Kaum hatte die Humboldt-Universität die Abwicklung der Keltologie beschlossen, bewies der Studiengang seine Lebenskraft mit einer explosiven Abschiedsvorstellung. Unter der Leitung der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Sabine Heinz hatten die Berliner Keltologen zu einer internationalen Konferenz geladen. Am Wochenende betrieb man historische Selbstreflexion und beleuchtete die dunkle Vergangenheit des Fachs in Deutschland. Spätestens nach den Erfahrungen von Auschwitz und Hiroshima könne nicht mehr zwischen der objektiven wissenschaftlichen Leistung und der persönlichen Schuld eines Wissenschaftlers getrennt werden, ließ Joachim Lerchenmüller von der University of Limerick in Irland verlauten, der mit seinem Buch "Keltischer Sprengstoff" für Furore gesorgt hatte.Bereitwillig selbst enthauptetEinleitend referierte Rüdiger vom Bruch, Geschichtsprofessor an der Humboldt-Universität, über das Verhalten der deutschen Hochschulen im Nationalsozialismus. Sein Vortrag war ernüchternd. Einen Widerstand der akademischen Lehranstalten habe es nicht gegeben. Vielmehr könne von einer Anpassungs-, Resistenz- und Nischengesellschaft gesprochen werden, die in einer Mischung aus Gleichschaltung und aktiver Formierung die "Selbstenthauptung des deutschen Geistes" betrieb. Das ist um so bitterer, weil Hitler bzw. die Nationalsozialisten sich kaum für die Universitäten interessierten. Eingriffe in die Verfassungs- und Ideengestalt der Hochschule kamen nicht allein von staatlicher Seite, sondern ebenso durch den massiven Druck der Studenten und Lehrenden zustande. Ein radikaler Bruch der deutschen Bildungstradition war das traurige Ergebnis dieser Haltung. Von Wilhelm von Humboldt bis Carl Heinrich Becker hatte Wissenschaft als "etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes" bzw. als "zweckloses Suchen nach der reinen Erkenntnis" gegolten. Im Nationalsozialismus stellte sich die Universität freiwillig propagandistischen Diensten zur Verfügung. Für die Keltologie läßt sich die politische Instrumentalisierung schon im Vorfeld des Dritten Reiches nachweisen.Belinda Albrecht von der Humboldt-Universität hat die Geschichte des Keltologen Rudolf Thurneysen verfolgt. In der Biographie des 1913 an das Seminar für Indogermanische Sprachwissenschaft in Bonn berufenen Wissenschaftlers gibt es zwischen 1914 und 1921 einen blinden Fleck. Informationen über seine Aktivitäten in diesem Zeitraum liegen kaum vor. Gesichert ist, daß er zwischen dem 4. und 6. Oktober 1916 in dem Gefangenenlager Köln-Wahn Lautaufnahmen von Kriegsgefangenen machte. Auftraggeber war die 1915 gegründete Phonographische Kommission, die mit ihrer Arbeit auch propagandistische Ziele verfolgte. So mündeten deren Lautaufnahmen in anthropologische Untersuchungen und Messungen. Die später von den Nazis vorangetriebenen rassenbiologischen Forschungen haben hier im Ersten Weltkrieg ihre Vorläufer. Aktives politisches Engagement des bis heute als politisch neutral geltenden Thurneysen sei nicht nachzuweisen. Ob seine Arbeit im Herbst 1916 durch rein wissenschaftliches oder politisches Interesse motiviert war, konnte nicht mehr ermittelt werden. Die ideologischen Zielsetzungen der Forschungen dürften aber auch ihm nicht entgangen sein. Im Dritten Reich übernimmt der Keltologe Ludwig Mühlhausen eine unrühmliche Rolle. Als Präsident der 1936 gegründeten Deutschen Gesellschaft für keltische Studien arbeitete er eng mit Himmlers Ahnenerbe zusammen, dessen fester Mitarbeiter er wurde.Besonders anfälligJede auf Nationalität bzw. Volkstum begründete Wissenschaft scheint besonders anfällig für politische und ideologische Vereinnahmungen zu sein. Will die Keltologie in Zukunft dem Fluch ihrer Vergangenheit entkommen, bleibt ihr nur die schonungslose Konfrontation mit dem eigenen Handeln. Sie kann dann nicht mehr allein im Ghetto reiner sprachwissenschaftlicher Forschung betrieben werden. Die Forderung nach einer Perspektiverweiterung stößt aber nicht bei allen Kollegen auf offene Ohren. Die zahlreichen aus dem In- und Ausland nach Berlin gereisten Wissenschaftler gaben jedoch Anlaß zur Hoffnung. Um so bedauerlicher ist es, daß die Keltologie aus Bonn nicht vertreten war. Die Keltologen der Humboldt-Universität jedenfalls haben ihre Chance genutzt vielleicht zum letzten Mal.