Das Mädchen An ist ungeduldig, weil der Lehrer nicht gleich zur Sache kommt. Es ist kurz vor 12 Uhr: Profilkurs Mathematik, die Vorbereitung auf den Leistungskurs im Abitur. Das 17 Jahre alte Mädchen bereitet einen Vortrag vor, über mathematische Erkenntnisse, die die Welt veränderten. Jetzt will sie offene Fragen besprechen, damit sie und Mitschüler Thang die anderen fehlerfrei unterrichten können. Für An ist selbstverständlich: Der Vortrag muss perfekt sein.Ngoc An Nguyen und der 16-jährige Thang Vu Duc besuchen die 11. Klasse des Barnim-Gymnasiums in Falkenberg. Ihre Eltern kommen aus Vietnam, so wie die Mütter und Väter von 136 anderen Kindern dieses Gymnasiums. 17 Prozent der Kinder an der Schule sind nichtdeutscher Herkunft, davon 75 Prozent aus Vietnam. Ihr Anteil steigt. In der siebten Klasse sind ein Drittel der Kinder vietnamesischer Herkunft. Und die sind in der Regel die Besten ihrer Klassen.Keine andere Einwanderergruppe kann in der zweiten Generation mit solchen Schulerfolgen aufwarten. Etwa 50 Prozent der vietnamesischen Kinder schaffen es in Deutschland aufs Gymnasium, in Brandenburg sind es sogar 74 Prozent. Damit sind sie ihren deutschen Mitschülern weit überlegen - von Kindern anderer Einwanderergruppen ganz zu schweigen. Erst im Januar löste eine Studie, die sich mit der Integration von Migranten beschäftigte, heftige Debatten aus. Die Erkenntnis, dass nur 14 Prozent der türkischstämmigen Einwanderer Abitur machen und 30 Prozent ohne Schulabschluss bleiben, gilt als Beleg für schlechte Integration. Türkischstämmige Kinder gelten als Sorgenkinder, auch wenn das pauschal längst nicht zutrifft.An und Thang haben mit der Schule keine Probleme. Im Gegenteil. Aber als sie ihre schulischen Leistungen einschätzen sollen, müssen sie erst mal eine Gegenfrage stellen. "Unter Deutschen oder unter Vietnamesen?", möchte An wissen. "Unter Deutschen bin ich richtig gut", sagt sie, Notenschnitt 1,9. Unter Vietnamesen sei das aber höchstens Mittelmaß. "Die Erwartung ist 1,0", sagt Thang. Er hat 2,1 zu bieten und verzieht entsetzt das Gesicht, als erst versehentlich 2,6 notiert wird. 2,2 - das würden seine Eltern gerade noch mitmachen. "2,6 das wäre fatal", sagt er.Ans Eltern haben ein Blumengeschäft, die von Thang eine Gaststätte. Beide kamen in den 80er-Jahren in die DDR. Ihre Kinder sehen ihre Zukunft nicht im Dienstleistungssektor. "Ich will studieren, Mathematik oder Physik", sagt An und blickt Thang auffordernd an: "Du doch auch, oder etwa nicht?" Thang lächelt: "Ja, natürlich." Detlef Schmidt-Ihnen, der Rektor am Barnim-Gymnasium, kennt dieses Zielstreben aus Gesprächen mit vielen Schülern. "Aus der Lehrersicht betrachtet, sind die vietnamesischen Kinder pflegeleicht, kaum Probleme, leistungsorientiert, kein Gewaltstress", sagt er.Eltern sprechen kaum DeutschSchwierig sei die Kommunikation mit den Eltern. An und Thangs Eltern können Deutsch, die Mehrheit der vietnamesischen Eltern spreche jedoch kaum oder gar nicht die Sprache jenes Landes, in dem sie seit Jahrzehnten leben. Die Schule veranstaltet deshalb Elternabende mit vietnamesischem Dolmetscher. Jeden Freitag kommt eine vietnamesische Sozialpädagogin, um mit Schülern, Eltern, Lehrern Probleme zu besprechen. Schmidt-Ihnen spricht von einer vietnamesischen Parallelgesellschaft und von Kindern, die in