Die Warnung hing gut lesbar am Eingang zum Tempodrom-Zelt: "Für Wasserspritzer auf Klamotten wird nicht gehaftet." Und das Publikum war vorbereitet. Ein Pärchen hatte sich Schutzkittel aus Müllsäcken gebastelt, andere klappten ihren Regenschirm auf. Aber am Ende war alles gar nicht so schlimm: Die üblichen Blutkübel blieben verschlossen, die obligatorischen Kettensägen kamen nicht zum Einsatz. Dennoch: Wo La Fura dels Baus draufsteht, ist Chaos drin. Der Zuschauer muß auf alles gefaßt und vor allem gut zu Fuß sein. Denn wer nicht rechtzeitig davonrennt, wird vom Bühnenzauber überrollt."Manes" ist die sechste Produktion der katalanischen Avantgarde-Truppe und die vierte, die im Tempodrom zu sehen ist. Nach den multimedialen High-Tech-Spektakeln "Noun" und "M.T.M." kehrt das Ensemble nun zu seinen Wurzeln zurück und zeigt rituelles, archaisches Theater. Die Technik wird auf ein Minimum reduziert. Nur die Musik, die sonst live gespielt wird, kommt diesmal vom Band. Die elektronischen Rhythmen geben den Takt vor und bilden einen scharfen Kontrast zu dem primitiven Bühnenakt.Neun knapp beschürzte Schauspieler, vier Frauen und fünf Männer, hocken wie Höhlenmenschen im Zirkusrund, werden zu Jägern und Sammlern, die im Publikum auf Beutejagd gehen, und schließlich zu Nomaden, die mit Fackelzügen durchs Tempodrom ziehen: eine kurze Geschichte der Zivilisation. Totempfähle werden aufgestellt, auf die die Darsteller klettern und sich gegenseitig herunterstoßen. Gemeinschaft entsteht erst durch ein Menschenopfer, das mit Federn bestäubt, mit Wasser bespritzt wird, bis man ihm einen schwarzen Hahn aus dem Schoß reißt.Am Ende werden die Totems mit Brettern verbunden. Man rüstet sich zum Turmbau zu Babel, der zwar nicht bis ins Himmelszelt, aber doch bis zur Zeltplane reichen soll. Dabei zerstreiten sich die Erbauer wie bekannt, und das fällt den Darstellern nicht schwer, denn tatsächlich spricht jeder von ihnen eine andere Sprache. Am Ende igeln sich die Darsteller in fünf riesenhafte Eier ein, wie Kontinente, auf denen man sich voreinander abschottet: Jedem sein eigenes Nest.Alle reden derzeit von Artaud, La Fura dels Baus setzt ihn um. Das "Theater der Grausamkeit" wird mit allen Mitteln erzwungen: Lichtspiele, Rhythmen, Ganzkörpereinsatz. Die "Kanalratten" (so die Übersetzung ihres Namens) haben dabei eine eigene Fura-Sprache entwickelt, die das Wort durch die Tat ersetzt. Sie arbeiten ohne Netz und Bühne. Und das Schauspiel wird dabei wieder zum naiv-neugierigen Kinder-Spiel. Zirkus und Konzert, Kreuzigung und Karneval: Sämtliche Vettern und Basen der Schau-Lust werden einbezogen und zu einer einzigen, ekstatischen Rave-Party gebündelt.Der Zuschauer ist dabei immer Teil der Performance und hat nur zwei Alternativen: sich auf den Feldherrenhügel zurückzuziehen, um den Überblick zu bewahren. Oder an vorderster Front im Schlachtgetümmel dabeizusein. "Manes" ist eine furiose Show, die von, mit und für den Körper geschrieben wurde, totales Theater, wie man's nur selten erlebt.Peter Zander Bis 22. 9., Di.-So., jeweils 20 Uhr. +++

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