Die Krise der Süddeutschen Zeitung wird durch den Streit der Gesellschafter noch verschärft: Auflage senken!

Das widerspricht allen marktwirtschaftlichen Regeln: Erst jüngst stieg die Auflage wieder um ein Prozent, und trotzdem erlebt die Süddeutsche Zeitung (SZ), mit 443 000 verkauften Exemplaren Deutschlands erfolgreichstes überregionales Blatt, die schlimmste Krise. 30 Millionen Euro Verluste schrieb die Zeitung nach internen Schätzungen in diesem Jahr. Insgesamt benötigt sie 100 Millionen Euro, um den Liquiditätsengpass zu überwinden. Erst im Juli kündigte der Verlag den Abbau von zehn Prozent aller Arbeitsplätze an - insgesamt sind 500 Mitarbeiter betroffen, in der Redaktion der SZ sollen 40 bis 50 Stellen wegfallen. Gerade wurde die Auszahlung des Weihnachtsgeldes vom 22. November auf den 12. Dezember verschoben. Möglicherweise wird die Zeitung, die in der Hand von fünf Familien ist, einen neuen Miteigentümer bekommen. Der Holtzbrinck-Verlag, die Madsack-Gruppe, Verleger Dirk Ippen sowie die Medien Union Ludwigshafen haben bereits Angebote eingereicht. Doch mit wem die fünf Eigentümer verhandeln, die untereinander zerstritten sind und nur noch über Rechtsanwälte kommunizieren, ist der Redaktion sowie der Geschäftsführung unklar.Bislang keine EinigungDie Eigentümer verhandeln fast täglich miteinander. Sie müssen ihre Entscheidungen einvernehmlich treffen, konnten sich bislang aber weder darauf einigen, dem Verlag die benötigten 100 Millionen Euro zuzuschießen, noch darauf, einen neuen Geldgeber in ihrem Kreis aufzunehmen. Auch dafür ist Einvernehmen notwendig, damit keiner der fünf sein Vorkaufsrecht ausübt, wodurch ihm die Anteile zu einem niedrigen Preis verkauft werden müssten. Freilich könnten auch Verkäufe Geld bringen: Während die Süddeutsche Zeitung nicht zur Disposition steht, überlegt der Verlag, seine Regionalzeitungen oder den Fachverlag zu verkaufen. Für beide ist die Nachfrage momentan jedoch sehr gering, so dass sie nur geringe Erlöse bringen würden. Also doch ein neuer Gesellschafter?Die Redaktion kann dem Treiben nur hilflos zuschauen. Claus Schönauer, seit 42 Jahren bei der SZ und Vorsitzender des Betriebsrats, kritisiert die Informationspolitik des Verlags: "Die Belegschaft wird an der Nase herumgeführt." Auch ein Treffen mit dem Vorsitzenden der Eigentümer, Hanns-Jörg Dürrmeier, brachte in der vergangenen Woche keine Klarheit, wie es weitergeht. Bis kommenden Freitag noch durchforstet die Unternehmensberatung Roland Berger das Haus, müssen Abteilungsleiter Vorschläge über weitere Sparmaßnahmen erarbeiten. Im Verlag rechnet man damit, dass es nach dem 15. November erneut zu Kündigungen kommt. Von weiteren Stellenstreichungen im "unteren zweistelligen Bereich" ist die Rede. Im Visier unter anderem: die Online-Ausgabe der "Süddeutschen". Unangetastet sollen die NRW-Ausgabe sowie das Magazin bleiben, das im September erstmals schwarze Zahlen schrieb. Mit ungewöhnlichen Sparvorschlägen versucht man, die Zeitung zu retten. So riet Roland Berger der Geschäftsführung, der Verlag solle die Druckauflage verringern, um die Quote der Exemplare zu senken, die unverkauft von den Kiosken zurückkommen. Mit einem Rückgang von etwa 20 000 Exemplaren könnte der Verlag durchaus leben. Die Folge wäre allerdings, dass zum Beispiel abgelegene Kioske nicht mehr beliefert würden.Die Redakteure wissen nicht, was sie tun sollen. Der Geschäftsführung geht es ähnlich. Nicht einmal sie weiß, woran sie mit den Verlegern ist. Es sei ein "führungsloser Haufen", klagt ein Beteiligter. Ein