Aus dem Stand fast neun Prozent Wählerstimmen für die Piratenpartei! Mehr Sitze im künftigen Abgeordnetenhaus als ernsthafte Anwärter vorhanden! Wer da nicht "Ist ja irre!" ausgerufen hat, wird wohl auch nicht überrascht sein, wenn seine Frau plötzlich drei Meter groß geworden ist.Nun kann man sich fragen: Was ist das für eine unernste Stadt, die neun Prozent ihrer Stimmen solchen Anfängern gibt? Kann denn noch ein Spaß genannt werden, was man jetzt fünf Jahre lang ernst nehmen muss? Ja, man sollte es ernst nehmen und hätte es viel früher tun müssen aufseiten der Linken und Grünen. Obwohl das Internet von Beginn an geradezu romantische Visionen einer neuen, gerechteren Welt beflügelt hat, haben sich Linke und Grüne nie mit den politischen Potenzialen des Netzes beschäftigt. Wissen für alle ist Macht für alle - solche Parolen überließen sie obskuren Hackern. Die Piraten dagegen sind Kinder von Marx und Microsoft, die sich von beiden zu emanzipieren versuchen. Es ist die einzige Partei, die auf das Faszinosum des Internets eine andere politische Antwort hat als Misstrauen und Kontrollbedürfnis. Ihr Erfolg rührt daher, dass sie die euphorischen Gesellschaftserfahrungen, die viele mit dem Internet machen, in ein, wenn auch diffuses, politisches Programm überführen.In ihrem Namen führt die Partei den etwas kindischen Kern ihres Programms: im Weltmeer des Internets nach Belieben jagen zu können und Beute zu machen ohne zu bezahlen. So wie das Meer mitsamt allem, was darauf herumschwimmt, in Piratenaugen für alle da ist, die gut fechten können, erscheint vielen heute das Internet. Man hat sich daran gewöhnt, gratis herunterzuladen, was den Produzenten viel Mühe, Zeit und Geld gekostet hat. Vielen wird es schlicht geraubt, andere geben freiwillig ihr Wissen und ihre Arbeit her, wie etwas die rund 10 000 Wikipedianer, die sich um die Pflege dieses Netz-Lexikons kümmern. Sie folgen wie unzählige andere dem sozialen Lockruf des Netzes, wo eine egalitäre Gesellschaft erstaunlicherweise vor allem eins macht: Spaß.Share, das englische Wort für Teilen, ist eines der am häufigsten gebrauchten Worte der Netz-Euphoriker. Sie teilen ihr Wissen, ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen mit schlechten und guten Hotels, ihre Film- und ihre Plattensammlung. Sie teilen ihre Vorlieben und Abneigungen, ihren Zorn, ihren Spott, ihre Wünsche für ein gutes Leben. Communities, soziale Netzwerke, Freunde - das digitale Netz steckt voller sozialer Idyllen, die zu den realen Geschäftsverhältnissen dort schlecht passen. Das Netz stellt aber ein neues, natürlich auch trügerisches Gefühl für Gemeinschaft her, dass nicht nur auf Ägypten und den Iran Auswirkungen hat, sondern auch auf das politische Leben hier. Stuttgart 21 war ein Fixpunkt dieser allmählichen Wandlung im Verhältnis von Bürger und Politik, der Erfolg der Piratenpartei wird es ebenfalls sein.Beim Herunterladen von Filmen und Musik, der modernen Urszene des Piratentums, geraten Massen von Jugendlichen mit dem Gesetz in Konflikt, nicht weil sie an einem Übermaß an krimineller Energie leiden, sondern weil die Technik es sinnvoll erscheinen lässt. Mit dem illegalen Verkoppeln ihrer Rechner zu Tauschbörsen praktizieren die Downloader eine Art technologischen Kommunismus: Sie schließen die Festplatten ihrer PCs zu einem gesellschaftlichen Mega-Archiv zusammen, bei dem jeder Teilnehmer zugleich nimmt und gibt. Munter wechseln die Datenströme hin und her; jeder ist Sender und Empfänger zugleich, Teilnehmer und Nutzer des potenziell schlauesten Archivs der Welt. Der Nachteil: es passt nicht in die herrschenden Eigentumsverhältnisse, entlohnt nicht die Urheber geistigen Eigentums und ist deshalb komplett illegal.Wie aufregend müsste es für die traditionelle Linke sein, sich diesem Phänomen zu widmen: Die Technik übersteigt den Begriff des Privateigentums! Karl Marx hätte seine helle Freude an dem Phänomen gehabt. Bei den Linken von heute herrscht dagegen Desinteresse an grundsätzlichen Fragen: Sie haben das Feld den Piraten überlassen und raufen sich nun die grauen Haare.Die Piraten haben noch das Privileg der Kinder, an ihren Fragen gemessen zu werden, nicht an ihren Antworten. Wie die Künstler, Verleger und Autoren gerecht entlohnt werden sollen, wenn das Kopieren ihrer Werke jedem frei steht, dafür haben sie keine ausgereiften, nur pauschale Vorstellungen. Aber sie stellen anhand der neuesten Technik unbefangen sehr alte Fragen, die den Erwachsenen nach dem Zusammenbruch des Sozialismus über so viele quälende Stufen peinlich geworden sind. Ihren Wählern sind sie es nicht.------------------------------Wie aufregend müsste es für die traditionelle Linke sein, sich diesem Phänomen zu widmen: Die Technik des Internets übersteigt den Begriff des Privateigentums!Karikatur: In uns allen steckt ein Pirat!