Was genau geschah in der Bar Vernissage im Skiort Zürs am Arlberg, will Mehmet Scholl nicht mehr wissen. Kein Wunder, an die 20 Weißbier (0,3 Liter) soll der Profi des FC Bayern München laut Augenzeugen intus gehabt haben, als er einem Gast an die Wäsche ging, ihn am Ohr packte und Kontra gab, "weil der mich schlimm beleidigt hat". Die Teamgefährten Oliver Kahn und Oliver Kreuzer beendeten das Handgemenge, womit Scholl gar nicht einverstanden war. Auf dem Heimweg ins Hotel fiel der Nationalspieler erneut aus der Rolle und ging nun auf den Kollegen Kreuzer los. Beim Gerangel krachten beide gegen ein Auto. Was als harmonischer Skiurlaub zum Jahresabschluß gedacht war - den Bayern-Bossen wird es, nolens volens, als "Die Nacht von Zürs" in Erinnerung bleiben.Die Nacht, in der die Leitlinien der Bayern-Pädagogik erschüttert wurden. Mit den höchsten Gehältern aller Bundesligisten (neben Borussia Dortmund) sollen die besten Profis nach München gelockt und Meisterschaften im Abonnement gefeiert werden - so das Credo von Präsident Franz Beckenbauer & Co.Geschätzte 1,5 Millionen Mark pro Jahr beträgt das Gehalt von Scholl. Damit kann einer die Puppen tanzen lassen. Doch danach war Mehmet nicht mehr zumute. Mit 26 steckt er in einer Lebenskrise. Manager Uli Hoeneß trat kurz nach den Vorfällen von Zürs vor die Mannschaft und erklärte, er fürchte, daß erstmals ein Spieler während seiner aktiven Zeit beim FC Bayern den Boden unter den Füßen verliert. Der Verein glaubt, im Grenzbereich der Fürsorgepflicht angekommen zu sein. Seit Oktober soll Scholl in seiner Freizeit vor allem damit beschäftigt gewesen sein, Rechnungen in Münchner Diskotheken zu begleichen. Der Kummer wurde verdrängt.Im Oktober war Scholls Ehefrau Susanne ausgezogen. Gerade mal drei Monate waren da seit der Geburt des gemeinsamen Sohnes Lucas-Julian vergangen. Die Bankkauffrau - Scholl lernte sie während seiner Lehrjahre beim Karlsruher SC kennen - wandte sich einem Arbeitskollegen zu. Jetzt will sie die Scheidung. Meist wohnt sie bei ihren Eltern, bei Scholl schaut sie nur noch vorbei, um Regularien zu besprechen.Hinzu kam, daß der Mittelfeld-Quirl keine Gelegenheit mehr fand, sich auf dem Spielplatz abzulenken. Seine famosen, oft etwas ziellosen Dribblings waren seit dem 1. November nicht mehr zu bewundern. Eine Sehnenscheiden-Entzündung am Spann legt ihn noch immer lahm. Tatenlos mußte Scholl zusehen, wie die Bayern auch ohne ihn die Liga-Spitze erklommen. Immer öfter suchte er nach Ablenkung. Doch die Realität holte ihn stets wieder ein. Einige derer, die ihn im Münchner Olympiastadion gefeiert haben, nutzten die private Misere zu Hohn und Spott: "Deine Frau !" Erfunden, erdacht? "Ich habe solch eine Pöbelei sogar am hellichten Tage in einem Cafe zusammen mit Mehmet erlebt", versichert ein Teamkollege. Und weiter: "Eine Eskalation habe ich kommen sehen. Mehmet wurde gereizt bis aufs Blut."Nicht selten schlägt in solchen Krisen das Schicksal in seiner zynischen Schärfe zu: Ausgerechnet an dem Tag, an dem der Zoff von Zürs öffentlich wurde, tickerte über die Fernschreiber, Scholl habe den "Goldenen Otto" für den beliebtesten Bundesliga-Profi von den Lesern der Jugend-Zeitschrift "Bravo" bekommen Ausgerechnet Scholls Susanne, eine Bankkauffrau mit steiler Karriere, verwaltete noch immer das Einkommen des Bayern-Profis Ausgerechnet Horst Heldt, ein Spieler des Lokalrivalen TSV 1860 München, gab Scholls Tröster in schlimmen Stunden - dem Hausnachbarn und Kollegen war quasi zeitgleich die Ehefrau davongelaufen.Die Geschichte des Mehmet Scholl reiht sich ein in eine Chronique scandaleuse der Bayern '96. Es gab viele Affären, Episoden, die im vergangenen Jahr über die populärste Fußball-Schule der Republik verbreitet wurden: Ein öffentlich ausgefochtener Rosenkrieg zwischen den auseinandergehenden Lothar und Lolita Matthäus, der Dauerzoff zwischen Matthäus und Jürgen Klinsmann, Otto Rehhagels Rauswurf nach endlosem Theater mit Spielern und Medien.Als Scholl jetzt die Nerven verlor, erhob Uli Hoeneß den Zeigefinger: "Wenn du die Kurve nicht kriegst, werden wir schon wissen, was zu tun ist." Der Manager zürnt auch, weil der Profi - trotz des verordneten Rehabilitationsprogramms in München - eigenmächtig in den Schnee zu den Kollegen gedüst war. Bundestrainer Berti Vogts, der sich der Jugendpflege verschrieben hat, stellt fest: "Wir Trainer sind teils mit Schuld, weil wir die jungen Profis mit ihrem vielen Geld und ihren vielen Problemen alleine lassen."Womit die tiefenscharfe Analyse nicht fern wäre. Der Psychologe Stephan Lermer (München) sieht in Scholl einen Winner-Typen "wie ein Popstar. Andererseits ist er im persönlichen Bereich als Looser geoutet". Doch Scholl habe eine Vorbild-Funktion zu erfüllen, seine Probleme müsse er dezent lösen. Am besten mit einem Psychotrainer an seiner Seite. Das lehnt Bayern-Präsident Beckenbauer strikt ab. Die Mannschaft soll sich als soziales Auffangbecken bewähren. Ob sie bis zum Kern des Problems vordringt? Millionen-Gehälter machen nicht automatisch disziplinierte oder gar glückliche Fußballprofis. Scholl ist bescheiden geworden. Sein Weihnachtswunsch: "Ich möchte nur noch eines. Daß alle bald wieder mit mir zufrieden sind." +++