Die junge Speyerer Morgenpost hat eine lange Geschichte und einen gewitzten Verleger: Die Käsblättle der Familienmafia

Tagespost steht in blauen Lettern über dem Eingang des Redaktionsgebäudes am Königsplatz. Und ebenso auf den Kugelschreibern, den Feuerzeugen und Notizblöcken der Mitarbeiter, die dort Deutschlands jüngste Tageszeitung machen. Das Lokalblatt, das dort im Tagespost-Haus entsteht, heißt indes Morgenpost, Speyerer Morgenpost - Zeitung für die Vorderpfalz, um genau zu sein. Den Ortsunkundigen irritiert die Sache mit den Namen ebenso sehr wie das Einbahnstraßen-Gewirr in den Gassen Speyers - zumal die Gründung der Tageszeitung auch über die Region hinaus bekannt geworden war: Hatte es nicht geheißen, da trete seit Januar in Speyer ein neues Lokalblättchen namens Morgenpost gegen die große Rheinpfalz an? Klang das nicht nach einer guten Nachricht in schlechten Zeiten - und auch ein wenig nach David gegen Goliath in der Provinz?Und tatsächlich: Bloß einen Steinwurf entfernt vom Redaktionsbüro der übermächtigen Rheinpfalz, unweit des Doms, unweit auch der aufgeräumten Speyerer Fußgängerzone, wo das Traditionshaus Demmer "freie Waffen und Mode im Landhausstil" feilbietet, sitzen im Erdgeschoss des Hauses mit dem Tagespost-Schriftzug drei Jungredakteure, ein Volontär und der Redaktionschef und schreiben emsig ihre kleine Zeitung, die Morgenpost, voll: täglich sechs bis acht Seiten mit Lokalnachrichten, Lokalsport und -kultur. Und wenn die Gemeindeverwaltung Böhl-Iggelheim ein Fax schickt, dass "Herr Frey keine Veröffentlichung in der Geburtstagsliste" wünscht, dann wird sich schnell auch darum gekümmert. Redaktionsalltag eben. Sanierung unmöglichSpätestens jetzt muss man die Geschichte der Speyerer Zeitungsgründung ein wenig anders erzählen. Sie beginnt im Herbst vergangenen Jahres. Die Speyerer Tagespost feierte gerade ihr 50-jähriges Bestehen, als ihr Mutterblatt, der Mannheimer Morgen, bekannt gab, man sehe "auf Grund der dramatischen Entwicklung insbesondere am Werbemarkt keine Chance, in absehbarer Zeit eine Sanierung der finanziell stark angeschlagenen Zeitung in Speyer herbeizuführen". Also werde das Blatt eingestellt.Doch Speyer wehrte sich gegen den Akt der Marktbereinigung. Kaum ein Tag, an dem sich nicht der Stadtrat, die Grünen, der Römerberger Gemeinderat, der Verbandsgemeinderat Waldsee oder die Leistungsgemeinschaft der Innenstadt-Einzelhändler mit Resolutionen für den Erhalt der Zeitung stark machten. Zuletzt gründeten Speyerer einen "Verein zum Erhalt der Medienvielfalt und Medienkultur". Anfang Dezember ergriff der Verleger Wolfgang Martin, der in der Region das Viernheimer Tageblatt und ein paar weitere Lokalblätter herausgibt, die Initiative und gründete eine neue Zeitung in Speyer. Ein befreundeter Geschäftspartner, der eine große Anzeigenzeitung in der Gegend mit leitet, wurde Geschäftsführer. Ein Freund des Geschäftsführers, bislang freier Lokaljournalist, wurde Redaktionschef. Den Rest der Mannschaft - samt Räumlichkeiten, Telefonnummern und Kugelschreibern - von der Anzeigenannahme bis zu den Zustellern, fand man bei der Tagespost. Beinahe hätte das Blatt sogar "Neue Speyerer Tagespost" geheißen - wenn, ja wenn sich nicht die Konkurrenz von der "Rheinpfalz" zwei Wochen