BERLIN, im April. Der 11. September war der Tag, an dem Zahra Breshna Hoffnung schöpfte. Als sie die Türme des World Trade Centers in New York zusammenbrechen sah, war sie schockiert. Doch gleichzeitig ahnte sie, dass Afghanistan nun eine Zukunft hat. Die Amerikaner werden für diese Tat Vergeltung üben, dachte Zahra. Vergeltung an Osama Bin Laden, den Terror-Experten sofort als Verantwortlichen benannten und den sie irgendwo in Afghanistan vermuteten. Das bedeutet Krieg in Afghanistan, dachte Zahra und Krieg in Afghanistan bedeutet das Ende der Taliban. Und das Ende der Taliban bedeutet die Rückkehr Zahra Breshnas in ihre Heimat - nach 22 Jahren im Exil in Deutschland.Wenn Zahra Breshna sich an Kabul erinnert, sieht sie verschwommene Bilder. Die blühenden Gärten und das Leben auf den Straßen der alten Hauptstadt Kabul vermischen sich mit Bildern von Krieg, Zerstörung, Armut und Flüchtlingen. An das weite Land oder die Berge Afghanistans erinnert sich Zahra Breshna kaum noch, doch sie denkt zurück an ihre Schulzeit, an Familienfeiern und Feste mit Freunden. Von ihnen lebte bis vor kurzem kein einziger mehr in Kabul.Wie ihre Verwandten und Freunde waren auch die Breshnas kurz nach dem Einmarsch der Sowjetarmee 1980 aus Afghanistan geflohen. Eines Tages nach dem Frühstück verließen sie das Haus und alles blieb zurück: Möbel, Kleider - alles. Sie wollten nicht für immer ins Exil gehen, die Häuser in Kabul wurden nie verkauft. Zahra, ihre drei Brüder, Mutter, Vater und Großmutter kamen nach Deutschland. "Um zu warten" - bis die Russen wieder abgezogen waren. Doch die Russen blieben zehn Jahre und auch danach kam das Land nicht zur Ruhe. Aus Zahra Breshnas Touristenvisum wurde ein Flüchtlingsvisum und aus dem Flüchtlingsvisum wurde ein deutscher Pass. "Trotzdem", sagt Zahra, "war es für mich nie selbstverständlich, für immer in Deutschland zu bleiben." Sieht man Zahra Breshna, fällt es einem schwer zu glauben, dass sie im Nachkriegs-Kabul glücklich wird - dort, wo Flüchtlinge in den Straßen um Essen betteln, dort, wo Menschen nach Jahren des Bürgerkrieges die Hoffnung verloren haben und viele Frauen die Burkha tragen. Zahra Breshna ist 37 Jahre alt, Teilhaberin eines Architekturbüros, sie liebt die Berliner Parks, die Straßencafés, trägt kurze Haare und Hosenanzug - eine moderne Frau, unverheiratet. Gleichzeitig ist Zahra Breshna aber auch das, was ihr Land so nötig braucht: Eine hoffnungvolle Idealistin. Seit der afghanische Premier Hamid Karsai im Februar Berlin besuchte, herrscht Aufbruchstimmung unter den Exilanten in Deutschland. Es gehört fast schon zum guten Ton, "etwas für Afghanistan zu tun". Es gibt Konferenzen zum Wiederaufbau, Tagungen zur Frauenförderung, Treffen von hilfsbereiten Jugendlichen - irgendwie fühlt sich jeder der hier lebenden Afghanen berufen, der Heimat einen Dienst zu leisten.So macht der Bauingenieur Vorschläge zum Straßenbau, der Unternehmer zu Existenzgründungen und die Lehrerin zur Bildungspolitik und alle freuen sich über die wiedererlangte Freiheit "der geliebten Seele Afghanistan". Geht es jedoch um Reisen in die Heimat, wird es merklich leiser. Viele der Exilanten fühlen sich in Deutschland integriert. Die Heimat hingegen ist ihnen noch suspekt. Dort ist es unsicher, es gibt keine Wohnungen