Nun liegt der Bericht der von J. P. Reemtsma bestellten Kommission zur Überprüfung der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" endlich vor. Neun Professoren, eine promovierte Fotohistorikerin und drei junge Fachwissenschaftler arbeiteten ein Jahr lang daran. Aber das Ergebnis ist dürftig.Im Bericht wird festgestellt, dass der Krieg verbrecherisch war, dass die Wehrmacht als Organisation in diese Verbrechen teilweise verstrickt und teils aktiv teilgenommen hat, und dass die Wehrmacht auch für Verbrechen von SS- und sonstigen Einheiten verantwortlich war, die der Wehrmachtsführung unterstellt waren. Solche Feststellungen sind wichtige Wahrheiten, die aber von keinem der Hauptkritiker bestritten wurden. Die Frage aber, wie viele Fehler die Ausstellung insgesamt enthielt, wie viele die Kritiker davon moniert hatten, und wie viele von diesen Beanstandungen begründet sind, wird nicht beantwortet. In manchen Fällen wird lakonisch zugegeben, dass es Gründe geben "könnte", bestimmte Fotos in der Ausstellung zu behalten, diese Gründe werden aber nicht genannt. Über die Bombardierung Belgrads wurde in der Ausstellung behauptet, dort seien mehr Menschen gestorben als in Rotterdam, Warschau und Coventry insgesamt. Eine konkrete Zahl nannte uns aber auch die Kommission nicht. Es bleibt unbeantwortet, ob die Behauptung von Hannes Heer zutrifft, an der Ostfront seien von der Wehrmacht in Zusammenarbeit mit der SS fünf bis sieben Millionen Menschen ermordet worden. Die Kommission stellt lediglich eines fest: weniger als 20 Fotos gehören nicht in die Ausstellung, weil sie selbstständig agierende Ausländer oder Verbrechen der NKWD zeigen.Dass es versäumt wurde, eine quantitative Analyse aller Vorwürfe und Fehler der Ausstellung zu erstellen, ist nicht zu begreifen. Eine Erklärung könnte lauten, die Kommission habe die Ausstellungsmacher schonen wollen. Die Tatsache, dass die Nachrecherchen der Kommission Dutzende von weiteren Fehlern ans Tageslicht gebracht haben, verstärkt diese Annahme. Der Autor dieser Arbeit fand schon vor einem Jahr 71 falsche Bildunterschriften und Dutzende von falschen Tatsachenbehauptungen in den Begleittexten.Die Kommission legt den Kritikern Aussagen in den Mund, die sie nie gemacht haben, um sie widerlegen zu können. Sie unterstellt mir zum Beispiel, dass ich Babij Jar nicht zu den Wehrmachtsverbrechen zähle. Demgegenüber steht in meinem der Kommission übergebenen Manuskript, dass dieser Fall ein Musterbeispiel für Verbrechen der Wehrmachtsführung ist, weil die Initiative zur Ermordung der Juden Kiews von einem Wehrmachtsgeneral ausging.Um die meisten Bilder zu "retten", behauptet die Kommission, die Frage, "welche Einheit an den verschiedensten Orten geschossen hat, sei weniger bedeutsam". Aber damit ändert sie das ursprüngliche Konzept der Ausstellung selbst ab: Denn dort ist es festgehalten, dass nicht die Verbrechen der SS, des SD und der Generalität zur Debatte stünden, sondern "das Verhalten des einfachen kleinen Mannes". Darauf wurde die ganze Ausstellung visuell aufgebaut, weil nur so die provokante Frage: "Wo warst du, Vater?" gestellt werden konnte. Verbrechen der Wehrmachtssoldaten sind aber nicht mit dem wesentlich breiteren Begriff Wehrmachtsverbrechen identisch.Die Kommission stellt fest: "Die Überprüfung der verwendeten Bild- und Textdokumente hat (.) die Intensität und Seriosität der von den Ausstellungsautoren geleisteten Quellenarbeit bestätigt." Aber wie kam es dann, dass die Verantwortlichen zum Beispiel acht Fotos, die in Belgrad (wo sie die Fotos fanden), noch als Abbilder ungarischer Soldaten gekennzeichnet waren, in der Ausstellung als Fotografien von Wehrmachtssoldaten auswiesen? "Intensiv" mag die Quellenarbeit in diesem Fall gewesen sein - als "seriös" kann die willkürliche Veränderung nicht angesehen werden.Die Kommission benutzte zweierlei Maß. So tat sie die Beanstandung von Bogdan Musial, wonach auf den Bildern von Zloczow, Tarnopol, Lemberg und Boryslaw nicht von der Wehrmacht ermordete Juden, sondern von der NKWD ermordete Einheimische zu sehen seien, mit der Begründung ab, es "könnten" unter den Ermordeten auch Opfer der Judenpogrome liegen. Es sei nicht gesichert, ob auf den Bildern selbst, oder in der unmittelbaren Umgebung des fotografierten Raumes sich nicht auch Leichen ermordeter Juden befinden. In der Tat ist es schwer zu beantworten, was alles nicht auf einem Bild sichtbar ist, aber trotzdem existiert.Demgegenüber hielt es die Kommission für legitim, Bilder über deutsche Exekutionen ohne jegliche ergänzende Angaben in die Ausstellung aufzunehmen, weil sie davon ausgeht, dass nur ein kleiner Teil der Exekutierten im Sinne der Haager Landkriegsordnung echte "Partisanen" waren. Diesem Urteil ist sicherlich zuzustimmen. Eine solche Annahme erlaubt aber nicht, alle (!) Bilder von Exekutionen als Verletzung der Haager Landkriegsordnung einzustufen.Insgesamt lässt der Bericht eine quantitative und qualitative Bewertung der Ausstellung vermissen. Das ist umso bedauerlicher, weil es wichtig und wünschenswert bleibt, dass auch die Verbrechen der Wehrmacht thematisiert werden. Niemand soll glauben, im NS-Staat sei eine Trennung zwischen guten und bösen Organisationen möglich gewesen. Für einen Ausländer, der über die Verbrechen seiner eigenen Landsleute forscht, ist die kritische Attitüde, mit der sich die deutsche Geschichtswissenschaft den Schattenseiten ihrer eigenen Vergangenheit annähert, imponierend. Aber die kritische Wahrheit ist unteilbar, und an dieser Einsicht hat es der Kommission gefehlt.Profilierter Kritiker // Krisztian Ungvary (31) gehört neben Bogdan Musial zu den wichtigsten Kritikern der Wehrmachtsausstellung. Beide bestreiten nicht die Verbrechen. Durch die kommunistische Erfahrung sensibilisiert kritisieren sie falsche Bildzuordnungen und Verallgemeinerungen. Ungvarys Buch "Die Schlacht um Budapest 1944/ 45" liegt in deutscher Fassung vor.