anderer wirft den Eigentümern vor, die Zeitung nur als Geldquelle genutzt und jahrelang die Profite abgezogen zu haben. Einzig Herbert Riehl-Heyse, preisgekrönter Autor und seit 1971 SZ-Redakteur, äußerte sich öffentlich. Als die Krise seiner Zeitung zum Thema in den Nachrichtenmagazinen Focus und Spiegel wurde, kritisierte er in einem ungewöhnlichen Meinungsartikel auf der SZ-Medienseite die Berichte als Panikmache und forderte mehr Solidarität mit der SZ.Es sei ihm nicht darum gegangen, dass man nichts Böses über die SZ schreiben dürfe, sagt Riehl-Heyse heute. In der Berichterstattung über die Krise der überregionalen Blätter komme seiner Ansicht nach eine andere Diskussion zu kurz: Dass die Institution Tageszeitung als Kulturgut in Gefahr sei. "Vor allem durch den Wegfall der Stellenanzeigen", sagt er, "ist die Finanzierung des Qualitätsjournalismus ernsthaft gefährdet." Bis zu 50 Prozent brachen die Stellenanzeigen im vergangenen Jahr ein. In diesem Jahr ist die Lage noch schlimmer.Tiefgreifende VeränderungenHerbert Riehl-Heyse ist nicht der Einzige, der tiefgreifendere Veränderungen in der deutschen Presselandschaft fürchtet. Ein leitender Redakteur, der allerdings ungenannt bleiben möchte, sagt: "Wenn sich die Lage nicht bessert, wird es die Zeitung in einem halben Jahr so nicht mehr geben." Nach allen Prognosen ist eine Besserung der Anzeigenlage frühestens 2004 zu erwarten.Spricht man den legendären SZ-Autor Ernst Müller-Meiningen jr. auf die Krise an, verweist er auf sein Buch "Orden, Spießer, Pfeffersäcke", in dem er das Grundübel beschreibt. Die Wurzel aller Probleme bestünde darin, dass man den Verlegern auch das Eigentum an Verlag und Zeitung überlassen hat. Den 94-Jährigen, der mehrere Jahrzehnte Vorbild für viele Journalisten war, verbindet eine innige Feindschaft mit den Gesellschafterfamilien. Als er den Verleger Goldschagg einmal als "Lord Bleistiftbewahrer" bezeichnet hatte und den Verlegern heftige Vorwürfe machte, weil sie 42 Mitarbeitern kündigten, aber sich selbst nicht mit ihrem Millionenvermögen und ihrer Kapitalsrente begnügten, sondern auch noch ein üppiges Jahresgehalt zuteilten, wurde er gefeuert. Obwohl gekündigt, ging er weiter ins Büro, als wäre nichts gewesen - und spielte nebenbei Tennis mit dem Lokalchef und Verleger Werner Friedmann. Vor dem Rauswurf hatte er sich in den Betriebsrat wählen lassen. Die Kündigung wurde nie rechtskräftig.Die Krise nagt am Selbstbewusstsein der Belegschaft. Man hätte die FAZ nicht nur in der Auflage, sondern auch in der publizistischen Dominanz überholen können. "Diesmal waren wir so nah dran", sagt ein langjähriger Mitarbeiter. "Wieder nichts."Die fünf Eigentümer des Verlages // Hanns-Jörg Dürrrmeier, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung, hält 10,2 Prozent. Er tritt als Sprecher der Eigentümer auf.Peter von Seidlein besitzt 23,1 Prozent. Der Münchner Architekt läss t sich von seiner Tochter Maria-Theresia, einer TV-Produzentin, vertreten. Sie verhandelt nur noch über einen Anwalt.Christian Goldschagg vertritt die Familiengesellschaft Goldschagg, die ebenfalls 23,1 Prozent hält. Der frühere Vize-Weltmeister im Bahnradfahren besitzt eine Fitnesskette. Auch er spricht nur noch über einen Anwalt mit den anderen Eigentümern.Die Erben von Alfred Schwingenstein (20,5 Prozent) werden durch den Anwalt Carl Peter Fichtmüller vertreten.Johannes Friedmann, Verleger der Abendzeitung, vertritt die Familie Friedmann (23,1 Prozent).DPA/FRANK LEONHARDT Der Süddeutsche Verlag sucht nach einem Ausweg aus der Misere.