und viele Exil-Afghanen können es sich nicht leisten, als Entwicklungshelfer zu arbeiten und weniger zu verdienen als in Deutschland. Vor allem nicht, wenn sie ihre Familien unterstützen müssen. Sechs Monate nach dem Beginn der Angriffe auf Afghanistan haben viele der achtzigtausend in Deutschland lebenden Afghanen noch Bedenken. Kaum jemand ist so entschlossen wie Zahra Breshna. Am 19. April fliegt sie über Dubai nach Kabul; was sie erwartet, weiß sie noch nicht genau. Eigentlich will Zahra Breshna ein Architekturbüro eröffnen, doch entgegen allen Versprechen erhält sie kein Geld von der Bundesregierung. Nicht einmal Hilfe bei der Aufnahme eines Kredites habe man ihr gewehrt. "Hilfe gibt es scheinbar nur, wenn man genau in die Förderprogramme passt." Darüber ist Zahra enttäuscht. Weniger, weil sie selbst betroffen ist, sondern weil es andere Afghanen im Exil davon abhält, zurückzukehren. Zahra Breshna wird von ihrem Ersparten leben und hoffen, dass schnell Aufträge kommen. "Länger als einen Monat kann ich beim ersten Mal wohl nicht in Kabul bleiben", sagt Zahra. Zurückhalten wird sie das nicht. Da geht es Zahra Breshna wie ihrem Vater. Abdullah Breshna lebt bereits seit drei Monaten in Kabul. Er ist 69 Jahre alt, hat sein ruhiges Leben in Deutschland erst mal aufgegeben und teilt sich eine Vier-Zimmer-Wohnung mit zwei Kollegen, die aus Bonn und London gekommen sind. Auf Wunsch der afghanischen Übergangsregierung soll Abdullah Breshna beim Wiederaufbau und der Organisation des Ministeriums für Städtebau helfen. Breshna trägt zwar nicht den Titel des Städtebau-Ministers, aber er erfüllt dessen Funktion. Zumindest seit der "echte" Städtebau-Minister sich mehr um seine Arbeit als Gouverneur der Provinz Dschalalabad kümmert. Das war vermutlich eine gute Entscheidung, zumindest für Kabul. Zahras Vater ist ein angesehener Experte. Er hat in Karlsruhe Architektur und Städtebau studiert. Unter seinem bekannten Lehrer Egon Eiermann baute der junge Abdullah Breshna an der Berliner Gedächtniskirche mit. Nach seiner Rückkehr 1961 war er unter der Herrschaft von König Zahir Schah als Hochbau-Spezialist im Ministerium für öffentliche Arbeiten tätig. So war er schon damals für die Stadtentwicklung von Kabul zuständig. Bevor Abdullah Breshna mit seiner Familie floh, galt er als der bedeutendste Baufachmann des Landes. Heute hat er viele architektonische Visionen für das neue Kabul. Und Premierminister Hamid Karsai teilt sie. Abdullah Breshna will die zerstörte Altstadt wieder beleben und gleichzeitig modernisieren. So soll eine Kanalisation gelegt und eine neue Stromversorgung aufgebaut werden. In anderen Teilen der Hauptstadt werden neue Häuser entstehen, auch um Flüchtlinge unterzubringen. Breshnas Baustoff ist Lehm - einfach und traditionell. Vater und Tochter schwärmen davon, denn "von außen gleicht er Zement", sagt Zahra. Die neuen Häuser Kabuls sollen modern werden, und ökologisch. So denkt man darüber nach, Solarenergie zur Stromgewinnung zu nutzen. Da in Afghanistan schon immer mit Lehm gebaut wurde, mag der äußerliche Unterschied zwischen alten und neuen Häusern nicht gravierend sein. In technischer Hinsicht allerdings wird das Land Entwicklungsjahre überspringen. Doch es ist eben jene Verbindung zwischen Tradition und Moderne, die