Die Nacht ist keines Menschen Freund, behauptet ein finsteres Sprichwort. Die Nacht sei Mutter der Gedanken, schwächt ein zweites Sprichwort das Bedrohliche des ersteren ab. Nun hat Max Beckmann sein Bild "Die Nacht" gewiß nicht nach solchen Weisheiten gemalt, und doch ist man versucht, sie hinein- und herauszulesen.Anlaß für solche Deutelei gibt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Deren Direktor Armin Zweite markiert den Ausstellungsherbst ­ wohl durchaus mit Seitenblick auf die Berliner Großausstellung "Deutschlandbilder" ­ entschlossenen Griffs auf Naheliegendes: Er stellt Beckmanns Gemälde "Die Nacht" von 1918/19 aus dem Besitz des Museums in den Mittelpunkt einer intensiven, wenig beschaulichen Ausstellung.Beckmanns Zeitgenossen hatten das Werk ausschließlich als Spiegel des Zeitgeschehens interpretiert; es passiert darin Entsetzliches: Ein Mann wird gehenkt, eine Frau vor den Augen ihres Kindes vergewaltigt. Der verstörte Knabe klammert sich makabrerweise an den Mantel eines der Knechtiger. Bei simpler Lesart des Bildes läuft man Gefahr, ins Plakative zu rutschen, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte Beckmann noch kein Motiv von solch schockierender Brutalität und in solch klaustrophobischer Enge der Szene gemalt ­ bei gleichzeitiger Dynamik des Bildraumes.Die Düsseldorfer Ausstellung hat den Ehrgeiz, dem Betrachter die Vielschichtigkeit des immer nur in einer, nämlich politischer Richtung interpretierten Werkes zu erschließen. Der allgemein-gesellschaftliche Inhalt und das ganz Persönlich-Biographische aber sind, das will die Quintessenz der Ausstellung sein, in diesem Bild nicht voneinander zu trennen. Beckmann stellte Gewalt dar wie noch nie zuvor, aber er begehrt damit auch gegen das allgemeine, lähmende Gefühl der Ausweglosigkeit auf. So gibt er nicht zuletzt Antwort auf die damals, nach der Katastrophe des ersten ­ und später, nach Faschismus und einem noch verheerenderen Zweiten Weltkrieg ­ immer wieder ratlos gestellte Frage nach den Aufgaben der Kunst.Das Bild hat seine graphische Vorgeschichte schon im Jahr 1914, Beckmann hatte den Mord an einer Prostituierten im Hamburger Hafenkneipenmilieu radiert. Das Motiv diente eigentlich als Darstellung von Verrohung und Stumpfheit gegenüber der menschlichen Existenz, geriet aber in seiner Stimmung vergleichsweise erzählerisch. Das fünf Jahre später folgende Gemälde ist in seiner Form neuartig radikal, es wird von einer ganzen Lithographie-Folge begleitet, Titel: "Die Hölle". Für Kunsthistoriker galt die Werkgruppe sogleich als Widerschein des politischen und sozialen Umbruchs nach dem Ersten Weltkrieg. So wäre der (kunst)geschichtliche Weg zum Jahr 1933 und damit zu der Zäsur, bei der die Berliner "Deutschlandbilder"-Ausstellung ansetzt, sinnfällig gezogen.Die nur für Düsseldorf konzipierte Ausstellung versammelt jedoch absichtlich 90 weitere Gemälde, Zeichnungen und Graphiken Beckmanns. Eindringlich und auch geschickt ist der Kontext gewählt. So begegnet man noch vor dem Anblick des gewaltsamen "Nacht"-Gemäldes einem verquält-grüblerischen "Selbstbildnis mit rotem Schal" von 1917, in dem Beckmann sich gnadenlos als Skeptiker gegenüber dem eigenen Ich darstellte. Gerade an diesem Punkt der Ausstellung wird klar, daß es ihr über die geschichtliche Brisanz hinaus um wesentliche persönliche Aspekte in Beckmanns Kunst geht, wenn nicht gar um den Wendepunkt in seinem Schaffen.Lange Zeit sah die Kunstwissenschaft das große Bild "Die Nacht" ausschließlich als Reaktion des Malers auf Krieg, Revolution und soziale Umbrüche im untergegangenen Kaiserreich. Die schon erwähnte Lithographie-Folge mag an dieser einseitigen Auslegung nicht unschuldig sein, ging Beckmann darin doch in veristischem Stil auf die Nachkriegszeit in den Großstädten ein; sogar auf die Morde an Kurt Eisner und Rosa Luxemburg. Der zentrale Steindruck der Folge "Die Nacht" zeigt Gewalt noch pur. Das große Gemälde gleichen Titels aber offenbart eine sarkastische Wandlung: Es verschlüsselt zu Zeichen."Die Nacht" wird für Beckmann zur Zäsur. Fortan finden sich keine impressiven Elemente mehr in seiner Bildwelt, exemplarisch belegen es gerade auch die Zeichnungen jener Jahre. Expressionistische Stilmittel bestimmen das Bildgeschehen: Stürzende Perspektiven, spitze, splittrige Formen, maskenhafte Gesichter, monströse Kostümierungen und Instrumente, halb Spielzeug, halb Waffen, überziehen die wie in ein Gefängnis ­ oder eine Guckkastenbühne? ­ gesperrten Leinwand- und Papierformate. Bei alledem aber ist die immense formale "Beherrschung" des Malers zu spüren. Etwas, das er selbst als angestrebte "transzendente Sachlichkeit" bezeichnet hat.Beckmann wurde zum Allegoriker. Die in die Familienszene eindringenden Mörder übernehmen offensichtlich die Funktion von Schicksalsmächten. Das traumatische Erlebnis der Kriegskatastrophe ging für den Künstler einher mit der Zerrüttung seiner Ehe mit der Malerin Minna Tube. Sein Lebensplan schien gescheitert. Links und rechts vom Hauptbild finden sich Familienszenen, Motive von Liebespaaren. 1920 malte Beckmann das Bild "Fastnacht", darauf er und seine Geschiedene, ausgeliefert einem nicht mehr zu steuernden, nicht mehr zu entrinnenden Mummenschanz mit umgestürzten Kerzen und stummen Blechblasinstrumenten.Von der "Nacht" an werden die Figuren und Dinge in Beckmanns Bildern stets mit symbolischer Bedeutung aufgeladen sein. In den 30er und 40er Jahren wird er diese Methode steigern bis ins Mythische: Eine Bildwelt jenseits der Realität.