Reitvereine wissen längst, was Ende August eine in Kassel erstellte Studie belegte: Es sind fast ausschließlich Mädchen, die sich in ihrer Freizeit in die Pferdeställe gezogen fühlen. Zum Striegeln, Streicheln, Saubermachen, zum Glücklichsein. Mädchen sehen das Tier als guten Freund, für Jungen ist es eher ein Sportgerät.Diese Erkenntnis ereilte im Herbst 1995 eine junge Japanerin. Aki Maita hockte als Angestellte der Spielzeugfirma Bandai in ihrem Tokioter Büro, analysierte und verglich Verkaufszahlen und Untersuchungen des Konsumentenverhaltens. Dabei fiel der damals 28jährigen auf, das nichts so gut über die Ladentische geht wie Spielzeug, um das man sich kümmern kann. Dann stellte sich heraus, daß Kinder eine Vorliebe für handtellerkleine Spielsachen haben, die als ständige Begleiter in jeder Jackentasche Platz finden und die Langeweile an jedem beliebigen Ort vertreiben helfen. Dann, so berichtet Aki Maita, habe sich eine Freundin ein Frettchen angeschafft und bemuttert.Das war der Moment, da das Tamagotchi geboren wurde, der virtuelle Dauerbrenner auf dem Welt- Spielzeugmarkt. Und die Firma Bandai müßte eigentlich dankbar sein, daß Aki Maita während der Ausbildung für ihren ursprünglichen Wunschberuf Kindergärtnerin ein paar Computerkurse belegt hatte.Aki Maita nennt sich selbst eine "normale Haufrau", berufstätig in niederer Position, und hat vielleicht gerade deswegen den Nerv der Zeit getroffen. Besonders in Japan haben Kinder immer seltener Geschwister, und ein echtes Haustier kommt schon wegen der japanisch-winzigen Wohnquartiere meist nicht in Frage. Das Tamagotchi paßt überall hinein und macht nur virtuellen Dreck. Doch das würde nicht den weltweiten Erfolg der Idee Aki Maitas erklären. Auch in Berliner Schulklassen schreit das elektronische Federvieh nach Futter und Liebe. Und es sind, wie in Japan, den USA und überall vor allem die Mädchen, die dem Schrei antworten und ihr Herz an das virtuelle Wesen verschenken.Aki Maita gilt als erste Frau, die einen derart erfolgreichen Computer-Renner erdachte und viele der Mädchen, die mit einem Tamagotchi ihrem Hegetrieb nachkommen, hatten zuvor weder Kontakt noch Interesse an Computern. Gameboys tragen ihre Zielgruppe schon im Namen. Und die Tamagotchi-Firma Bandai war bislang vor allem als Power-Ranger-Produzent bekannt.Doch Aki Maitas Erfindung hat inzwischen auch die Hosentaschen der Jungen erobert. Die pflegen das Display-Tierchen allerdings häufig nicht, sondern schauen ihm lieber beim langsamen Sterben zu. Psychologen beobachten eine archaische Freude daran, Hilfeschreie aus überbordenden Exkrementhaufen zu ignorieren, dem hilflosen Winzling das Futter zu verweigern oder ­ eine besonders perfide Psychofolter ­ nachts das Licht nicht auszumachen. So entsteht eine Art passive Variante vieler Gameboy-Spiele, wo gewinnt, wer am meisten killt.Ein weiterer neuer, von Aki Maitas Marktanalyse-Ressort beobachter Trend: ältere Damen holen sich den virtuellen Freund ins Haus. Bandai hat bisher allein in Japan 300 Millionen Mark mit der Idee seiner ranglosen Mitarbeiterin verdient. 15 Millionen Exemplare sind weltweit bislang verkauft, in Deutschland sollen es bis Jahresende drei Millionen Stück sein, bis Ende 1998 sollen 40 Millionen Cyber-Küken die Welt bevölkern.Daß die Idee Aki Maitas die Massen ergreifen und damit zur Macht im globalen Kinderzimmer werden konnte, verdankt Bandai einer der wöchentlichen Abteilungssitzungen, auf denen jeder Mitarbeiter präsentieren soll, was er zum Wohl der Firma zu tun gedenkt. Aki Maita schlug Anfang 1996 das Computer-Ei vor. Nach kurzer Diskussion wurde eine kleine Gruppe mit der Entwicklung beauftragt, eine Testserie wurde an die Hauptzielgruppe gebracht ­ Mädchen zwischen 14 und 17. Am 23. November 1996 begann das Küken seinen Siegeszug.Aki Maita, die das Ei ausgebrütet hat, rettete Bandai vor der drohenden Übernahme durch den Computerriesen Sega. Doch die Mutter aller Tamagotchis sitzt heute wie vor ihrer Sternstunde bloß im Büro und wertet Verkaufszahlen aus. Keine Beförderung, keine Gehaltserhöhung. "Aki Maita gehört zu unserem Team", sagt der Bandaispecher in Tokio, "vielleicht wird ihr Jahresendbonus diesmal höher ausfallen." Sie selbst teilt vorsichtig mit, sie habe "lobende Anerkennung" erfahren.Damit es Bandai weiter gutgeht, wurde die Uridee inzwischen ausgefeilt. Das Angelgotchi, ein kleiner Engel, fleht einerseits um Zuwendung, gibt aber bei guter Pflege auch Liebe und Trost nach Bedarf zurück, so verspricht Bandai. Ab Jahresanfang 1998 fliegt der virtuelle Himmelsbewohner in Deutschland ein. Den Bedürfnissen von Jungen will Bandai mit dem "digitalen Dinomonster" entgegenkommen. Die Knaben dürfen sich als Trainer für Kampfsaurier betätigen, die dadurch immer stärker werden. Soll es zum Kampf kommen, werden sie mit anderen Digi-Dino verkabelt. Und nach dem Fight muß der Kämpfer wieder aufgepäppelt werden. Ein Griff ins wahre Leben.Wer allerdings beim Tamagotchi bleiben will: Es gibt jetzt auch eine CD-Rom-Version für Leute, die "tiefer in das Gefühlsleben" ihres Pfleglings eindringen wollen.