BERLIN. Steffen Barsch hat diesen Tag nicht vergessen: Er fuhr auf der Hauptstraße, auf seinem Motorrad, er hatte Vorfahrt. Da preschte aus der Nebenstraße ein Auto. "Dann bin ich ein bisschen durch die Luft gesegelt und habe noch so an mir runtergeguckt", sagt Barsch. Er war noch bei Bewusstsein damals, er stand unter Schock. "Ich habe den Unterschenkel da so liegen sehen und dachte: komplizierter offener Unterschenkelbruch." Die Diagnose stimmte, erstmal. Aber nach einer Woche wurden seine Zehen schwarz. Barschs linker Unterschenkel musste amputiert werden. Die Operation war nicht das Ende seiner Sportlerkarriere. Sie war gewissermaßen der Anfang.Im September führt Barsch (40) die deutsche Sitzvolleyball-Nationalmannschaft als Kapitän zur Europameisterschaft in Ungarn. Er und sein Team müssen das Turnier gewinnen, um sich für die Paralympics 2008 in Peking zu qualifizieren; werden die übermächtigen Bosnier Europameister, genügt Rang zwei. Am Donnerstag tritt das deutsche Team beim International Paralympic Day in Berlin zu einem Showkampf gegen die Bosnier an, am Sonnabend dann zu einem ernsthaften Duell bei einem Turnier im Sportforum Hohenschönhausen (Lilli-Henoch-Halle, ab 9 Uhr).Barsch hat auch vor seinem Unfall, als Kind und Jugendlicher, Sport getrieben, Fußball, Handball, Volleyball. "Ich war so ein Ballverrückter. Überall, wo was über die Straße gerollt ist, war ich nicht weit weg." Nationalspieler jedoch wurde er erst mit seiner Behinderung.Die Geschichte von Barsch erzählt von den kleinen und großen Sorgen des Sitzvolleyballs. Die kleinen spürt Barsch nach jedem Spiel: Seine Hosen scheuern durch. So schnell rutscht er mit ihnen über den Hallenboden, dass sie bald geflickt werden müssen. "Dazu habe ich eine ältere Dame, die nennt sich Mutter", sagt Barsch. "Die macht das ganz gut." Sie sorgt dafür, dass die Hosen zwei, drei Jahre halten.Schnupperkurse in SchulenDie großen Sorgen seines Sports lassen sich daran ablesen, dass Barsch, der Zuspieler des SV Berliner Brauereien, im Nationalteam nicht der einzige Routinier ist. Etliche Spieler sind deutlich älter als 30 Jahre. Die Sitzvolleyballer haben ein Nachwuchsproblem. "Es ist sehr schwierig, Talente zu bekommen", sagt Bundestrainer Martin Blechschmidt. "Das Problem ist, dass Sitzvolleyball vollkommen unbekannt ist." Als idealen Spieler stellt er sich einen Volleyballer vor, der durch einen Unfall zum Sitzvolleyballer wird. Aber wo gibt es den?In Bosnien, wo die besten Sitzvolleyballer spielen, wird der Nachwuchs besser gefördert. Zudem, berichtet Barsch, sind dort viele Spieler arbeitslos, bekommen Unterstützung von der EU und trainieren häufiger als ihre Konkurrenten. Der wichtigste Grund für die Dominanz der Bosnier aber ist ein trauriger. "Hört sich sicher doof an, soll auch nicht so klingen", sagt Barsch. "Aber erschienen auf der Bildfläche im Sitzvolleyball ist die Mannschaft das erste Mal nach dem Krieg dort." Auch Bundestrainer Blechschmidt meint seine Anmerkung zu Bosnien nicht so sarkastisch, wie sie klingt: "Da gibt's eben mehr Tretminen."In Deutschland können die Nationalspieler kaum Talente anwerben, weil ihnen neben ihrer Arbeit die Zeit fehlt. Blechschmidt erzählt von Schnupperkursen in Schulen und Krankenhäusern, von kleinen Schritten. Seit zwei Jahren gibt es eine Junioren-Nationalmannschaft, die übt jetzt mit dem A-Team zusammen. "Das ist manchmal nicht einfach", sagt Barsch. Aber er jammert nicht. Er will sich nur für Peking qualifizieren, für seine fünften Paralympics. Danach will er aus dem Nationalteam zurücktreten.------------------------------Foto: Steffen Barsch, Sitzvolleyballer