vor dem Start noch schnell mit einer einstweiligen Verfügung gegen den ihrer Ansicht nach irreführenden Namen gewehrt hätte. Schließlich handelt es sich, das gibt auch Verleger Martin zu, bei seiner "Morgenpost" gesellschafts- und arbeitsrechtlich um eine Neugründung, was zwar den Vorteil hat, "ohne Zins- und Altlasten in einen Markt hineinzugehen", aber dafür ganz andere Probleme mit sich bringt. So konnte der Verlag beispielsweise die Abo-Kartei der Tagespost mit ihren über 5 000 Adressen nicht einfach übernehmen. Stattdessen sei man frühmorgens von Briefkasten zu Briefkasten den Zustellern hinterhergelaufen und habe sich eben eine eigenes Adressverzeichnis angelegt. So lautet zumindest die offizielle Version. Wolfgang Martin ist ein dynamischer 40-Jähriger mit Britpop-Frisur, der liebevoll "Käsblättle" sagt, wenn er von seinen Zeitungen spricht, und "kleine Familienmafia", wenn er seinen Verlag mit angeschlossenem Druckhaus meint. Er ist ganz begeistert von der "einmaligen, historischen Chance", die sich ihm in Speyer bot, während andernorts die Pressekonzentration zunimmt, die Großen die Kleinen schlucken. Da spricht auch Martin mal kurz von "Existenzangst" - und will bei der Gelegenheit, weil die Lokalzeitungsmacher in und um Speyer "irgendwo alle nicht unbekannt miteinander sind", noch angemerkt wissen, dass seine Morgenpost nicht angetreten sei, "um einen Monopolisten zu bekämpfen, sondern um dem Interesse der Speyerer Bürger Rechnung zu tragen". Wie es allerdings um dieses Interesse bestellt ist, durfte er schon sehr bald feststellen: Nachdem die Morgenpost der Einfachheit halber zunächst im selben Layout wie Martins Viernheimer Rundschau erschienen war, druckte die Zeitung wenig später eine große Eigenanzeige: "Wir haben verstanden!", hieß es da. Und kurz darauf gab es die Morgenpost in alter Tagespost-Optik: mit fünf Spalten, größerer Schrift und Lokalem in eigenem Buch. Viele, besonders ältere Leser, hatten sich beschwert.Halbe Redaktion, doppelte ArbeitFür die Redaktion bedeutet die Umstellung zuallererst: noch mehr Arbeit. Fragt man die Redakteure, was sich denn noch geändert habe, sagen sie: "Viel!" Dann aber fällt ihnen doch bloß ein, dass sie jetzt vor Microsoft-PCs statt Apple-Rechnern sitzen, oft mehr als zwölf Stunden lang, weil sie nun eben nur noch halb so viele sind wie früher, als sie noch für die Tagespost schrieben. Die blauen Lettern am Redaktionsgebäude werden wohl noch eine Weile hängen bleiben. Allerdings will sich Martin bei Gelegenheit darum kümmern, dass auch ein Morgenpost-Schild an die Fassade kommt. "Entsprechend den Denkmalschutzauflagen natürlich", wie er sagt.Mit kleiner Auflage Gewinn erzielen // Seit Janauar erscheint die Speyerer Morgenpost (Abo-Auflage: 4 700) in Konkurrenz zur Speyerer Rundschau (13 500), einer Lokalausgabe der Rheinpfalz. Ab 5 500 Abonnements soll das Blatt rentabel sein. Ihre Vorgängerin (5 700) machte angeblich eine Million Euro Verlust jährlich. Die MoPo beschäftigt 15 Angestellte, über 30 freie Mitarbeiter und 45 Zusteller. Ihren Mantelteil erhält sie vom Gießener Anzeiger.SPEYERER MORGENPOST/KLAUS VENUS Bald soll ein Schild am Redaktionsgebäude darauf hinweisen, dass aus Tagespost Morgenpost wurde.REPRO: BLZ Abo-Werbung in eigener Sache