Am 23. Dezember 1947, vor 60 Jahren also, wurde die Komische Oper eröffnet - mit der "Fledermaus" in der Regie des Intendanten Walter Felsenstein (1901-1975). Felsenstein verwirklichte hier seine Vorstellung von realistischem Musiktheater, die das Haus bis heute prägt. Aus diesem Anlass sprachen wir mit dem Sohn Felsensteins, dem Schauspieler und Kapitän Christoph Felsenstein.Herr Felsenstein, Sie haben die Geschichte der Komischen Oper buchstäblich von Kindesbeinen an miterlebt und sind selbst dort in Sprechrollen aufgetreten. Was sind Ihre prägenden Erinnerungen an Ihren Vater als Theatermacher, an seine künstlerische Arbeit, seine Ideale?Walter Felsenstein kam immer minutiös vorbereitet zu den Proben. Er ging von einer monatelang dramaturgisch durchgearbeiteten Konzeption des Stückes aus, machte die Choreographie des Chors wirklich auf dem Reißbrett, und dann wurde probiert - über ein halbes Jahr lang bis zur Fertigstellung einer Inszenierung. Die Proben bedeuteten ihm alles. Die Hauptproben fingen morgens an und endeten nach Mitternacht. Ich erinnere mich, dass Hanns Nocker als Othello um zwei Uhr morgens nochmal den ersten Auftritt probieren musste: "Freut euch alle, der Stolz der Türken liegt auf dem Meeresgrund!" - "Nein, nein, Nocker, das ist nicht richtig, das muss so und so sein." - "Chef - ich kann nicht mehr." Aber das gab es nicht bei Felsenstein. Er musste es noch mal probieren. Theaterarbeit ist eben Schwerstarbeit. Die Premiere war ein Riesenerfolg. Es flossen Tränen.Es heißt ja, Felsenstein soll mit seinen Produktionen niemals zufrieden gewesen sein.Mit der Premiere war die Arbeit für ihn nicht abgeschlossen. Nach jedem Abend wurden Berichte angefertigt, welche Pannen sich einstellten, er besuchte auch immer wieder selbst die Vorstellung. Und dann konnte es vorkommen, dass am nächsten Morgen eine Probe angesetzt wurde! Sein Anliegen war es, die Wahrheit auf der Bühne, die ja im Moment geboren wird, immer wieder neu im Sänger zu erzeugen. Felsenstein prägte den Begriff des Musiktheaters und orientierte sich an Stanislawski. Er war ja ursprünglich Schauspieler und kam durch Zufall zur Theaterregie; Heinrich George holte ihn als Oberspielleiter ans Schillertheater.Wie kam er dann zur Opernregie?Zum Ende des Krieges machte er Offenbachs "Pariser Leben" im Hebbeltheater, als Ausweichquartier fürs zerbombte Schillertheater. Der russische Stadtkommandant Dymschitz, der im sowjetischen Sektor eine opéra comique gründen wollte, im ehemaligen Metropoltheater, wurde auf ihn aufmerksam. Felsenstein war überzeugt, dort seine Arbeitsbedingungen durchsetzen zu können und übernahm am 23. Dezember 1947, im zerstörten Berlin, die Leitung der neu gegründeten Komischen Oper.Standen denn auch politische Überzeugungen hinter diesem Entschluss, in der Sowjetischen Besatzungszone Oper zu machen?Ob Felsenstein ein politischer Künstler war? Er war ein besessener Theatermann, der dieses Theater bis zu seinem Tod 1975 zu Weltruhm führte. Schwierig wurde es vor allem nach dem Mauerbau. Die Komische Oper lebte ja von 70 bis 75 Prozent West-Publikum. Dieser Markt brach nach 1961 schlagartig ein. Felsenstein wurde aufgefordert, seine West-Berliner Künstler zu entlassen. Das kam für ihn überhaupt nicht in Frage, er sagte, er würde die DDR verlassen, wenn auch nur einer seiner Künstler ginge - nicht nur die Künstler, sogar die Pförtner! Er kämpfte um sein