jetzt, wo ich nichts mehr habe, das sich auf ein Podest stellen ließe, bin ich restlos geheilt und sitze in Berlin auf dem Scherbenhaufen meines Lebens.Sie kommen mir vor wie der Bergsteiger, der auf dem Mount Everest steht und jammert, dass sein Leben keinen Sinn mehr hat, weil es keinen höheren Berg zu bezwingen gibt. Sie sind eine bekannte Schriftstellerin, mit 79 Jahren einigermaßen gesund und bei klarem Verstand. Warum zeigen Sie, entgegen manchen reemigrierten Literaten, wenig Medienpräsenz?Ich habe zur heutigen Welt nichts Erbauliches zu sagen. Wer will denn schon eine negative, verschlossene alte Frau sehen? Ich bin auch keine "rückemigrierte" Literatin, die als jüdisches Opfer in Erscheinung treten muss, um gehört, beziehungsweise gelesen zu werden. Ich will meine Ruhe, finde sie aber nicht, weil Journalisten wie Sie auch irgendwie leben müssen.Ich wollte nicht warten, bis ich einen Nachruf auf Sie schreiben darf.Na bitte.Warum zogen Sie nach zwanzig Jahren in München und elf Jahren in Paris Jerusalem als Lebensmittelpunkt vor?Ich glaubte, dort eine neue Heimat zu finden und habe sie anfangs auch gefunden, aber wieder verloren. Jetzt suche ich keine mehr.In München waren Sie alleinerziehende Mutter und Skandalautorin mit Ihrem ersten Buch "Die Herren", das zeitweilig verboten war. Wie kam das?Anfang der sechziger Jahre war es ein Skandal, als Frau über die intimen Erfahrungen mit Männern zu reden. Ich habe meinen ersten Roman nicht im Hinblick auf eine Veröffentlichung geschrieben, sondern zu meiner Befreiung und Rettung. Die "Herren" wurde vom Bayerischen Innenministerium als jugendgefährdend und antisemitisch verboten. Die Begründung für das Verbot: als Jüdin und Ich-Erzählerin würde ich mich derart negativ schildern, dass es Antisemitismus beim Leser herausfordere.Klingt, als wenn man dem Fotografen August Sander vorwürfe, ein Nazi zu sein, weil er SS-Männer porträtierte und damit berühmt wurde.Wie dem auch sei, mein Verlag erwirkte die Aufhebung des Verbots, das Buch wurde ein Bestseller und ich konnte mir einen alten VW-Käfer plus einem matronenhaften, schwarzen Persianermantel leisten. Ehrlich und kompromisslos zu schreiben lohnt sich eben doch.In Paris waren Sie mit dem Filmemacher Claude Lanzmann zusammen und gehörten zum Kreis von Sartre/Beauvoir. War es für Sie eine glückliche Zeit?Im Gegenteil. Denn ich hatte Claude, wie Jerusalem, wo wir uns begegneten, auf das höchstmögliche Podest gestellt, und in Paris krachte es zusammen. Ich wollte mit meinem jüdisch-französischen-intellektuellen Geliebten in meinem Zuhause glücklich werden, doch er war durch und durch Pariser und empfand Israel als eine Zumutung. Ich glaubte, ihn mehr zu lieben als Jerusalem, was ein Irrtum war, und folgte ihm in die "Stadt der Liebe". Sie war mir nicht wohl gesonnen und ich ihr auch nicht. Vier Jahre später heirateten wir, und das war der Anfang vom Ende unserer Liebe. Von da an war Claude mit seinem Film "Shoah" verheiratet und ich mit meiner Perserkatze Deborah. Neun Jahre später trennte ich mich von meinem Mann und Paris, wieder viel zu spät, und ging zurück nach Jerusalem.Ihre Freundschaft mit Simone de Beauvoir brachte Ihnen immerhin soviel Glück, dass die berühmte Autorin des "Anderen Geschlechts" das Vorwort zu Ihrer grandiosen Erzählung "Die Reise nach Sofia" schrieb.Ich war keine Freundin von Simone de Beauvoir, denn sie war nicht der Typ Frau, den ich mochte. Ihre Bücher, bis auf zwei ziemlich unbekannte, gefielen mir auch nicht. Sie war mir gegenüber sehr zuvorkommend, bis ich Claude heiratete. Man wurde in der Familie Sartre/Beauvoir als Geliebte des einen oder Geliebter der anderen akzeptiert, solange man dort "ungebunden" und "ehrlich" lebte. Man durfte alles, nur nicht heiraten. Stattdessen "adoptierte" man auch die Geliebte eines Ex-Geliebten von Madame, denn Claude gehörte zur Familie. Ich habe nie so ein infames Lügennetz erlebt und wollte unter keinen Umständen dazugehören. Trotzdem danke ich der Beauvoir von ganzem Herzen, dass sie das Vorwort zu meinem Buch "Die Reise nach Sofia" schrieb. Es erschien zuerst in Sartres Zeitung "Les temps Modernes" und kam wohl nur deshalb auf Deutsch heraus. Obwohl mein Verleger meinte, dass Erzählungen nie eine lukrative Auflage bringen. Inzwischen hat er mit dem Buch gutes Geld verdient. Ich glaube, es ist das Beste, was ich je schrieb.Trotz Ihrer Bekanntschaft mit Simone de Beauvoir kann man Sie nicht gerade als leidenschaftliche Feministin bezeichnen, eher als Sympathisantin des schwachen