Die kolumbianische Sängerin steckt viele Millionen Dollar in Bildungsprojekte - sie baut Schulen in ihrer Heimat: Shakiras Kinder

BARRANQUILLA. Es war einmal ein kleines Mädchen, das in einer großen Stadt an der Küste lebte. Der Vater hatte als Juwelier Wohlstand erreicht, die Familie lebte glücklich und zufrieden, hatte zwei Autos und eine Klimaanlage, die die feuchtheiße Luft der Karibik aus der Wohnung verbannte. Doch eines Tages ging das Schmuckgeschäft des Vaters bankrott. Autos und Klimaanlage wurden verkauft, der Farbfernseher durch einen alten Schwarz-Weiß-Apparat ersetzt, statt der Lieblingsspeisen der Tochter kam auf den Tisch, was man sich halt noch leisten konnte. "Wir waren über Nacht arm geworden", erinnert sich Shakira, die inzwischen weltberühmte Sängerin aus Kolumbien, "und aus der Perspektive einer Siebenjährigen konnte es nichts Schlimmeres geben. Ich erinnere mich lebhaft an meine Verzweiflung."Was folgt, klingt wie der Einfall eines sentimentalen Drehbuchschreibers: Ihr libanesisch-stämmiger, in New York geborener Vater William Mebarak führte sie in ein Viertel ihrer Heimatstadt Barranquilla, das sie noch nie betreten hatte. Dort lebten Straßenkinder, gleichaltrige Jungen und Mädchen, die zerfetzte Kleider trugen, Mülltonnen nach Essbarem durchwühlten und Klebstoff inhalierten. Sie gingen barfuß. In jenem Moment, schreibt Shakira, habe sie beschlossen, den Straßenkindern zu helfen, sobald dies in ihrer Macht stehe. Diese Füße - die Erinnerung ließ sie nicht mehr los, auch nicht, als ihre phänomenale Karriere als Pop-Rock-Sängerin und Songwriterin in Schwung kam.Auf nackten FüßenAusgerechnet ihr Album "Pies descalzos" ("nackte Füße" oder "barfuß"), das sie 1995, als 18-Jährige veröffentlichte, brachte den Durchbruch. Es wurde fünf Millionen Mal verkauft, und gab ihr die Mittel, mit dem alten Plan ernst zu machen, 1997 gründete sie die gleichnamige Stiftung. Populär war sie zunächst in Lateinamerika und Spanien, da sie zu Beginn ihrer Karriere Spanisch sang. Ihr erstes englischsprachiges Album machte sie zu einem globalen Popstar. Insgesamt hat sie inzwischen über 75 Millionen Tonträger verkauft.Bill Clinton hängt an der Wand des Schulspeisesaals und lächelt zwei dunkelhäutige Kinder an. Doch die Meute hat weder Augen für die Fotos des ehemaligen US-Präsidenten, der ihre Schule vor ein paar Monaten besuchte, noch für die Bilder von Shakira. Es ist Essenszeit, heute gibt es Hühnchen, Reis und Rote-Rüben-Salat, dazu eine Scheibe gebratene Banane, serviert auf soliden blauen Plastiktellern. Mit am Tisch sitzt Franziskaner-Schwester Maximina und ermahnt die Kleinsten, bitteschön aufzuessen - oder den Nachbarn zu fragen, ob der noch Hunger hat.Die kostenlosen Mahlzeiten dienen Eltern als Anreiz, ihre Sprösslinge zum Lernen zu schicken statt zum Arbeiten. An der Schuluniform tragen Mädchen und Jungen das Emblem der Stiftung Pies descalzos - sie hat den Bau der Schule finanziert. Eine Gedenktafel verewigt andere Sponsoren, von der Stiftung Howard G. Buffett, dem Sohn des Multimillionärs Warren Buffett, bis zur Stiftung RTL aus Deutschland: Shakiras Ruhm half, für ihr soziales Engagement mächtige Verbündete zu gewinnen.Die Erziehungseinrichtung Stiftung Pies descalzos ist das größte und modernste Gebäude in La Playa, einem bescheidenen Vorort der 1,1 Millionen Einwohner zählenden Industrie- und Hafenmetropole Barranquilla. Shakira hat in La Playa zwischen Palmen und ungeteerten Straßen den Sozialdienst geleistet, der kolumbianischen Abiturienten im elften und letzten Schuljahr abverlangt wird - sie brachte Kindern Lesen und Schreiben bei. "Ich bin in einem Entwicklungsland aufgewachsen und habe die Ungerechtigkeit gesehen", sagt Shakira immer wieder und betont einen Satz, dem man schlecht widersprechen kann: "Wenn bei uns ein Kind arm geboren wird, wird es arm sterben - es sei denn, es bekommt eine Chance. Und diese Chance ist Erziehung."Shakira lässt im Wissen um die Not nebenan nicht wie andere Berühmtheiten den Blick ins ferne Afrika schweifen. Sie will im eigenen Land helfen. Und dem eigenen Kontinent. Dafür düst sie zu ibero-amerikanischen Gipfeltreffen, hält selbstgeschriebene Reden vor den Staatschefs und trifft deren Gattinnen beim Teekränzchen. Shakira weiß, dass ihr persönlicher Einsatz nicht ausreicht - wer mehr will, muss staatliche Institutionen bewegen. Sie nutzt ihren Ruhm, um den Mächtigen die Wichtigkeit frühkindlicher Förderung nahezulegen. Lobbyarbeit, die sie mit anderen lateinamerikanischen Pop- und Rockstars über eine weitere Stiftung betreibt: América Latina en Acción Solidaria (Lateinamerika in