Wirklich nur eine Kinderkrankheit?Über zehn Monate war der Verfasser des folgenden Artikels als französischer Lektor an der "Freien" Universität Berlin tätig. Als Augenzeuge bestätigt er in vielem die Meinung über dies sonderbare Institut. Er bestätigt, dass es sich um ein lebensunfähiges Gebilde voll innerer Widersprüche, um eine Brutstätte der Intoleranz handelt, ohne Zukunft, ohne wissenschaftliches Niveau. Nicht mit allen Thesen Claude Lanzmanns erklären wir uns einverstanden. Es ist aber seit je ein Prinzip unserer Zeitung, dass wir auch Menschen, die andere Meinungen vertreten, hier gern Raum gewähren, sofern sie nur aufrichtig die Wahrheit suchen, sofern ihnen an einer friedlichen Weiterentwicklung der Menschheit gelegen ist. Die Redaktion, 6. Januar 1950------------------------------Ich danke der Berliner Zeitung, dass sie diesen Text zur Veröffentlichung angenommen hat, ohne ein Wort an ihm zu ändern. Man braucht nur diesen Text zu lesen, um sofort zu verstehen, dass er ursprünglich nicht für eine Zeitung des Ostsektors bestimmt war, um zu verstehen, dass sein Verfasser nicht Kommunist ist. Der Verfasser hat seine Gedanken mit voller Überlegung ausgesprochen in der Verantwortung vor dem, was er für die genaue Wahrheit hielt. In Anbetracht seiner Funktionen, seiner Nationalität und des behandelten Themas schien es ihm natürlich, diesen Artikel einer Zeitung des Westsektors anzubieten. Mit diesem Ziel hat er sich naiverweise an die Redaktion des "Kurier" gewandt und hat seine Fühler auch bei den anderen westlichen Redaktionsstuben ausgestreckt. Diese Bemühungen sind ohne Resultat geblieben. Die deutsche Redaktion des Kurier war mit der Veröffentlichung einverstanden, aber der französische de facto-, wenn nicht de jure-Zensor des "Kurier", hat sich kategorisch dagegen ausgesprochen. Voltaire hat uns gelehrt: wenn man der Wahrheit nicht in seinem eigenen Lande zum Durchbruch verhelfen kann, muss man versuchen, sie anderswo zu sagen.Claude LanzmannFranzösischer Lektor an der "Freien Universität" Berlin. Mitglied der französischen Kulturmission in Deutschland vom 1. Februar 1949 bis zum 20. Dezember 1949.----Die Freie Universität Berlin ist jetzt ein Jahr alt. Sie ist aus den Kinderschuhen heraus, aber sie erreicht nur schwer den Augenblick, der das vernünftige Alter aller Revolutionen ist, wo die Minderheit, die als Siegerin nunmehr zur Mehrheit geworden ist, eine neue Legalität einführt und den Beweis erbringt, dass sie zur Selbstkritik im Stande ist.Immerhin haben die Ereignisse dazu geführt, die Stellung dieser Universität endgültig zu festigen: So ist sie, was ihre Zahl anbetrifft, im Augenblick im Begriff, die wichtigste Universität Berlins zu werden.Es scheint also, dass die Gunst des politischen Augenblicks der Freien Universität zugleich mit der äußeren Stärke auch die Möglichkeit gebracht hätte, über sich selbst kritisch nachzudenken und endgültig die Zeit des Kindergestammels zu überwinden. Ein Jahr Lehrtätigkeit hat uns jedoch überzeugt, dass dem nicht so ist. Im gegenwärtigen Augenblick muss man ganz objektiv feststellen, dass die Freie Universität nicht mit vollem Recht den Namen einer Universität verdient und noch nicht würdig ist, eine so große Anzahl von Studenten in ihren Mauern zu zählen. Dieser Mangel, der vielleicht zu einem dauernden Zustand wird, liegt unserer Meinung nach an der besonderen Art ihrer Entstehung.Der Anstoß kam von außenIn dem Wettlauf um das gute Gewissen, der in Berlin täglich hitziger wurde, bürgerte sich auf der einen wie auf der anderen Seite ein lebhafter Verschleiß von symbolischen Handlungen und Worten ein, wobei der Aufstand der Universität an erster Stelle stand. Die damit entrollte Fahne hätte an sich eine stark humanistische Bewegung um sich scharen können, der es mehr um eine friedliche intellektuelle Arbeit zu tun gewesen wäre, als um politische Auseinandersetzungen. Es hätte dieses Symbol starke