Wer ist Tom Rakewell, der wohlgeratene Wüstling, den Igor Strawinsky und sein Librettist W. H. Auden 1951 zum Helden ihrer Oper "The Rake's Progress" machten? Entsprungen ist der junge Aufsteiger einer moralisierenden Folge von Kupferstichen des Engländers William Hogarth (1697-1764), Dichter wie Komponist haben ihn in ein Netz von Anspielungen versponnen, die von Don Giovanni über Orpheus bis zu Christus reichen. Als letzteren sah ihn Ingmar Bergmann in einer der berühmtesten frühen Inszenierungen. Der kanadische Theaterzauberer Robert Lepage verortete ihn jüngst in seiner Brüsseler Inszenierung als Vertreter der amerikanischen Filmindustrie. Deren monströser Apparat verkörperte dort jene trügerische Maschine, die in der Oper Steine in Brot verwandeln soll und Toms größenwahnsinnigen Traum von einem die Welt erlösenden Kapitalismus auslöst.Ein stilisiertes Amerika bildet am Freitag zur Premiere in Berlin auch den Hintergrund für Krzysztof Warlikowskis Inszenierung an der Staatsoper, die zwar einzelne Bilder wie Ikonen zeigt, der Cowboyhut, Indianerfederschmuck und Micky Mouse, zunächst einmal aber jede Bildlichkeit vertreibt. Die Leere der Bühne, durch riesige Videoprojektionen nur vergrößert, wirkt wie eine Dunstabzugshaube für die Gesten der Darsteller wie für die Fülle all des antiquarischen Plunders, den Strawinskys Musik so munter verquirlt. Enttäuschend winzig, und gleichzeitig im Video enervierend groß ist hier das Maschinchen, das unendlichen Reichtum produzieren soll: ein kleiner handgetriebener Fleischwolf, aus dem rote Masse quillt, in die wenigstens einer aus der Gesellschaft, die sich wie beim letzten Abendmahl um Tom gruppiert, probeweise den Finger steckt.Es ist aber gewissermaßen Kunst, die dieser Fleischwolf produziert, denn schließlich dient Hackfleisch ja vor allem zur Produktion eines Hamburgers, der vor allem dazu dient, zum Bild zu werden, ähnlich wie die Ketchupflasche. Das ist das traurige Drama des Künstlers, der sich die Dinge der Welt doch nur einverleibt wie ein guter Esser. So sitzt Nick Shadow, der teuflische Verführer, mehr gespiegelter Abgrund als Gegenspieler des Tom Rakewell, schon in der ersten Szene in einem trauten Vorstadt-Idyll mit blonder Andy Warhol-Perücke, aber noch ohne seine Factory-Gesellschaft, am Tisch der Familie Trulove wie ein guter alter Bekannter, der einsam einen Hamburger verdrückt. Ein an den Seiten projizierter Film verwandelt dieses Essen zur Performance, während Anne Trulove und Tom sich ihre sentimentalen Herzensschwüre zusäuseln und Vater Trulove wie eine undurchsichtige David Lynch-Figur Fürsorglichkeit mit sexuellem Missbrauch seiner Tochter zu verwechseln scheint.Diese zwielichtige Konstellation deutet sich noch einmal an, in der ebenso stillen wie erschreckenden Schlussszene, dem Familienbesuch in der Psychiatrie. Scheinbar geordnete Familienverhältnisse enthüllen sich als verlogene Deformationen der Liebe, der ausgeschlossene Künstler Tom verkörpert im Wahnsinn wenigstens Aufrichtigkeit.Von solcher Folgerichtigkeit hält die ansonsten konsequent Leerstellen aufreißende Inszenierung generell zwar eher wenig, doch wachsen gerade aus den wenigen Verdichtungen die stärksten Momente. Aus der ganz beliebig geratenen und kaum aus der Vorgeschichte motivierten Auktionsszene, einem Ausverkauf amerikanischer Kultursymbole, sticht die Versteigerung der Warhol-Perücke hervor, da anschließend der zuvor blonde Teufel Nick Shadow ohne Perücke schon irgendwie angeschlagen in der Friedhofsszene erscheint. Diese gerät trotz des ulkigen elektronischen Cembaloklangs zum musikalischen Höhepunkt des Abends. Die vorher überdimensioniert wirkende Donnerstimme von Gidon Saks berauscht sich geradezu an der verzweifelten Wut des waidwunden Teufels, und Florian Hoffmann als Tom, dem jenseits der gequälten London-Arie viele schöne Momente gelingen, ohne doch die Riesenpartie als ganze wirklich durchgestalten zu können, hält hier leidenschaftlich dagegen. Sängerisch am schärfsten profiliert aber ist die Anne der Anna Prohaska, die in den kalten Koloraturen beim Abschied vom Vater etwas Abwesendes, Traumatisiertes aufscheinen lässt, sich ebenso entschlossen in den Wirbel der Suche nach dem Geliebten stürzt, wie sie den bizarren Sprüngen trotzt, die Strawinsky ihr vor dem Eintritt in dessen höllisches neues Zuhause aufgebürdet hat.Und Anna Prohaska findet auch die intensivste Zwiesprache mit dem Orchester, das sich unter Ingo Metzmachers Leitung reaktionsschnell und präzise durch die buntscheckige Partitur bewegt. Unter die Zuhörer hat Warlikowski als fiktiven Ehrengast einen zweiten, gealterten Tom Rakewell platziert, dessen Blick die Kamera am Schluss noch einmal einfängt: Er ist hier nichts als der durch die Hölle gegangene Autor seiner eigenen Geschichte.-----------------------The Rake's Progress bis 29.12., Staatsoper, Bismarckstr. 110, T.: 20354555.------------------------------Foto: Unglücklich in Tom verliebt: Anna Prohaska beeindruckt als Anne Trulove.