solidarischer Aktion) oder Alas, was ganz unzufällig "Flügel" bedeutet. Zu der losen Allianz aus rund 75 Künstlern zählen zum Beispiel ihr Landsmann Juanes oder der Spanier Alejandro Sanz.Auch Barack Obama posiert lächelnd neben Shakira auf einem Zeitungsausschnitt, den Schüler an die Wand des Speisesaals geklebt haben, als "Widmung an die Sängerin aus Barranquilla, die uns Erziehung, Freude, Würde und eine bessere Lebensqualität gebracht hat", wie in blauen Großbuchstaben zu lesen ist. Das von mannshohen Mauern umgebene Schulgelände von La Playa ist großzügig und sauber; Wasserspender stillen den Durst der Kinder und Jugendlichen; Fußball wird auf Kunstrasen gespielt. Viele Details strahlen geradezu teutonische Disziplin aus: Drei Tonnen erlauben Mülltrennung (Glas, Papier und Biomüll); in den Klassenzimmern prangen Sätze wie "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen." Oder: "Kämpfe für deine Ideale, und du wirst Erfolg haben" - ein Motto, das auch Shakiras Leben auf den Punkt bringt.Obwohl Pies descalzos das Gebäude finanziert hat, handelt es sich um eine öffentliche Schule. Die Lehrer bezahlt der Staat. Wäre es nicht besser, wenn der Staat selbst in der Lage wäre, ausreichend große und moderne Schulen zu bauen? "Natürlich", sagt María Emma Mejía, die Direktorin der Stiftung Pies Descalzos. "Es geht uns nicht darum, den Staat zu ersetzen, sondern zusammenzuarbeiten." Die ehemalige Bildungs- und Außenministerin kandidierte gerade fürs Bürgermeisteramt in Bogota, als Shakira ihr mitten im Wahlkampf vorschlug: "Warum übernimmst du nicht die Leitung meiner Stiftung?" Bis dahin hatten Shakiras Eltern die Aufgabe wahrgenommen. Bürgermeister wurde ein anderer; María Emma Mejía konnte sich der Stiftung widmen.Derzeit unterstützt Pies descalzos fünf staatliche Schulen mit kostenlosen Mahlzeiten, Schuluniformen und psychosozialer Betreuung für Kinder und Eltern - in Städten wie Quibdó oder Soacha bei Bogota, wo viele Binnenflüchtlinge leben, und in Barranquilla. "Ziel ist, dass die Schulen sich in Zentren der lokalen Entwicklung verwandeln, andere Infrastruktur gibt es in diesen Vierteln nicht", sagt Mejía. Es gehe nicht nur darum, 5 000 Kindern und Jugendlichen zu helfen, sondern 40 000 Menschen in ihrem Umfeld. Wie das konkret aussieht? Zum Beispiel so, dass die Schulen Köchinnen oder Reinigungskräfte unter den Eltern rekrutieren. Oder dass dort Berufsbildungskurse für Eltern stattfinden. Auch als lokale Kulturzentren dienen die Schulen: Die Bewohner von La Playa können zum Beispiel die Bibliothek benutzen oder an Tanz-, Theater- und Gitarrenkursen teilnehmen.Musik und Tanz im StundenplanMusik und Tanz sind ein Schwerpunkt im Stundenplan. Wegen Shakira? "Natürlich auch wegen ihr", sagt Beeghy Gómez, eine lokale Mitarbeiterin von Pies descalzos, "aber vor allem, weil Musik und Tanz den Menschen an der Küste im Blut liegen." Stimmt. Man braucht nur das Video von "Hips don't lie" anzuschauen: Der berühmte Karneval von Barranquilla erinnert in seiner Farbenpracht an Rio. Wird auch Bauchtanz unterrichtet? "Bis jetzt noch nicht", lacht Gómez. "Aber die Mädchen tanzen trotzdem wie Shakira. Sie sind sehr gut mit der Hüfte." Zweiter Schwerpunkt: Parallel zum Abitur kann eine Lehre in Hafenlogistik absolviert werden.Bei so viel Engagement für den Nachwuchs regnet es in der kolumbianischen Presse Schlagzeilen wie "Shakiras Kinder" oder "Shakira, la mama social", und kaum jemand nimmt es ihr übel, dass sie sich auf die Bahamas zurückgezogen hat. Und wie steht es mit eigenen Kinderwünschen? Jüngst berichtete die Sängerin, sie und ihr Verlobter Antonio de la Rúa, Sohn eines nicht besonders erfolgreichen argentinischen Ex-Präsidenten, wollten bald Kinder haben, jetzt, mit 32, sei es wirklich Zeit. Aber zuvor stehe noch eine Tournee auf dem Programm.------------------------------Armut und GewaltUnter der Armutsgrenze leben in Kolumbien 49 Prozent der Bevölkerung. 23 Prozent der Kinder schließen nicht einmal die Grundschule ab, sieben Prozent der unter Fünfjährigen leiden an Unterernährung, 15 Prozent der Jungen und Mädchen zwischen 12 und 14 arbeiten.Der bewaffnete Konflikt zwischen Staat, Guerilla und Paramilitärs hat rund vier Millionen Menschen gezwungen, ihre Heimatregionen zu verlassen.------------------------------Karte: KOLUMBIEN------------------------------Foto: Die kolumbianische Sängerin Shakira begrüßt am 4. Februar 2009 eine Schülerin der fünften Klasse von ihrer Stiftung "Barfuß" gegründeten Schule in Barranquilla. Im Oktober erscheint Shakiras neues Album, die neue Single "She Wolf" hat am 17. Juli ihre deutsche Radiopremiere.