zwei Welten leben. "Zu Hause der Ahnentempel und vietnamesische Nachrichten, hier deutsche Freunde und Hip-Hop-Musik", sagt Schmidt-Ihnen.Aber warum sind sie dann so gut? Aus unzähligen Integrationsdebatten folgte doch immer wieder die Erkenntnis, dass gute Deutschkenntnisse im Elternhaus mitverantwortlich für die Schullaufbahn der Kinder sind. "Ich möchte, dass meine Kinder gut sind in der Schule. Alle vietnamesischen Eltern wollen das", sagt Thangs Vater. Er hat noch eine ältere Tochter, die studiert, und einen Sohn, der bald aufs Gymnasium kommen soll. "Wir Eltern wollen, dass unsere Kinder es besser haben als wir", sagt er und man fühlt sich an die deutsche Elterngeneration der 50er-Jahre erinnert. Er müsse jeden Tag länger als acht Stunden arbeiten, um über die Runden zu kommen, sagt Thangs Vater: "Nur wenn man gut lernt, kann man mehr erreichen."So einfach ist das? Die Eltern und ihre Einstellung hält Schuleiter Schmidt-Ihnen tatsächlich maßgeblich für den Erfolg verantwortlich. "Bildung hat einen hohen Stellenwert bei vietnamesischen Eltern. Sie sind unheimlich hinterher, dass ihre Kinder gebildet werden", so Schmidt-Ihnen. Der Lehrerberuf sei hoch angesehen in Vietnam. "Bildung ist für vietnamesische Eltern wichtig, sie wollen, dass ihre Kinder einen guten Beruf erlernen", sagt auch An. Ihr geht es ja selbst nicht anders. Sie geht so gern zur Schule, dass sie im Herbst sogar auf die Teilnahme an der Matheolympiade verzichtete, weil sie keinen Schulunterricht versäumen wollte. So begründete sie jedenfalls bei Schmidt-Ihnen ihre Absage."Was für Deutsche das dicke Auto vor der Tür ist, ist für Vietnamesen der Schulerfolg", sagt Karin Weiss, Brandenburgs Integrationsbeauftragte, eine Expertin für vietnamesische Familien. Also: Bildung statt BMW. In ihrem Hause wurde im Herbst 2008 eine Studie veröffentlicht, die die Erfolge und die Motivation untersuchte. Die Familien seien bildungsfördernd und auch -fordernd eingestellt. "Da wird der letzte Cent dafür investiert", sagt Karin Weiss.Schulleiter Schmidt-Ihnen weiß allerdings auch, wohin das führen kann: Bildungsdruck. Es wurden schon Arztatteste gefälscht, um sich vor Tests zu drücken. "Ich habe mal einen Schüler zur Rede gestellt, der eine Lehrerin bedroht hatte. Ich habe gesagt, dass ich die Polizei informieren werde", so Schmidt-Ihnen. Da sei der Schüler auf die Knie gefallen und habe gebettelt, das nicht zu tun. So etwas hatte Schmidt-Ihnen noch nicht erlebt. "Schule muss nach vietnamesischer Vorstellung mit Druck einhergehen", sagt Elena Marburg, Marzahn-Hellersdorfs Integrationsbeauftragte, "die Kinder lernen für ihre Eltern - aus Dankbarkeit". Ein Buch nur zum Vergnügen zu lesen, sei nach ihrer Vorstellung vertane Zeit. Elena Marburg findet das bedenklich. Thangs Vater ist anderer Meinung. Man spürt, wie stolz er auf seine Kinder ist, aber er sagt: "Thang will auch Sport machen, aber ich sage, erst mal lernen, dann Sport." Elena Marburg denkt viel über diese Kinder nach: "Ob wir sie in Deutschland halten können mit ihren guten Bildungsstandards?" Für An ist das geklärt. Sie sei zwar Vietnamesin, "aber meine Zukunft sehe ich in Deutschland", sagt sie.------------------------------Foto: Lernen fürs Leben, weil die Eltern es so wollen und weil es auch Spaß macht: Thang und An (Mitte) in ihrem Mathematikkurs.