Dass es der bislang größte Betrugs- und Fälschungsskandal der deutschen Wissenschaft war, wusste man von Anfang an. Dass er jedoch solche Dimensionen annehmen würde, hätten wohl selbst eingefleischte Skeptiker nicht vermutet. Als im Mai 1997 der "Fall Herrmann/Brach" bekannt wurde, war zunächst von einigen wenigen Forschungsarbeiten die Rede, die der Ulmer Krebsforscher Friedhelm Herrmann und seine frühere Mitarbeiterin und Lebensgefährtin, die Lübecker Professorin Marion Brach, manipuliert haben sollten. Kurze Zeit später hatte eine "Ge-meinsame Untersuchungskommission" des Berliner Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin sowie der Universitäten Freiburg, Lübeck, Mainz und Ulm - dort hatten Herrmann und Brach seit Mitte der Achtzigerjahre gearbeitet - bereits mehrere Dutzend verdächtige Arbeiten ausgemacht. Im Frühjahr 1998 waren bereits 47 Publikationen identifiziert, die "mit Sicherheit oder hoher Wahrscheinlichkeit manipuliert" worden waren.Jetzt, weitere zwei Jahre später, ist klar: Herrmann und Brach haben noch weit mehr Forschungsarbeiten manipuliert als bislang angenommen. Am Montag legte in Bonn eine so genannte "Task Force" ihren mit Spannung erwarteten Abschlussbericht zum "Fall Herrmann/Brach" vor. Das Gremium unter Leitung des Würzburger Zellbiologen Ulf Rapp war Mitte 1998 von der Gemeinsamen Kommission eingesetzt worden, um das gesamte wissenschaftliche Werk Friedhelm Herrmanns und seiner Co-Autoren zu überprüfen. "Schon nach Abschluss unserer Arbeit war klar, dass man mit weiteren Manipulationen rechnen musste", sagte der Vorsitzende der Gemeinsamen Kommission, der emeritierte Freiburger Mediziner Wolfgang Gerok, am Montag in Bonn.Diese Einschätzung wird durch den Abschlussbericht der Task Force auf dramatische Weise bestätigt. Insgesamt 347 Veröffentlichungen Friedhelm Herrmanns aus den Jahren 1985 bis 1997 nahm die Arbeitsgruppe unter die Lupe. Dabei fand sie in nicht weniger als 65 Arbeiten "konkrete Hinweise auf Datenmanipulationen", in 29 Arbeiten konnte sie eindeutige Manipulationen nachweisen. Mehr als jede vierte Arbeit des Krebsforschers gilt damit als "inkriminiert", wie es in dem Abschlussbericht heißt. Doch damit nicht genug: Bei nicht weniger als 121 weiteren Publikationen besteht zumindest ein "Anfangsverdacht" auf Manipulationen, der im Laufe der Untersuchung nicht ausgeräumt werden konnte. "Es ist also wahrscheinlich, dass es noch weit mehr Manipulationen gab", sagte Task-Force-Chef Rapp bei der Präsentation des Abschlussberichts.Der bis zum Bekanntwerden des Skandals als "Shootingstar" unter den deutschen Krebsforschern gefeierte Herrmann hat zudem offenbar über einen weit längeren Zeitraum manipuliert als bislang angenommen. "Die erste Arbeit mit konkretem Fälschungsverdacht ist von 1985, die erste eindeutig manipulierte Arbeit von 1988", berichtete Wolfgang Gerok von der Gemeinsamen Kommission in Bonn. Auch insofern verwunderte es nicht, dass sowohl Gerok als auch Task-Force-Chef Rapp von einem "bedrückenden Ergebnis" sprachen - und von einem "Schaden, der nicht gutzu-machen ist" (Rapp).Bei Marion Brach fiel die Untersuchung nicht weniger bedrückend aus. Von 81 überprüften Veröffentlichungen der Medizinerin wiesen 54 konkrete Hinweise auf Manipulationen oder eindeutige Fälschungen auf. Auch in Brachs Habilitationsschrift fanden sich "Hinweise auf Unregelmäßigkeiten".Doch damit nicht genug: Auch im Umfeld von Brach und Herrmann gab es offenbar mehr Manipulationen als vermutet. Neben zwei bei Herrmann habilitierten Nachwuchsforschern ist dabei vor allem der angesehene Freiburger Genforscher Roland Mertelsmann ins Visier der Task-Force geraten. Er war an 58 der 94 "inkriminierten" Arbeiten Herrmanns beteiligt. Vor allem aber fand unter Mertelsmanns Leitung in Freiburg eine klinische Studie statt, bei der die Task-Force ebenfalls "Hinweise auf Unregelmäßigkeiten" entdeckte. Damit könnte der Skandal eine neue Dimension erhalten, denn anders als bei Herrmanns Arbeiten in der Grundlagenforschung könnten hier auch Patienten betroffen sein. Sowohl die Freiburger Uni als auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) kündigten noch am Montag weitere Untersuchungen an.Aus Sicht der DFG ist die Arbeit der Task-Force "ein Beleg für die oft geforderte Selbstreinigungskraft der Wissenschaft", wie Generalsekretär Reinhard Grunwald bei der Präsentation des Abschlussberichts betonte. Dem schlossen sich auch Ulf Rapp und Wolfgang Gerok an. Dass es mit dieser Selbstreinigungskraft jedoch noch längst nicht zum Besten bestellt ist, zeigen einige Erfahrungen der Task Force. "Viele Wissenschaftler haben sich schlicht geweigert, mit uns zusammenzuarbeiten", berichtete Rapp. Deshalb sei es oft nicht möglich gewesen, die Entstehung von Forschungsarbeiten und den Anteil der jeweiligen Autoren zu rekonstruieren. Auch aus diesem Grund dürfte das ganze Ausmaß des Skandals wohl niemals aufgedeckt werden.Klar ist hingegen inzwischen, was aus den beiden Protagonisten geworden ist. Friedhelm Herrmann, der im Juni 1998 auf seine Ulmer Professur verzichtete, praktiziert heute als Arzt in München. Von Marion Brach, die bereits im September 1997 ihren Lübecker Lehrstuhl verlor, hieß es zwischenzeitlich, sie arbeite in den USA. Am Montag wurde nun in Bonn bekannt, dass Brach wieder in Deutschland und derzeit ohne Anstellung ist.FORSCHUNGSFÄLSCHUNG Was die "Task Force"-Kommission entdeckte // Der Krebsforscher Friedhelm Herrmann (Bild oben) und seine ehemalige Mitarbeiterin Marion Brach (Bild links) galten bis vor drei Jahren als Vorzeigewissenschaftler: hochintelligent, hoch-produktiv, hoch geehrt.Eine Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Deutschen Krebshilfe hat jetzt ihren Abschlussbe-richt über gefälschte Publikationen der Forscher Herrmann und Brach vorgelegt. Das Gremium untersuchte seit 1998 347 Veröffentlichungen der beiden Krebsforscher. Es verglich unveröffentlichte Laborprotokolle mit publizierten Daten und begutachtete Abbildungen.94 von 347 Arbeiten bewerteten die Gutachter als "inkriminiert". 29 dieser Arbeiten enthielten eindeutig manipulierte Daten, bei 64 fand man konkrete Hinweise auf Manipulationen. (fin. )

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