Institut. Er hatte dort hervorragende Sängerdarsteller, die sein Ensemble prägten. Hanns Nocker, Anny Schlemm, Rudolf Asmus, Werner Enders, Irmgard Arnold, Christa Noack, das waren bedeutende Persönlichkeiten, das war sein Stamm, der es wirklich vermochte, seine Forderungen für das Musiktheater umzusetzen.Und Ihre persönlichen Erfahrungen in der Komischen Oper?Ich wurde 1946 geboren, ich war also quasi gerade in der Wiege gewesen, als die Komische Oper 1947 mit der "Fledermaus" eröffnet wurde. Ich bin in dem Haus aufgewachsen und stand mit 11 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne, als Zauberflöten-Knabe. Ich habe den Puck gespielt in Brittens "Sommernachtstraum", später den Perchik im "Fiedler auf dem Dach". Felsenstein prägte einen starken Führungsstil am Haus. Er brauchte sein Ensemble, zur Umsetzung seiner Vorstellungen und Arbeitsmethode. Er liebte sein Ensemble und übte Kritik, um es zu fordern und zu fördern. Er spielte sehr viel vor, er war ja Schauspieler. Er wollte aber immer noch mehr rausholen.Nun waren Sie entscheidend daran beteiligt, eine DVD-Edition mit allen verfilmten Operninszenierungen Ihres Vaters herauszubringen. Wie kam es dazu?Es war einmalig, nicht nur dort mitzumachen, sondern das alles auch beobachten zu dürfen. So war es meine tiefe Überzeugung, dass die Opernverfilmungen der berühmten Inszenierungen Walter Felsensteins, die er selbst in den sechziger und Anfang der siebziger Jahre im Fernsehfunk und in den DEFA Studios produziert hat, auch in der besten Qualität erhalten werden müssen. Das ist Zeitgeschichte, das sind Dinge, auf die spätere Generationen zurückgreifen werden.Was gibt es da auf DVD zu sehen?Natürlich sind die vier Studiofilme von Felsenstein selbst zu sehen, die vom Fernsehfunk in den DEFA-Studios produziert worden sind: "Das schlaue Füchslein", "Othello", "Hoffmanns Erzählungen" und "Ritter Blaubart". Es ging ihm zuletzt gesundheitlich nicht mehr so gut, und deswegen habe ich ihn mehrmals zu den Studios nach Potsdam begleitet. Es war uns ein Anliegen, das der Nachwelt zu erhalten. Denn Felsensteins Musiktheatermethode ist ja in den Filmen genauso spürbar wie in seinen Bühnenarbeiten. Dann sind da zwei Mitschnitte der Inszenierungen "Don Giovanni"(1966) und "Die Hochzeit des Figaro"(1976). Auch auf DVD ist der von Felsenstein 1956 produzierte Opernfilm "Fidelio" zu sehen, aufgenommen im damals noch sowjetisch besetzten Wien, Drehbuch: Hanns Eisler und Walter Felsenstein. Ich war damals zehn und entsinne mich noch sehr gut. Insgesamt 7 Filme Walter Felsensteins auf 12 DVDs und mit Zusatzmaterial ergänzt, mit Ausschnitten aus Interviews, Bildern der Inszenierungen, mit Bühnenbildern und Kostümen. Auch der Ausschnitt aus einem Wochenschaufilm im zerstörten Berlin und dem Wiederaufbau des Theaters mit der Eröffnungsvorstellung der "Fledermaus" 1947 ist in die Edition aufgenommen.Warum kam dieses Projekt nicht schon früher zustande - etwa zu Felsensteins 100. Geburtstag 2001?Die Realisierung brauchte einen Vorlauf von zehn Jahren, in denen ich mich immer wieder bemüht habe, dieses Kulturgut restaurieren und veröffentlichen zu lassen. Was glauben Sie, was das für ein Rechtskampf war, wie viele Parteien dort involviert waren? Aber es ist ein typischer Felsenstein-Zug, niemals aufzugeben. Erst dank des vorbildlichen Engagements eines Mäzens, der Mercedes Benz Automobil AG Zürich, wurden