Da steht der korrekte Finanzbuchhalter Francois Pignon kerzengerade, das Jackett ein wenig eng, die Aktentasche gegen die Brust gedrückt, strahlt stolz wie ein Konfirmand beim Gruppenfoto und weiß noch nicht, daß er in die schicke Pariser Wohnung des Verlegers Brochant geladen wurde, um für ihn und seine Freunde den skurrilen Suppenkaspar zu spielen.Da sitzt der Verleger Brochant hexenschußgekrümmt auf seiner Chaiselongue zwischen all seinen Beckmanns und Modiglianis, in der Hand ein Whiskyglas und im Gesicht ein gequältes Siegerlächeln, und weiß noch nicht, daß ihm dieser Pignon mit seiner gutmütigen und beschränkten Art sämtliche Haare vom Kopf fressen wird.Brochant wird seine Frau verlieren, seine Geliebte wird ihn verlassen, und wo jetzt die teuren Bilder hängen, werden am späteren Abend nur häßliche weiße Flächen sein. Das Dinner findet nicht statt. Brochant bleibt mit Pignon allein. Der Trottel läßt den Zyniker, ungewollt natürlich, tanzen und Pirouetten drehen und gewährt ihm nebenbei, das ist gewissermaßen das Aufklärerische des Stücks, auch Einblicke in die morastige Kloake des eigenen Herzens.Francis Veber, dessen Stück "Der Kontrakt" den Filmen "Die Filzlaus" und "Buddy Buddy" mit Walter Matthau und Jack Lemmon zugrunde lag, beweist in "Dinner für Spinner" eine einfache und menschenfreundliche These: Der dumme kleine Mann ist der Ehrliche, und der erfolgreiche Zyniker nur ein kleiner Hanswurst. So genial wie Matthau und Lemmon sind Christian Wölffer als Brochant und Heinz Rennhack als Pignon zwar nicht. Aber wenn Rennhack nach einem mißglückten Telefonanruf mit hängenden Schultern sagt: "Ich habe Mist gebaut, aber ich mach es wieder gut", und gleich noch mal zum Telefonhörer greift, möchte man ihn am liebsten knuddeln und sagen: Mensch Junge, denk' doch mal nach, bevor du sprichst.Unter der Regie von Klaus Gendries brauchen die beiden zwei Stunden für die Beweisführung, anderthalb hätten auch gereicht. Aber dann hätte es keine Pause und also auch keine tiefrote Sommerbowle auf dem Kurfürstendamm gegeben, was wiederum schade gewesen wäre. Virtuos übrigens Adele Landauer als einzige Dame auf der Bühne in der Doppelrolle der Frau/Geliebten. Sie rekelte sich in ihrem fließenden Kleid so geschickt, daß selbst in den unmöglichsten Situationen ihr freigelegtes Bein für Unterhaltung sorgte.Viel Applaus, schwere, atemraubende Parfumwolken, begeistert blitzende Goldrandbrillen, und die Bowle war wirklich exquisit. Andreas Schäfer Kurfürstendamm 206, bis 3. 11., Mo-Fr. 20 Uhr, am Wochenende jeweils wechselnde Anfangsszeiten: am 24. 8. 20 Uhr, am 25. 8. 16 Uhr. +++