Gefühlswerte an sich reißen können und in den Augen der Welt den Kampf der geistigen Kräfte gegen die Intoleranz darstellen können.Die Wirklichkeit jedoch hat sich nicht so rein darstellen können. Der Aufstand ist nur teilweise gelungen, und es ist gerade dieser halbe Erfolg (oder dieser halbe Misserfolg!), der ganz und gar die Zukunft der Freien Universität bestimmt und ihr gegenwärtiges Gesicht vorbereitet hat. In Wirklichkeit hat die Berliner Universität niemals Revolution gemacht: Die Professoren haben niemals ihren Lehrstuhl aufgegeben und die Studenten aufgefordert, ihnen zu folgen. Niemals hat die Bewegung den Charakter einer gemeinsamen Aktion und einer vollkommenen Ablehnung gehabt. Die "Erhebung" - und das ist der entscheidende Punkt - ist nicht innerhalb der Universität selbst zustande gekommen, sondern der Anstoß kam im Gegenteil von außen. Der Zeitablauf der Ereignisse spricht eine deutliche Sprache: Die Universität ergreift Maßnahmen zum Ausschluss einer kleinen Zahl von Studenten, die Artikel verfasst hatten, in denen die Leitung der Universität und die Methoden, die dort von der sowjetischen Militärverwaltung eingeführt waren, angegriffen werden. Daraufhin startet das "Colloquium", ein Organ der Studentenschaft, eine heftige Pressekampagne, die vom "Tagesspiegel" unterstützt wird und die Schaffung einer Freien Universität verlangt. Es bildet sich ein kleiner Ausschuss, der die Initiative des "Colloquium" aufgreift. Der Ausschuss setzt sich aus ehemaligen Mitgliedern der Lehrkörper zusammen, die inzwischen zum Journalismus übergegangen waren (wie Professor Redslob vom "Tagesspiegel" oder Professor Dovifat) oder zur Politik (wie Professor Landsberg und Professor Reuter), die aber zu dieser Zeit in keiner Weise der Universität angehörten. Schließlich wird dieser Ausschuss vom Westmagistrat beauftragt, die Statuten der neuen Körperschaft auszuarbeiten.Der Wurm in der FruchtIn der Tat war die ganze Angelegenheit wesentlich eine politische, da die Berliner Situation in der damaligen Zeit derart war, dass schon die geringste Initiative dieser Art den Westmagistrat und die amerikanische Militärregierung vor eine Entscheidung stellte. Die Idee, eine Freie Universität zu schaffen, wäre undenkbar gewesen ohne die Existenz zweier Stadtverwaltungen. Die eigentliche Schwierigkeit, der die Organisatoren zu begegnen hatten, besteht darin, dass sie ohne eigentliche wissenschaftliche Voraussetzungen dastanden. Und so kam es dann auch. Die studentischen Zwischenfälle in der Universität hatten innerhalb des Lehrkörpers keinen solchen Widerhall gefunden, der geeignet gewesen wäre, den Status quo umzustürzen oder eine radikale Änderung der Lage ins Auge zu fassen. Sie hatten bei dem Lehrkörper keineswegs einen organischen und entschlossenen Willen zum Handeln hervorgerufen. Nach einer kurzen Zeit des Zögerns entschloss sich der gesamte Lehrkörper der philosophischen Fakultät nichts zu unternehmen. Die Professoren westdeutscher Universitäten, denen man Lehrstühle angeboten hatte (wie der Romanist Schabt aus Köln oder Heß aus Heidelberg und andere), lehnten ebenfalls abDie Gründe dieses Misstrauens sind klar und genau: Zweifel an der beruflichen Qualifikation der Gründer, traditionelle Anhänglichkeit an die Humboldt-Universität, innere Ungewissheiten der Freien Universität, die, wenn man so sagen darf, das Pferd am Schwanz aufgezäumt hatte. Die Freie Universität erschien den Professoren auf lange Sicht als ein ungewisses Unternehmen, das zwangsläufig an eine Politik gekettet war, deren Folgen man nicht voraussehen konnte. Immerhin bleibt die Tatsache bestehen, dass sich die Freie Universität mit und trotz dieser schweren Belastung gebildet hat. Sie hat in aller Eile einen Lehrkörper auf die Beine gestellt, dessen Jugendlichkeit und Aktivismus schwerlich das niedrige berufliche Niveau hat ausgleichen können: die Assistenten der Professoren der Humboldt-Universität wurden