Geschlechts, der Männer.Den intellektuellen, dogmatischen Feminismus habe ich immer als Gefahr für Durchschnittsfrauen angesehen. Ich mag Männer und halte sie keineswegs für Schweine, wie sie von vielen Frauen genannt werden. Ich habe Männer als viel logischere, aufrechtere, labilere, also nicht fanatische Wesen erlebt, als jene, die sie gern als "schwaches Geschlecht" beklagen. Dennoch wäre ich nicht gern ein Mann. In den Krieg ziehen oder von früh bis spät im Büro sitzen halte ich nicht für erstrebenswert. Mit einer Frau heute verheiratet zu sein, stelle ich mir aber auch nicht komisch vor.Nicht wenige Ihrer männlichen Freunde sind homosexuell. Halten Sie die sexuelle Prädisposition von Menschen für wichtig?Ja und nein. Aber ich kann mir nichts Besseres vorstellen als homosexuelle Männer. Sie haben einen erstklassigen Geschmack, besitzen oft einen scharfen Humor und sind meist origineller als heterosexuelle Männer. Sie sind Freund und Freundin, Bruder und Schwester in einem, riechen nach besserem Rasierwasser und haben Verständnis für die unerklärliche weibliche Psyche.Frau Schrobsdorff, Sie wohnen im äußersten Westen Berlins und interessieren sich für ostdeutsche Landschaften und ihre Bewohner. Warum?Dass ich im Westend lebe, ist eine Mischung aus Zufall und Notwendigkeit. Meine Katzen brauchen Auslauf und haben hier im Parterre einen Hofgarten. Es stimmt jedoch, dass mir der Osten Berlins mehr liegt als der Westen. Im Osten ist auch nach 16 Jahren Einheitsbrei alles noch nicht so perfekt. Es erinnert mich an Bulgarien, das für mich acht lange Jahre Exil und Heimat war, und an das frühe Israel.Sie verbrachten die Wochenenden Ihrer Kindheit in einem Landhaus in Pätz bei Königs Wusterhausen. Auf Rückübertragung des Familienbesitzes verzichteten Sie nach der Wende. Sind Sie zu stolz, Ihr Erbe zu fordern, oder scheuen Sie Gerichte?Bis vor einigen Jahren war in dem Haus ein Kinderhort untergebracht, den ich nicht auf die Straße setzen wollte. Jetzt wohnen mir fremde Leute dort, mit denen ich mich nicht noch vor Gericht streiten will. Ich habe Pätz als Kind sehr geliebt. Die Erinnerung daran kann mir keiner nehmen. Abgeklärt bin ich leider überhaupt nicht, aber ich bemühe mich um Realismus, den man meist mit Fatalismus verwechselt. Aber Stolz habe ich, sogar zu viel davon. Doch ohne den hätte ich nicht überlebt.Wen würden Sie in diesem Leben noch gern kennenlernen?Gottfried Benn. Albert Camus, wenn er noch lebte, und König Salomon, den ich für den klügsten und gerechtesten Juden aller Zeiten halte. Er sagte: "Was man getan hat, eben das tut man wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne".Und wen wünschen Sie ein für alle Mal zum Teufel?Zum Teufel würde ich alle Dummen und Selbstgerechten schicken, die auch noch stolz darauf sind. Aber es sind zu viele. Wahrscheinlich sind es alles nette Leute, und ich bin selbstgerecht und dumm.Gibt es eines Ihrer Bücher, das Sie als Pflichtlektüre für die Schulen empfehlen würden?Pflichtlektüre wird von Schülern gehasst. Ich habe doch keine Bücher geschrieben, die alle lesen müssen. Dafür manche Werke anderer Autoren in Form von Gedichten auswendig gelernt und mich darüber lustig gemacht. Ich konnte früher zehn Verse in fünf Minuten lernen und sofort wieder vergessen. Das ist ein Vorteil, schlechte Literatur schnell zu vergessen.Und welches Ihrer Bücher würden Sie am liebsten der Papiermühle überantworten?Papiermühlen behagen mir nicht. Dass Bücher zerhackt werden, bitteschön. Aber ein Stück Seele, die man sich aus dem Leib geschrieben hat, geht immer mit drauf.Haben Sie noch Zukunftspläne und Sehnsüchte?Ach, Pläne für die Zukunft habe ich keine mehr. Sehnsüchte noch viele.------------------------------Zur PersonAngelika Schrobsdorff wurde 1927 in Freiburg im Breisgau geboren. Ihre Mutter war eine assimilierte Jüdin, der Vater entstammte dem Berliner Großbürgertum. Sie wuchs in Berlin auf und flüchtete mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern 1938 nach Bulgarien, wo sie bis zum Ende des Krieges blieb. Ihre Großeltern wurden in Theresienstadt ermordet.Nach dem Krieg ging sie nach München und veröffentlichte 1961 ihren ersten Roman, "Die Herren", der wegen seiner Freizügigkeit für Aufruhr sorgte.Ab Beginn der 70er-Jahre lebte sie mit ihrem dritten Ehemann Claude Lanzmann in Paris, bevor sie 1983 nach Jerusalem übersiedelte.Angelika Schrobsdorff hat zahlreiche Romane veröffentlicht, darunter ihren größten Erfolg "Du bist nicht so wie andere Mütter".Sie lebt heute wieder in Berlin.