Wer Officer Philip Schnurr beim Umkleiden beobachtet, könnte meinen, er rüstet sich für einen Kriegseinsatz: Mit einem metallenen Klicken lädt er seinen Automatikrevolver durch und steckt ihn in den Holster. Sorgfältig inspiziert er die beiden Ersatzmagazine und verstaut sie mitsamt dem Reizgas, den zwei Paar Handschellen und dem Schlagstock in den Taschen und Schlaufen seines schwarzen Ledergürtels. Zum Schluß streift er sich noch die kugelsichere Weste über, in der Brustpartie ist sie mit einer Metallplatte verstärkt.Freitag abend. Im 71. Polizeibezirk New York bricht die Nachtschicht an. "Alles fertig?" ruft der bullige Schnurr mit den blonden, kurzen Haaren seinem Partner Kevin McDonough zu. "Dann laß uns mal wieder an der Statistik feilen."New Yorks Kriminalitätsrate ist gesunken wie seit 60 Jahren nicht mehr: Zwölf Prozent weniger Verbrechen sind im Halbjahresvergleich 1996 zu 1995 begangen worden, die Anzahl der Morde ist sogar um 14 Prozent zurückgegangen. Und nachdem im Juni drei Serienmörder gefaßt wurden - darunter der sogenannte "Zodiak-Killer", der seit 1990 drei Menschen getötet und sechs verletzt hat - haben die New Yorker ein seltenes Gefühl von Sicherheit. Üble Gegend Aber hier in Crown Heights, Brooklyn, bedeutet das immer noch ein Mord und sechs Vergewaltigungen pro Monat, fünfzehn Autodiebstähle pro Woche, drei bewaffnete Überfälle pro Tag. Der 71. Polizeibezirk gehört zu den übelsten Gegenden der Stadt. Gemessen an der Kriminalitätsrate pro Kopf übertrifft Crown Heights mit seinen 450 000 Bewohnern sogar das berüchtigte East New York. Wegen der vielen illegalen Waffen, die hier kursieren, trägt der Bezirk auch den Namen der Western-Frontstadt Dodge City. "Wenn du hier gearbeitet hast, kommst du überall durch", sagt der 26jährige Schnurr.Block für Block, Straße für Straße streifen wir im Polizei-Chevrolet durch das Revier. Vorbei an dem Platz, wo früher das Stadion der landesweit bekannten Brooklyn Dodgers stand. Bis die Baseball-Mannschaft Ende der 40er Jahre nach Los Angeles zog, "war Crown Heigths der Bezirk, in dem man in New York wohnte", erzählt Schnurr. Anstelle der Spielstätte ragt jetzt ein riesiger Beton-Wohnkomplex in den Himmel; 25 000 Menschen leben hier - ausnahmslos Schwarze. "Bevor wir da reingehen, holen wir mindestens einen Wagen Verstärkung", sagt McDonough. 1989 wurde hier ein Officer erschossen, als er einen Ehestreit schlichten wollte.Vorbei an der ehemaligen Eisengießerei, die früher die gesamte US-Marine mit Stahltüren belieferte. Verblieben ist eine dunkle Industrieruine, die aussieht wie ein verfaulter Zahn. Die Zäune sind durchlöchert, die Türen stehen offen, im Inneren liegen benutzte Spritzen und Crackpfeifen. "Aber so schlimm das hier auch aussieht, sie hätten das mal vor zwei Jahren sehen sollen", sagt McDonough, während wir an überquellenden Mülltonnen und verlassenen Häusern vorbeifahren. "Es hat sich verdammt gebessert."Routinearbeiten: McDonough und Schnurr verteilen Strafzettel an die Fahrer illegaler Taxen, die an einer belebten Straßenecke auf Passagiere warten, ermahnen einen Obdachlosen, der auf der Straße Bier trinkt: Mit Waffe in der Hand kontrollieren sie ein leerstehendes Haus, das als Junkietreffpunkt bekannt ist.Schnurr und sein Partner gehören zur "Conditions"-Abteilung. "Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit, Ruhestörung, Marihuana-Rauchen - wir sollen die Straßen von solchen Sachen freihalten", erklärt der 31jährige McDonough. Unter dem Stichwort "Verbrechen gegen die Lebensqualität" geht die Polizei seit zwei Jahren verstärkt gegen diese Kleinkriminalität vor: Neue Gesetze gegen Betteln in der Nähe von Geldautomaten und in der U-Bahn haben den Cops weitere Mittel der Strafverfolgung in die Hand gegeben. Denn Polizeiführung und Kriminologen halten diese Taktik für einen der Gründe der kontinuierlich sinkenden Kriminalitätsrate in der Stadt.Ein anderer Grund ist auch das massive Polizeiaufgebot: Allein in Crown Heigths sind im letzten Monat 20 neue Cops eingestellt worden, und neben den offiziellen Polizeiwagen streifen heute abend noch zwei Dutzend Wagen der Abteilungen Drogenfahndung, Schwerstkriminalität und einer stadtteilübergreifenden Task Force durch die Straßen. Haß und Straßenschlacht Um sich frühzeitig über Probleme in der Nachbarschaft zu informieren, gehen Polizisten der Abteilung "Kommunale Angelegenheiten" zudem regelmäßig auf Mietertreffen und versuchen zwischen den ethnischen Gruppen des Bezirks zu vermitteln. "Die leisten hier großartige Arbeit", sagt McDonough. "Ohne die würde hier gar nichts laufen."Denn die Probleme des 71. Bezirks sind nicht nur die Junkies, die Dealer und die Schießwütigen. Der 