mit offenen Armen aufgenommen, Vorlesungen wurden einfachen Inhabern des Doktortitels anvertraut, mit Zustimmung der Amerikaner wurden ehemalige Mitglieder der NSDAP angenommen. Die wirklichen Professoren, wie der Germanist Kunisch, der Philosoph Leisegang, der Anglist Hübner, der Mathematiker Dinghas, waren glückliche Ausnahmen, denen gegenüber ihre Kollegen - Journalisten, Literaten, Kunstliebhaber und verschiedene Freischärler des Geistes - in ihrer frisch erworbenen Würde als Professoren ein schlechtes Gewissen nicht los wurden. Indessen gab es kategorische Imperative, die erforderten, dass man eine große Zahl von Lehrenden zusammenbrachte und vor allem dass man sich die Anerkennung als Universität erwarb. In diesem Zusammenhang muss man den Lärm verstehen, der um den Beitritt des Geheimrats Meinecke gemacht wurde, von dem der "Tagesspiegel" triumphierend schrieb, "dass er die Freiheit gewählt habe". Mehr noch als ein Symbol für den Humanismus war er ein Symbol der Universität schlechthin. Diese Zweideutigkeit der Situation findet ihren entsprechenden Ausdruck in der eigentümlichen Mischung von marktschreierischer Aufmachung und Schweigen, von der die ersten Lebensäußerungen der Freien Universität begleitet waren. Offiziell redete man sich in eine fast revolutionäre Begeisterung hinein, aber zugleich schrieb man: "Mit den Vorlesungen wird begonnen ohne Orgelklang und Intrada, ohne jedes Festefeiern". ("Der Tag" vom 16. November 1948). Für den, der den traditionellen Pomp deutscher Universitätsfeierlichkeiten kennt, muss dieser plötzliche Lobpreis der Tugend der Bescheidenheit überraschend erscheinen. Aber er erklärt sich sehr schnell, wenn man sich bewusst wird, dass darin einfach ein Minderwertigkeitskomplex zum Ausdruck kommt. Das ist der wirkliche Grund des Fehlens jeder Feierlichkeit und nicht, wie man sich bemühte, glauben zu machen, der Versuch, Gebräuche des amerikanischen Geisteslebens im deutschen Universitätsleben einzuführen. Der beste Beweis dafür ist der, dass sich die Freie Universität beeilt hat, die alten deutschen Universitätsgebräuche wieder zu übernehmen, sobald sie sich etwas gefestigter fühlte.Sagen wir es ohne alle Leidenschaft: Wenn die Freie Universität nicht eine kleine und mittelmäßige Provinzuniversität werden will, wenn sie sich in die Annalen der großen deutschen Universitätstradition einschreiben und ihren Studenten eine wirkliche Bildung vermitteln will, die Achtung abnötigt, so muss sie in Kürze eine grundlegende Reform verwirklichen.Nur um diesen Preis wird sie Professoren finden, die eine Lehrtätigkeit ausüben, die dieses Namens wert ist und wird sie Studenten haben, die mehr wünschen, als Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen, wie es bei vielen der Fall ist.------------------------------Ein Dokument von 1950In der Berliner Zeitung vom 6. Januar 1950 erschien dieser kritische Text über die Freie Universität. Es ist ein frühes Dokument des Kalten Krieges. Die FU war im Dezember 1948 im amerikanischen Sektor gegründet worden. Ein Anlass war die Unterdrückung oppositioneller Studenten an der heutigen Humboldt-Universität. Einigen war die Studienerlaubnis entzogen worden, andere wurden gar in die Sowjetunion verschleppt. Der Autor des Beitrags, Claude Lanzmann, heute weltberühmter Filmemacher und Produzent, lehrte als Lektor an der FU. Er hatte zuvor vergebens versucht, seinen Text im Westteil der Stadt zu veröffentlichen. Wir dokumentieren seinen Beitrag und den damals erschienenen redaktionellen Vorspann der Berliner Zeitung, beides in einer gekürzten Fassung.Die Redaktion, 22. Januar 2009------------------------------Den gesamten Text können Sie im Internet lesen: www.berliner-zeitung.de/magazin------------------------------Foto: Professor Edwin Redslob, Vizerektor der Freie Universität Berlin, gibt seine erste Vorlesung in Kunstgeschichte am 15. November 1948, noch vor der offiziellen Eröffnung der Uni.