die Mittel zur Restaurierung der Filme und Veröffentlichung der Edition bereitgestellt. Die Originalbänder im Deutschen Rundfunkarchiv (DRA) waren ja zum Teil so beschädigt, dass zum Beispiel das "Füchslein" als nicht mehr sendefähig galt. Ich habe mich für sechs Monate aus der aktiven Seefahrt ausgeklinkt, um mich ausschließlich der Restauration dieser Filme zu widmen. Nach Abtasten der Filme durch das DRA wurde unter meiner redaktionellen Mitarbeit das gesamte Filmmaterial bei der Firma Digital Images in Halle in Bild und Ton digital aufbereitet und restauriert. Eine enorme, aber lohnenswerte Arbeit, mit einem vorzeigbaren und bewegenden Ergebnis.Sie selbst sind nach einer vielversprechenden Karriere als Schauspieler zur See gegangen. Warum?Nach meinem Theaterstudium war ich am Schillertheater engagiert, zunächst unter Barlog, dann unter Hans Lietzau. Ich spielte am Thalia-Theater unter Boy Gobert und auch unter Giorgio Strehler bei den Salzburger Festspielen. Außerdem hatte ich viele Fernsehverpflichtungen. Aber ich war immer "der Sohn von .". Deswegen habe ich mich eines Tages dann ganz für die Seefahrt entschieden: Es war mein eigener Weg. Ich habe Seefahrt studiert und anschließend über die Eisbergdrift bei Neufundland promoviert und eine Passage entwickelt, wie man durch diese Gebiete durchfahren kann. Ich fahre nun seit zwanzig Jahren als Kapitän auf Fracht- und Passagierschiffen in der ganzen Welt. Aber Zeit meines Lebens bin ich dem Theater verbunden geblieben und besonders der Komischen Oper. Zuletzt stand ich als Bassa Selim in Harry Kupfers "Entführung aus dem Serail" noch vor wenigen Jahren auf der Bühne. Ich wünsche dem Haus zum 60. Jahrestag alles erdenklich Gute! Die Komische Oper hat eine Bedeutung, die nicht vergleichbar ist mit der der beiden anderen Opernhäuser Berlins. An der Komischen Oper wurde immer ein anderes Theater gemacht, nämlich Musiktheater. Das ist der Anspruch, bis heute.Die Fragen stellte Wolfgang Fuhrmann.------------------------------60 Jahre Komische Oper1947 wurde die Komische Oper vom österreichischen Regisseur Walter Felsenstein begründet, im ehemaligen Metropol-Theater. Bis heute prägt sie sein Anspruch: Ein Musiktheater, das die szenische und schauspielerische Komponente mit dem musikalischen Moment verbindet.Als Intendanten folgten auf Walter Felsenstein Joachim Herz (1975-1981), Werner Rackwitz (1981-1994) und Albert Kost (1994-2002). Derzeitiger Intendant ist Andreas Homoki, der die Traditionen des Hauses mit dem Regietheater zu verbinden sucht, mit Arbeiten von Peter Konwitschny, Hans Neuenfels, Calixto Bieito, Barrie Kosky oder Sebastian Baumgarten.In diesem Jahr wurde die Komische Oper (ebenso wie das Opernhaus Bremen) in einer Kritikerumfrage der "Opernwelt" zum "Opernhaus des Jahres" gewählt.Christoph Felsenstein, ein Sohn des Regisseurs, ist ausgebildeter Schauspieler und seit 20 Jahren Kapitän in der zivilen Seefahrt. Er präsentiert am 6. Januar in einer Matinée in der Komischen Oper eine DVD-Edition mit allen auf Film erhaltenen Inszenierungen seines Vaters - produziert von Arthaus- Musik. Der Eintritt ist frei.------------------------------Foto (2) :Der Perfektionist: Walter Felsenstein (sitzend) bei den Proben zum "Don Giovanni", der 1966 an der Komischen Oper herauskam - mit György Melis als Don Giovanni und Rudolf Asmus als Leporello.Kapitän und Schauspieler: Christoph Felsenstein.