Diese Regierung nimmt uns das Menschliche" - mit solchen drastischen Worten wandte sich der niederländische Dichter Ramsey Nasr im Juni auf einer Protestdemo in Den Haag gegen die Kulturpolitik von Premier Mark Rutte. Nasr gilt als eine moderne Variante des mittelalterlichen Hofdichters und in dieser Funktion ist seine Stimme im öffentlichen Diskurs von Einfluss. Nasrs scharfes Urteil holt weit aus. Die geplanten Kulturkürzungen der bürgerlich-konservativen Minderheitsregierung, die von Geert Wilders und seiner rechtspopulistischen PVV geduldet wird, sprechen jedoch auch eine deutliche Sprache.Bis dato wird der Kultursektor in den Niederlanden mit jährlich 950 Millionen Euro subventioniert. Ab 2013 soll dieser Betrag um 200 Millionen gekürzt werden - das bedeutet einen Rückgang von mehr als 20 Prozent. Nachdem Kulturminister Halbe Zijlstra sein Programm unter dem euphemistischen Titel "Mehr als Qualität: eine neue Sicht auf die Kulturpolitik" Anfang Juni dem Parlament vorgestellt hat, wird nun deutlich, wie die derzeitige Regierung die Einsparungen umsetzen will. Dazu gehört eine klare Ungleichverteilung der Lasten zwischen den einzelnen Sparten im Kulturbereich. Bildende und Darstellende Künste sind z. B. von Kürzungen mit 44 Prozent bzw. 31 Prozent unverhältnismäßig stark betroffen. Das bedeutet letztlich Kahlschlag und es sind nicht nur Sachzwänge, die zu derartigen Einschnitten geführt haben. Im inzwischen politisch salonfähig gewordenen populistischen Diskurs wird Kultur schon gern einmal als "linkes Hobby" bezeichnet, als Freizeitbeschäftigung für Alt-68er. Halbe Zijlstra verteidigt seinen Kurs immer wieder mit der Begründung, die Kultur wieder "gesund" machen zu wollen. In seiner Rezeption bedeutet das: den Einfluss der öffentlichen Hand zurückdrängen und im Gegenzug mehr marktwirtschaftliche Wirkungsprinzipien stimulieren. Kulturelle Einrichtungen sollen einen noch größeren Teil ihres Budgets über Publikumseinnahmen abdecken. Die Auswirkungen dieser Politik reichen weit, da sich Kultur einerseits für den Konsumenten verteuert und andererseits die Autonomie der Kulturschaffenden angetastet wird: Die Stimme des Publikums soll für sie ökonomisch zwingender werden.Es ist die Kultur, sagt Ramsey Nasr, die das menschliche Zusammenleben von dem der Tiere unterscheidet. Was soll eine Regierung in diesem Zusammenhang tun, um das Menschliche zu erhalten?-----------------------Der Autor Johannes Konst hat eine Professur am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der FU Berlin.