Abdullah Breshna an der Aufgabe reizt - und ebenso seine Tochter.Zahra Breshna bewundert die Arbeit ihres Vaters, aber legt auch Wert auf ihre Unabhängigkeit. Ihr Architekturbüro will sie allein aufbauen und gleichzeitig an ihrer Promotion arbeiten. Thema: "Die Wiederaufbaustrategie für die zerstörte Altstadt von Kabul". Darüber werden Vater und Tochter diskutieren. Und vermutlich auch darüber, was es heißt, in einem Land zu sein, das ihnen nach all den Jahren fremd geworden ist. "Ich bin froh, dass mein Vater in meiner Nähe ist", sagt Zahra Breshna - aller Selbstständigkeit zum Trotz. Denn es gibt Momente, in denen sie Angst hat vor dem Abenteuer Afghanistan. Davor, dass sie als Frau nicht respektiert wird, dass sie als Fremde gilt, weil sie aus dem Ausland kommt. Und davor, dass ihre Landsleute denken könnten, sie wolle ihnen die Arbeit wegnehmen, dass sie als Konkurrenz angesehen wird - und nicht als eine Architektin, die helfen möchte. Am meisten aber graut Zahra vor einer bestimmten Frage. Der Frage nach ihrem Leben in den vergangenen zwanzig Jahren, als sie in Deutschland in Sicherheit aufwuchs, studierte und es der Heimat Afghanistan immer schlechter ging.Ein Mensch in Kabul freut sich jedenfalls ganz sicher auf Leute wie Zahra Breshna: Hamid Karsai, der Premier. Das hat er Zahra und anderen Exil-Afghaninnen zumindest so gesagt, als sie ihn in Berlin trafen. Die Damen waren in Karsais Hotelsuite gekommen, um den neuen Hoffnungsträger einmal ganz nah zu sehen und ihm für seine aufmunternde Ansprache vor der Exil-Gemeinde zu danken. "Er ist ein charismatischer Mann", sagt Zahra und sie sagt auch, dass er ihr Mut mache. Karsai will sich dafür einsetzen, dass Exil-Afghanen die doppelte Staatsbürgerschaft erhalten. Oder dass ihnen zumindest das Leben in beiden Kulturen erleichtert wird. Genau das wünscht sich Zahra: Ein Architekturbüro in Deutschland und eines in Afghanistan. Pendeln zwischen Berlin und Kabul. So wie es seit jeher in ihrer Familie Sitte ist. Vor ihrem Vater studierte bereits ihr Großvater in Berlin. Auf Geheiß des afghanischen Königs Amanullah kam er in den zwanziger Jahren zum Studium in die deutsche Hauptstadt. Dort lernte er auch jene rotblonde Deutsche kennen, die er später als seine Frau mit nach Kabul nahm. Vierzehn Monate dauerte damals die Reise in das Land am Hindukusch. Ihre Großmutter hat es nie bereut. In Afghanistan unterrichtete die Berlinerin Mathematik und Deutsch und wurde Direktorin einer der ersten Mädchenschulen der afghanischen Hauptstadt. Sie liebte das Land, nur die Burkha, die sie im Unterricht tragen musste, war ihr verhasst. Als es später keinen Schleierzwang mehr gab, zog sie niemals wieder eine Burkha oder ein Kopftuch an. Als sie mit ihrem Sohn und seiner Familie vor den sowjetischen Soldaten nach Deutschland floh, weigerte sich die Großmutter, ihren Flüchtlingsstatus aufzugeben. Bis zu ihrem Tod träumte sie von einer Rückkehr nach Kabul. Ihre Enkelin Zahra wird diesen Traum nun leben."Es war für mich nie selbstverständlich, für immer in Deutschland zu bleiben."."Es gehört jetzt fast schon zum guten Ton, etwas für Afghanistan zu tun.".SABINE LUBENOW Zahra Breshna auf einer Bonner Tagung zum Wiederaufbau in Afghanistan. Sie floh im Jahr 1980 mit ihrer Familie nach Deutschland.