Warum nicht Fernsehen?" fragt sie mit gespielter Unbefangenheit: "Was ist so schlecht daran?" Aber nach ausführlichen Auslassungen über die Vorzüge des Mediums entschlüpft ihr dann doch ein verräterischer Satz: "Natürlich will ich keine TV-Regisseurin werden." Und setzt noch eins drauf: "Weiß Gott nicht."Margarethe von Trotta, Deutschlands einzige Autorenfilmerin von Rang, hat nach zehn Spielfilmen in zwanzig Jahren ihren ersten Fernsehfilm gedreht: "Winterkind", eine Produktion der Colonia Media, die heute in der ARD ausgestrahlt wird. Kein Wunschfilm, sondern eine Auftragsarbeit, bei der auch das Drehbuch (Nicole Houwer) schon fertig war, während die Trotta sonst stets am Skript mitschreibt. Für das Drehen hatte sie ganze 25 Tage Zeit ­ weniger noch als bei ihrem ersten eigenen Film "Das zweite Erwachen der Christa Klages". Und auch das Budget war deutlich schmaler, als es die Filmemacherin gewohnt ist."Ich mußte was machen"Sie betrachtete die Arbeit deshalb vor allem als eine Herausforderung an ihre Professionalität. Natürlich, so versichert sie, "würde ich nichts machen, was mir nicht gefällt, da könnte ich noch so sehr am Hungertuch nagen". Aber die pekuniären Zwänge waren halt doch entscheidend: "Ich habe zwei Jahre lang nicht gearbeitet. Ich mußte was machen."Eigentlich wollte die Trotta einen ganz anderen Film inszenieren: "Die Frauen aus der Rosenstraße", ein historisch verbürgtes Drama um das jüdische Gemeindehaus unweit des Berliner Alexanderplatzes. Hier wurden im Dritten Reich jüdische Männer aus sogenannten "Mischehen" kaserniert, bis deren "arische" Gattinnen eine Woche lang auf die Straße gingen und Goebbels, einen Skandal fürchtend, die Männer freilassen mußte. Der Film sollte in Babelsberg gedreht werden, mit Trottas Exmann Volker Schlöndorff als Produzent. Zwei Jahre gingen für die Vorarbeiten ins Land. Doch am Ende kamen die nötigen Gelder nicht zusammen. Die Trotta findet es "schlimm, daß sich die Deutschen momentan so wenig für ihre Geschichte interessieren". Resignieren will sie nicht: "Ich glaube, ich bin zu alt, um mich dadurch verbittern zu lassen."Immerhin bot ihr der WDR, der sich an dem Kino-Projekt als Co-Produzent beteiligen wollte, das "Winterkind" an, ein Familiendrama. Nach sieben Jahren Straflager will eine Russin (Susanna Simon) ihren Sohn aus dem Waisenhaus holen, doch der wurde ohne ihr Wissen zur Adoption freigegeben. Sie sucht ihn in Deutschland ­ und findet ihn bei seinem leiblichen Vater Michael (August Zirner). Dessen Frau (Lena Stolze) erfährt erst durch die Fremde von der Identität ihres Adoptivsohnes und der Affäre ihres Mannes. Es beginnt ein Kampf zweier Rivalinnen um einen Mann und ein Kind. Die Trotta wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht auch in diesen Stoff Persönliches eingebracht hätte. Wie in all ihren Filmen geht es um das Spannungsverhältnis ungleicher Frauen. Da auch ihre Mutter aus Moskau stammte, baute die Regisseurin den russischen Hintergrund der Story aus. Außerdem hat sie selbst eine Halbschwester, die nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde: eine Tatsache, die sie erst nach dem Tod der Mutter erfuhr. "Ich hatte immer ein sehr gutes Verhältnis mit meiner Mutter", so die 55jährige: "ich weiß bis heute nicht, warum sie mir das verheimlicht hat." Immer wieder rieten ihr Freunde, diese Geschichte aufzuschreiben. Einmal hat sie es versucht. Doch nach 80 Seiten verlor sie das Manuskript und deutete dies als Zeichen.Auch "Das Winterkind" will sie nun nicht als umgebogene Autobiographie verstanden wissen. Vielmehr interessierte sie "die Tatsache, daß in den ersten Jahren nach der Wende viele Kinder aus den Ostblockländern quasi in den Westen verkauft wurden". Leider erzählt der Film das nicht. Es ist ja der leibliche Vater, der sein Kind zu sich holt, und so verkümmert die soziopolitische Dimension zur privaten Dreiecksgeschichte, die nach bewährter TV-Manier abgespult wird. Immerhin ohne reißerischen Showdown und ohne die Charaktere zu verraten, aber dafür mit einem versöhnlichen Ende, das auch nicht sehr realitätsnah erscheint.In der Vergangenheit hat Margarethe von Trotta immer wieder Reizthemen aufgegriffen: den Terrorismus in "Die bleierne Zeit", die Mafia in "Zeit des Zorns", die deutsche Wiedervereinigung in "Das Versprechen". Für derartige Projekte gibt·s im Kino kein Geld mehr und im Fernsehen keine Quote. Es mag deshalb kein Zufall sein, daß Lena Stolze sich in einer Szene des TV-Films einen Spielfilm im Fernsehen ansieht. Es ist "Die Fälschung" von Schlöndorff, nach einem Drehbuch von Margarethe von Trotta. Da verrät sich die Sehnsucht nach dem Autorenkino von einst, als man noch große Stoffe erzählen konnte.Jetzt sind erst mal zwei weitere Projekte für den WDR geplant. Trotta: "Ich überwintere beim Fernsehen."Winterkind, 20.15 Uhr, ARD

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