71. Bezirk ist auch das in 250 Wohnblocks gepreßte Scheitern des Schmelztiegels USA: Mehr als drei Viertel der Bewohner sind schwarz, die anderen sind Einwanderer aus Südamerika sowie ein paar Weiße, die in ihrem eigenen Straßenzug leben.Und orthodoxe Juden. Crown Heights ist ihre Zentrale. Nachdem 1991 ein chassidischer Jude versehentlich zwei schwarze Kinder überfahren hat und dabei eines tötete, explodierte Crown Heights. Orthodoxe Juden und Schwarze lieferten sich tagelang Straßenschlachten, ein Rabbiner-Student wurde erstochen."Die hassen sich, das ist unglaublich", meint Schnurr, "es kann jeden Moment wieder losgehen." So wie vor zwei Tagen: Ein Schwarzer blockierte mit seinem Wagen unabsichtlich die Einfahrt eines Hauses, aus dem gerade ein orthodoxer Jude herausfahren wollte. Ein Wort gab schnell das andere; als die Cops eintrafen, schlugen beide schon mit Wagenhebern aufeinander ein. Nur stundenlange Verhandlungen zwischen der Polizei und den Gemeindepfarrern konnten einen Gewaltausbruch wie vor fünf Jahren verhindern. Giulianis Erfolge 21.30 Uhr: An einer Straßenecke würfelt eine Gruppe Jugendlicher um Geld. Als sie den Streifenwagen sehen, lassen sie die Würfel schnell in ihren Taschen verschwinden. "Macht, daß Ihr weggkommt!" dröhnt Schnurrs Stimme durch den Lautsprecher. "Das nächste Mal nehmen wir Euch mit." "Scheiß Giuliani", ruft ein Junge noch zurück, bevor er schnell in einen Hauseingang läuft.Gemeint ist Rudolph Giuliani, New Yorks Bürgermeister. Seit seinem Amtsantritt 1993 hat er sich den Kampf gegen die Kriminalität auf die Fahnen geschrieben. Er hat die neue Polizeitaktik vorangetrieben, unter ihm ist mit 38 000 Cops die größte Polizeitruppe der USA aufgebaut worden. Und da er die Erfolge in der Verbrechensbekämpfung medienwirksam zu inszenieren weiß, ist seine Wiederwahl im kommenden Jahr so gut wie gesichert.Edward Norris ist unter ihm zum Chef der Abteilung "Operations", einem der höchsten Polizeiposten der Stadt, aufgestiegen. Stolz präsentiert er dem Besucher die neuesten Statistiken: New York steht im landesweiten Vergleich der Verbrechensbekämpfung demnach an zweiter Stelle. "Zwischen 1993 und 1995 sank der Kriminalitätsindex um fast ein Viertel", sagt Norris. "Das Image New Yorks als Mordmetropole hat sich total geändert", wäre doch die US-Verbrechensrate ohne den Beitrag der 13-Millionen-Stadt kaum gesunken. Norris: "Jetzt kommen sogar die Kollegen aus Deutschland und Japan, um unsere Taktik zu studieren."Kritiker bezweifeln den alleinigen Verdienst Giulianis und der Polizei. Entscheidend für den Rückgang der Verbrechen ist ihrer Meinung, daß der verheerende Crack-Boom vorüber ist, und das eher beruhigende Heroin den Drogenhandel bestimmt. Außerdem habe sich die Bevölkerungsstruktur verändert, der Anteil der Generation mit der höchsten Kriminalitätsrate - Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahre - sei deutlich gesunken.Bürgerrechtsorganisationen wie amnesty international beklagen zudem das zunehmend brutale Vorgehen der Cops, besonders gegenüber Minderheiten. In einem im Juni veröffentlichten Report listet amnesty 90 Fälle auf, in denen Verdächtige durch Polizisten mißhandelt und sogar getötet worden sind. Schwarzer im T-Shirt Schnurr und McDonough können mit solchen Anfeindungen nichts anfangen. "Giuliani läßt uns endlich das machen, was wir tun müssen. Uns waren lang genug die Hände gebunden", sagt Schnurr. "Während wir früher allzu oft auf der Anklagebank saßen, stärkt uns Giuliani jetzt den Rücken", fügt McDonough hinzu, während er den Polizeiwagen durch die Straßen steuert.22.30 Uhr: "Schwarzer in weißem T-Shirt, schwarzer Hose und Pistole, Foster Avenue", schnarrt es durch das Funkgerät. "Da sind wir nahe dran", sagt McDonaugh und beschleunigt den Chevrolet. "Ein 1030 - bewaffneter Überfall", fügt Schnurr knapp hinzu. Siebzig, achtzig, neunzig, mit hundert rasen wir die schmalen Straßen entlang, dann ein abrupter Stopp, mit Scheinwerfern tastet McDonough die Häuser ab. Ständig plärren neue Ortsbeschreibungen aus dem Funkgerät. Anfahren, Bremsen, Abtasten.Drei weitere Polizeiwagen treffen quietschend an einer Straßenecke ein. McDonough, Schnurr und zwei andere Polizisten springen aus den Autos, zielen mit ihren Waffen auf einen jungen Schwarzen. "Beweg Dich bloß nicht!" brüllt Schnurr den verängstigten Jungen - weißes T-Shirt, schwarze Hose - an. Zwei Polizisten tasten ihn ab, finden keine Waffe. "Nichts für ungut", ruft einer der Polizisten dem Jungen noch zu, als sie wieder in die Wagen steigen. McDonough gibt Gas, die Suche geht weiter. "Egal, was die Statistiken sagen", sagt er, "wir haben hier genug Arbeit für ein ganzes Leben." +++